Ina Brinkmann: Herzmassaker

Ina Brinkmann: HerzmassakerEins vorab – Ina Brinkmanns Debütroman Herzmassaker ist nichts für schwache Nerven und Mägen. Die 25jährige veröffentlichte ihr Erstlingswerk passenderweise beim Lieblings-Undergroundverlag Ubooks. Die Anti-Pop-Reihe dort bedient sich oft einer Art wahnsinnigen Fantasie. Ihre Hauptfigur Patrick Fechner wird von seinem Vater misshandelt, aber mit Methoden, die man sich kaum bildlich vorstellen mag. Ina Brinkmanns Schreibstil erinnert hier sehr an Dirk Bernemanns in Satt. Sauber. Sicher.

Aber erst einmal zum Anfang. Und dieser erinnert dann eher an Mirjam Dreers Kleinstadtschlampe. Denn jedes Kapitel hat ein eigenes Songzitat. Da können schon mal Panic! At The Disco, Placebo, Genesis und Coldplay völlig aus den Zusammenhang gerissen werden. Und auch ansonsten hat Herzmassaker wenig mit Kleinstadtschlampe gemeinsam – auch wenn die Themen Sex und Drogen ganz groß darin sind. Tatsächlich ist der Beginn sehr gewöhnungsbedürftig. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Patrick, der gerne Dackel und andere Haustiere tötet und Mädchen vergewaltigt.

Seinem „Dad“ ist das egal, der rastet lieber wegen Kleinigkeiten aus. Patrick ebenso. Eine Mutter hat er nicht – die ist an ihrer Pillensucht zu Grunde gegangen. Eine Affinität für Drogen liegt also in der Familie. Von seiner Mitschülerin Lisa besorgt er sich regelmäßig Gras – und hier fängt ein Hauptkonflikt des Buches an. Die ist nämlich auf einmal mit dem neuen Schüler Bobby zusammen und Patrick tickt eifersüchtig aus. Seine Rachepläne fruchten schließlich bei einer Drogenparty am Kanal. Denn Rache ist eines seiner liebsten Hobbies, beispielsweise, wenn er Rasierklingen in der Freibadrutsche versteckt, nur weil er Hausverbot bekommen hat – wegen Klauen.

Wobei: Das mit dem Verstecken hat sein bester Freund Simon übernommen - von ihm kam „lediglich“ die Idee dazu. Simon ist Autist und Spießer und stellt sich im Laufe des Buchs noch psychotischer als Patrick heraus. Falls das überhaupt möglich ist. Denn der prostituiert seinen besten Kumpel, schlägt Lisa, nennt sie leidenschaftlich gerne „Schlampe“ und vermasselt es sich dann am Schluss sogar mit der einzig sympathischen Figur des Buchs – Mathie, dem Stricher.

Ina Brinkmann findet einige sinnreiche Gedanken und Ideen für Herzmassaker, darunter auch gute Wörter wie „Bierflaschenpark“, doch am liebsten ergeht sie sich in Beschreibungen, die Brechreiz bei dem ein oder anderen verursachen könnten. Dennoch – man hört nicht auf zu lesen. Man möchte das Buch nicht weglegen, bis man die Motivation von Patrick erkannt hat. Nimmt er Drogen, um die Schläge seines Vaters und dessen Freunde zu vergessen? Ergötzt er sich an dem Tod seines Dealers Frankie, weil dieser Simon missbraucht hat? Das Fazit gibt Lisas Cousine Hannah schließlich: „Tu doch nicht so. Du bist ein Arschloch. Du bist es gerne. Du bist genau wie sie und ihr steht doch – alle miteinander – voll drauf, so zu sein.“ Simone Bauer 

 

Ina Brinkmann: Herzmassaker
Erschienen im Ubooks Verlag (01.06.2011)

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