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Das Sonnenrot macht seine Sonne tot. So könnte die Schlagzeile heißen. In diesem Jahr hatte das Festival bei Eching mit der Sonne zu kämpfen - sei es mit dem Himmelskörper, der am Freitag mit 36° Grad und mehr aufs Gelände knallte, oder dem eigenen Maskottchen, das am Samstag unter der Last des Dauerregens vom Bühnendach auf die ersten zehn Reihen zu fallen drohte. Zwei Festivaltage wie Tag und Nacht. Dazwischen: Musik, Badesee und Gewitter.
Das zweite Mal fand das Sonnenrot Festival nun im beschaulichen Eching statt. Der Umzug aus dem Süden von München in den Norden scheint der Veranstaltung sichtlich gut zu tun. Die wunderschöne Location direkt neben dem Badesee, das bunte Line-up und die attraktive Aufteilung auf zwei nebeneinander gelegenen Bühnen, die immer im Wechsel bespielt werden, zog in diesem Jahr noch mehr Festival- und Musikfreunde an. Am Samstag war der Zulauf sogar noch größer, viele nahmen das Angebot von Tagestickets wahr.
Musik
Los ging der erste Festivaltag auf der kleineren West Stage in sengender Mittagshitze. Den Anfang machten An Horse vor mäßig vielen Zuschauern, denn viele lagen noch am See. Anajo lockte dann besonders mit ihrem Hit Monika Tanzband die Fans von ihren Badetüchern vor die Bühne. Tatsächlich punkteten die Augsburger mit einer Art Heimvorteil, wenn man Augsburg großzügigerweise zum Einzugsgebiet München zählt. Nach Anajo spielten auf der West Stage Itchy Poopzkid, bei denen sich tatsächlich kleinere Circle Pits vor der Bühne bildeten. Die Allgemeinheit zog es jedoch vor, sich so wenig wie möglich in der Hitze zu bewegen. Die Feuerwehr verschaffte noch während des Konzerts der Punkrocker Abhilfe und setzte ihren Wasserwerfer zu Erfrischungszwecken ein.
Itchy Poopzkid bekamen davon jedoch leider nichts ab, was sie sehr bedauerten. Die verdiente Erfrischung holte sich die Band dafür nach ihrem Konzert direkt im See zwischen Badegästen und Fans. Auch Get Well Soon taten es den Itchys gleich und tauchten nach ihrer Show kurz unter. Noch eine Woche zuvor spielte die Band als Headliner auf dem Phonopop in Rüsselsheim, beim Sonnenrot waren sie am späten Nachmittag auf der kleinen Bühne dran, was sich rückblickend betrachtet als perfektes Timing erwies: Ruhige Musik zum Träumen und wenig Bewegen war genau das Richtige in der prallen Sonne.
Die Kilians hingegen verlangten da schon mehr Körpereinsatz vom Publikum, den man ihnen allerdings gerne gewährte. Live beweisen sie immer wieder welches Potenzial eigentlich in ihnen steckt. Wenn man die Tageshighlights eines Festivals jedoch an den am häufigsten vertretenen Bandshirts misst, waren Flogging Molly die eigentlichen Headliner des ersten Festivaltages. Bei ihrem Auftritt war endlich überall ausreichend Schatten vorhanden, so dass alle genügend Energie zum Abgehen hatten, ohne gleich einen Kreislaufkollaps zu bekommen. Der Irish Folk der Amerikaner funktioniert auf Festivals immer wieder besonders gut. Zu dieser Band stillzustehen funktioniert einfach nicht, da braucht man nicht einmal die CDs zu Hause zu haben oder die Songs zu kennen.
Ganz andere Töne schlugen 2Raumwohnung an. Der Electro-Deutsch-Pop von Inga Humpe und ihren Jungs war der Kracher des Tages, eine Liveshow und Energie ohne Gleichen. Nach 2Raumwohnung setzte dann endlich der ersehnte Regen ein, der jedoch als Jan Delay zu spielen begann in ein Gewitter überging, das die meisten Festivalisten in ihre Zelte trieb oder Unterschlupf suchen ließ. Jan Delay selbst war das Ganze auch nicht geheuer. Während er anfangs noch gemeinsam mit den Fans die Abstände zwischen Blitz und Donner zählte, wurde er zunehmend ängstlicher und versicherte sich nach hinten: „Ihr holt uns hier schon runter, wenn es schlimmer wird, oder?" Tatsächlich wurde der Auftritt dann doch abgebrochen. Doch damit verschwand Jan Delay nicht gänzlich von der Bühne. Zur Überraschung der Donots, die einen denkbar schweren Startplatz als letzte Band des Tages nach dem Gewitter hatten, erstürmte Jan Delay gemeinsam mit seinen Musikern und Tänzern in einer Polonaise die East Stage. Ein Highlight sicherlich für alle jene, die trotz Regen, Gewitter, Kälte und Müdigkeit bis zum Late Night Special ausgeharrt hatten.
