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Sonnenrot 09: So war's
Sunday, 19 July 2009 13:45
Sonnenrot 09: Die Ruhe nach dem Sturm"Der Klimawandel macht sich jetzt auch im Rock'n'Roll bemerkbar", erkennt Olli Schulz am Samstag bei seinem nachmittäglichen Konzert auf der Zeltbühne des Sonnenrot Festivals 2009. Das Unwetter am Abend zuvor hatte Veranstalter und Festivalbesucher auf eine harte Probe gestellt:


Windböen von 120 Stundenkilometern, sintflutartiger Regen, Campingplatz evakuiert, 4000 Fans finden Zuflucht in einer Turnhalle. Eine zerstörte Hauptbühne, der Ausfall des Headliners und ein verkürztes Programm am zweiten Festivaltag sind das ernüchternde Ergebnis.

 

Doch am Anfang war die Sonne: Der Freitagnachmittag empfängt die Sonnenrot-Gäste auf einem perfekten Festivalgelände am Echinger See, wo das Sonnenrot 2009 eine neue Heimat gefunden hat. Muff Potter spielen das am frühen Abend noch spärlich vertretene Publikum vor der Hauptbühne warm, während The Staggers aus Österreich auf der Zeltbühne ein erstes überraschendes Highlight abliefern: 60s-Garage-Rock mit selbstironischer Bühnenshow und authentischer Instrumentierung.

 

Die an diesem Abend spektakulärste Bühnenpräsenz liefert gleich danach Peaches. Die Electro-Provokateurin lässt sich auch von einem 18-Uhr-Auftritt auf der Nebenbühne nicht ausbremsen. Berührungs- und Höhenangst kennt die Kanadierin nicht: Crowdsurfing nach dem dritten Song, Klettereskapaden auf dem Bühnengerüst und schließlich im kompletten Set fast mehr Kostüm- als Akkordwechsel.

 

Als The Rakes die Hauptbühne betreten, scheinen sich immer noch mehr Fans am Badesee als auf dem Festivalgelände zu befinden. Drückende Schwüle und mangelndes Publikum sind für Sänger Alan Donahoe jedoch noch lang kein Grund, auf eine energiegeladene Bühnenshow zu verzichten. Wie ein Duracell-Hase auf Ritalin zappelt der Londoner über die Bühne und sorgt so dafür, dass The Rakes den Festivalbesuchern sicher in Erinnerung bleiben werden.

 

Während sich der Himmel über Eching langsam verdunkelt, ergrünt der Platz vor der Hauptbühne: grüne T-Shirts, Kleeblätter und Kilts, soweit das Auge reicht. Die irisch-amerikanischen Dropkick Murphys scheinen für sehr viele Festivalbesucher der Hauptgrund für den Ticketkauf gewesen zu sein. Dementsprechend groß ist die Begeisterung, manche der mitunter weit angereisten Fans sprechen von einem "Jahrhundertkonzert".

 

Die meisten hatten wohl schon geahnt, dass dieser Auftritt der vorläufige Höhepunkt des Festivals wird. Während die Berliner Hip-Hop-Puppenspieler Puppetmastaz gerade ihren Set auf der Nebenbühne beginnen, bricht das Unwetter los. Der Sturm bringt das Zelt bedenklich zum Schwanken. Erste Regentropfen fallen, die Security fordert zum Verlassen des Geländes auf: "Hier ist gleich die Hölle los, geht in eure Zelte!"

 

Soweit schaffen es die meisten jedoch nicht mehr, bevor der Wolkenbruch und das Gewitter über das Gelände fegen. In den noch stehenden Zelten und Pavillons bilden sich spontane Notgemeinschaften. Bis zu zwölf Leute stapeln sich in Dreimannzelten, als Polizei und Feuerwehr schließlich über Lautsprecher zur Evakuierung des Geländes aufrufen. Shuttlebusse und Polizeiautos bringen knapp 4000 durchnässte Festivalbesucher in die Notunterkunft in einer Echinger Turnhalle. Die Auftritte von Tricky, Puppetmastaz und dem Headliner Snow Patrol werden zum Leidwesen vieler Fans ersatzlos gestrichen. Ob das Festival am nächsten Tag noch weitergeht, bleibt an diesem Abend unklar.