Der frühe Samstag war dann fest in skandinavischer Hand: Die finnischen Punkrocker von Disco Ensemble eröffneten den Tag auf der East Stage. Friska Viljor und The Sounds aus Schweden sollten ihnen folgen. Die West Stage war nach Ja, Panik fest in dänischer Hand. Dort gaben sich Dúné und Who Made Who das Mikro in die Hand. Einmal mehr bewiesen die Skandinaven, was für hinreißende und mitreißende Bands sie hervorbringen. Das Folk-Duo Friska Viljor wurde bejubelt, wie keine andere Band an diesem Tag und bekam sogar noch Applaus fürs Instrumentenabbauen, während Dúné schon die West Stage bespielten. Die Dänen jedoch nahmen schnell die Fans für sich ein mit ihrer exzentrischen Bühnenshow, die an diesem Tag nur noch von Bonaparte getoppt werden sollte. Who Made Who, die Diskodänen, machten sich sicher einen Namen unter Electrofans und brachten die Fans mit ihren Beats außer Puste.
Danko Jones schlug da schon eher düstere Töne an: "The Sun is burning. Let's die together" waren die Ansagen, die dann doch recht unterhaltsam waren. Ob der Junge aus der ersten Reihe das jedoch so unterhaltsam fand, als Danko Jones auf dessen T-Shirt schimpfte und die Masche dahinter verriet - "You like Arcade Fire to get layed!" - ließ sich leider nicht mehr recherchieren.
Maja von The Sounds, sexy und hot wie eh und je, brauchte keine Sonne, um dem Publikum einzuheizen. Im Gegenteil: Mit ihrer Show kam auch der Regen, die Abkühlung tat sicher ein paar Jungs in den ersten Reihen richtig gut, angesichts dessen, was Maja trug bzw. nicht trug (eine Hose zum Beispiel). Leider regnete es sich so ein, dass bis in die Nacht das schlechte Wetter anhalten sollte. Viele flüchteten auf den Campingplatz. Dabei waren The Sounds, gemessen am T-Shirt-Barometer, an diesem Tag eigentlich das Highlight, auf das alle gewartet haben.
Wer dachte, dass es Ritter, Prinzessinnen, Hasen und Eisbären nur vor der Bühne im Publikum gibt, wurde bei Bonaparte eines besseren belehrt. Definitiv war das die mit Abstand abgefahrenste Bühnenshow des Festivals. Livekonzerte der Berliner sind wie ein Cosplay japanischer Mangafans auf diversen Comicmessen. Anti, Anti, Too Much, die Klassiker der Berliner und My horse likes you vom neuen Album wurden betanzt, dass es von unten genauso spritzte wie von oben. Dem inzwischen immer schlimmer gewordenen Dauerregen gab sich dann jedoch die Sonnenrot-Sonne über der East Stage geschlagen und fiel unter dem Gewicht in sich zusammen. Das auf ihr angestaute Wasser entlud sich pünktlich zu Beginn von Tocotronic auf die vom Regen bereits gebeutelten Fans der ersten Reihe, die bis auf die Haut durchnässt wurden. Inzwischen war das Publikum auf gut ein Fünftel geschrumpft und auch The Notwist freuten sich über jeden Einzelnen, der noch vor der Bühne stand.
Ein Gewinn für all jene, die wetterfest oder mit viel Vertrauen in ihr Immunsystem ausgestattet waren, war das Ausharren im Regen insofern, dass plötzlich beim Headliner wahnsinnig viel Platz vor der Bühne und Maximo Park buchstäblich zum Greifen nah waren. Ein großartiges Konzert, das im direkten Vergleich einmal mehr bewies, wie unerreicht die ersten Alben, A Certain Trigger und Our Earthly Pleasures leider sind. Paul Smith brach sogar, wie er selbst ankündigte, mit dem ungeschriebenen Gesetz - Spiele niemals neue, unbekannte Songs auf Festivals - und packte einen neuen Song aus, der irgendwo zwischen White Lies, Rammstein und Editors anzusiedeln ist. Das sollte aber nicht die einzige ungewöhnliche Überraschung sein: Das Konzert wurde mittendrin unterbrochen, damit die Feuerwehr der Sonnenrot-Sonne den Todesstoß versetzen konnte. Mit einer Lanze wurde ihr dicker Bauch aufgestochen und ein riesiger Wasserschwaller ergoss sich blutgleich auf die Bühne. Symbolischer konnte das Festival, das einen Tag unter der Sonne, den nächsten unter Regen jeweils in ihrer extremsten Form litt, nicht beendet werden.
Menschen Von erprobten Festivalisten bis zu Abiturientengruppen, von Echinger Anwohnern bis zu Münchner Schickimickis, von Indie-Stylos bis Weihnachtsmännern. Festivals sind Sozialstudien par excellence. Auch in Eching gab es jede Menge zu sehen, zu bestaunen und zu belachen. Ob Ananas auf dem Kopf oder Bärentatzen an den Füßen - alles geht, alles ist erlaubt. Besonders angenehm jedoch war das recht friedvolle, gemütliche Miteinander. Keiner ist im See ertrunken, keiner hat sich schlimm wehgetan, mal von den üblichen Alkoholleichen und Kreislaufkollapsen aufgrund der Hitze abgesehen. Genau die richtige Anzahl Menschen, dass supergute Festivalstimmung aufkommt und es doch niemals so voll ist, dass man nichts sehen könnte. Wer gerade am Freitag den Schattenplatz zwischen den zwei Tontürmen gewählt hat, musste eigentlich außer sich außer um den Sitz-Winkel zu ändern, sich nicht mal groß bewegen und konnte dennoch alles sehen.
Das Festival in Zitaten
"Wer war heute schon alles baden?" Simon von den Kilians zum Publikum und hebt dabei selbst die Hand. "Danke, dass ihr im Regen für uns ausgeharrt habt." The Notwist zu den wenigen Fans im Regen. "Thanks for this great festival!" Friska Viljor auf die Ansage: "Thanks for the great show!" "The Sun is burning, let's die together!" Danko Jones auf der Bühne. "Weirdest thing ever!" Paul Smith, Maximo Park, nach dem Konzert. "Stormy weekend. Firemen invaded our Sonnerot show, then the bus broke down in the middle of France. Zap!" Paul Smith, Maximo Park via Twitter. "Ihr holt uns schon von der Bühne, wenn es schlimmer wird, oder?" Jan Delay während des Konzerts zu den Organisatoren. "Das Wochenende geht in unserer Bandhistory als das Gewitterwochenende ein." Ingo von den Donots nach dem verregneten Konzert.
Manöverkritik
Ein paar kritische Worte aus journalistischer Sicht seien zum Schluss aber dennoch erlaubt: Verbesserungswürdig ist sicher das Krisenmanagement der Festivalleitung. Das Verbot von Tetrapacks und (leeren!) Wasserflaschen hätte man bei 36° Grad sicher etwas flexibler auslegen können - vor allem weil zu Beginn des Festivals die versprochene Trinkwasserstelle noch nicht zur Verfügung stand, sondern erst im Laufe des heißen Nachmittags angeschlossen wurde. Der "Abbau" bzw. der Todesstoß der Sonne am Samstag kam einfach zu spät und zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Warum nicht direkt Tocotronic als alle bei The Notwist vor der anderen Bühne waren?
Bei Problemen auf Campingplatz und Parkplatz entschlossen sich die Verantwortlichen nur widerwillig zur Handlung und ließen andere mit patzigen "Selber schuld"-Ansagen stehen. Sicher wäre die ein oder andere freundlichere Absage auch nicht verkehrt gewesen. Und wünschenswert wäre auf einem Festival mit sehr, sehr vielen jungen Leuten im Schüleralter außerdem, dass der Moderator mit gutem Beispiel vorangeht und nicht ganz so betrunken auf der Bühne erscheinen würde. Für einen Hinweis "Jungs und Mädels, trinkt ausreichend Wasser!" sind sich auf größeren Festivals selbst MTV-Moderatoren nicht zu schade und lassen beim Betreten der Bühne die Bierdose wenigstens am Rand stehen. Keiner will hier den Organisatoren das Feiern verbieten. Nur an die Verantwortung gegenüber vielen auch minderjährigen Jugendlichen sei hier erinnert. Wir würden es nicht erwähnen, wenn es nur halb so schlimm gewesen wäre!
Wenn also an der einen oder anderen Stelle noch etwas nachgefeilt wird, hat das Sonnenrot das Zeug dazu, eines der schönsten Festivals Deutschlands zu werden. Text: Eva Deinert, Fotos: Itje Kleinert
(16.-17.07.10)
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Schulzkowski is super unbedingt mehr davon
Noch was zum Thema: http://likeitis93.blogspot.de/2012/03/save-olli-schulz.html
diese kritik ist sehr schön, weil sie sich ausnahmsweise mal nicht schema f<...
und was war besonders? Welche Songs in der Setlist? Wie viele Instrumente
Für diejenigen, die es interessiert: Ich hab auf meinem privaten Blog noch e...