 

Aufatmen am nächsten Tag: Die Veranstalter entscheiden sich, das Festival am Samstag im Zelt mit gekürztem Programm fortzusetzen, da die Hauptbühne beschädigt ist und nicht mehr bespielt werden kann. Den Kürzungen fallen leider Scott Matthew, Manekin Peace, Rainer von Vielen, Iriepathie und Auletta zum Opfer. Die Franzosen The Dø hatten ihren Auftritt wegen Erkrankung der Sängerin bereits vor Festivalbeginn abgesagt.

 

Die siebenköpfige isländische Band Hjaltalin eröffnet vor stark dezimiertem Publikum gegen 15 Uhr das Notprogramm mit sphärischem Art-Rock um Fagott, Violine und Falsett. Olli Schulz, unwettererprobt vom Vorabend, als er im strömenden Regen vor 300 tapferen Fans in Ulm spielte, liefert in bester Spiellaune einen begeisternden Set.

 

Mit The Rifles betritt die einzige britische Band des Tages die Bühne. Die Engländer sind schlechtes Wetter gewohnt und überzeugen mit einem soliden Best-Of-Programm. Inzwischen haben auch deutlich mehr Fans ihren Weg in das regengeschützte Zelt gefunden und feiern zu Hits wie She's Got Standards und Great Escape. Die Kölner Klee leiten schließlich gefolgt von Sugarplum Fairy das deutsch-schwedische Abendprogramm ein.

 

"Ich bin ein schwedischer Junge. Ich habe eine große Gitarre." Anders Wendin aka Moneybrother hat für seinen Auftritt beim Sonnenrot-Festival offenbar fleißig deutsch gelernt. Im Interview vor dem Auftritt hatte er uns zwar noch anvertraut, dass er als Schwede vom deutschen Wetter mehr erwartet hätte ("Ich habe meine Badehose mitgebracht und wollte hier Tiger und Löwen sehen!"), doch von Enttäuschung ist auf der Bühne nichts zu spüren. Neben Klassikern wie Reconsider Me und Blow Him Back Into My Arms gibt es auch neue Stücke zu hören, die bei den Fans die Vorfreude auf das im September erscheinende neue Album deutlich steigern.

 

Die epische Facette des schwedischen Rocks bedienen daraufhin The Soundtrack Of Our Lives. Eine bombastische Ladung 70s-Rock mit messianischem Gestus des Sängers Ebbot Lundberg bildet den Höhepunkt des Indie-Rock-Menüs des Festivals.

 

Die Veranstalter haben bei der Auswahl des Festivalprogramms Mut zur Vielseitigkeit bewiesen, und so füllt sich nach dem Auftritt von TSOOL das Zelt stetig mit in Mülltüten gehüllten Teenagern, die sich bereit machen für die finale Hip-Hop-Schlacht mit Samy Deluxe und Deichkind.

 

"Sonne-Strand-Musik-Bier-36 Bands-3 Bühnen-Strandbad" hatten die Festivalorganisatoren auf der Sonnerot-Website angekündigt. Übrig blieben nach zwei Tagen: 18 Bands auf zweieinhalb Bühnen, knöcheltiefe Pfützen auf dem Festivalgelände, jede Menge zerstörte Zelte - und dennoch machten leidensfähige Fans, ein abwechslungsreiches Musikprogramm und die auch auf den Ernstfall vorbereiteten Veranstalter das Sonnenrot Festival 2009 zu einem Erlebnis. Wetterprophet Olli Schulz behält hoffentlich Recht mit seiner Vorhersage für das Sonnenrot 2010: "Und die Show fängt wieder an, wenn die Sonne wieder scheint." Christian Schober/Bettina Koch

 

(17.07./18.07.09)

 





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