Die Hochkultur der Subkultur.
Home icon Home»Laut»Interviews»Kettcar: "365 Tage im Jahr meine Antennen draussen"
Kettcar: "365 Tage im Jahr meine Antennen draussen"
Monday, 27 August 2007 15:27
Fußball und Kettcar, das passt!
Ihre Vorgängerband But Alive gehören zu den Meilensteinen der deutschen Punk-Szene, heute singen Kettcar Lieder über Liebe. Zum einen ist das eine Laune von Sänger Markus Wiebusch, zum anderen eine logische Entwicklung der Band. Wieso? Das erklärt er im LAXMag-Interview.

Zum Reinhören: Ich danke der Academy

 

Ihr wart die letzten zwei Jahre mit eurem Album Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen auf Tournee. Wieder ein Album von Kettcar, das sehr emotional ist und in Texten die Gefühlswelt der ganzen Band verarbeitet. Aber was ist es eigentlich, dass euch immer wieder zu solchen Songs bewegt?

Wiebusch: Bewegt klingt so, als wenn wir irgendwie ´nen Arschtritt brauchten, um das da hin zu kriegen. Wir sind mit dem ersten Album "Du und wieviel von deinen Freunden" ja ziemlich erfolgreich geworden so im Laufe der letzten Jahre. Wir haben nach und nach halt so die Songs rangekarrt, waren uns aber nicht sicher, ob wir jetzt schon so weit wären für diese 11 Songs, die jetzt auf dem Album sind und haben uns dann irgendwie mal für ´ne Woche zurückgezogen auf´s Land und dann da die Songs fertig gemacht.

Dann waren wir danach vier Monate im Studio und haben sie da mit unserem Haus-und Hofproduzenten fertig gemacht. Die Unterschiede zum ersten Album – kann man vielleicht auch noch mal kurz skizzieren – sind die, dass man halt... das erste Album ist ja eher so befindlichkeitsfixiert nach innen gerichtet und das eigene Seelenheil darstellend und wie man da vielleicht auch wieder raus kommt.

Das gibt´s beim zweiten Album nicht mehr, weil man jetzt – oder ich jetzt – ein glücklicherer Mensch ist als damals. Jetzt macht man Songs so... wie von ´nem Plateau aus. Ich hab jetzt auch mein erstes Liebeslied geschrieben. Ich hab sehr viele sehr unterschiedliche Songs geschrieben, also politische Songs auch wieder drauf, das gab´s beim ersten Album nicht so. das sind so die Unterschiede. Textlich! Musikalisch gibt´s eigentlich so keine großen Unterschiede.

Gibt´s denn auch Songs, wo du dir – wenn du sie fertig hast – an Kopf fasst und dich fragst, was du da eigentlich fabriziert hast?

Wiebusch: Aber das werdet ihr nie erfahren! (lacht) Tatsächlich gibt´s auch bei dieser Platte einen Song, der heißt „Einer“, wo mich die Band erst darauf aufmerksam machen musste und mir sagen musste „Markus, das ist nichts!“. Ich hab da sehr, sehr viel riskiert. Wenn ihr den Song hört, werdet ihr´s wissen, weil es ist ein sehr, sehr.... anderer Song, als man ihn von Kettcar kennt. Da hab ich noch in der ersten Version viel viel mehr riskiert und sie meinten so „die Idee ist gut, Markus, aber es ist scheiße umgesetzt, mach das nochmal“. Da ist es auch so, dass ich als letzte Kontrollinstanz meine Band hab, wenn etwas richtig aus dem Ruder gerät.

Hast du denn dann auch mal Momente auf der Bühne, wo dich deine Gefühle dann einholen, weil dir die Texte doch etwas nahe gehen? Zu nah vielleicht?

Wiebusch: Diese Emotionalität, oder diese Texte, die ich schreibe – gerade auf dem aktuellen Album sind so zwei, drei Songs drauf, die nehmen mich, wenn ich länger darüber nachdenke, schon auch mit! Weil sie schon auch harte Themen behandeln und mir ja auch sehr viel bedeuten tatsächlich. Da ist es besser, man taucht nicht zu tief ein, indem man drüber nachdenkt, was man da macht. Aber wenn es dann doch passiert, unter anderem auch weil das Publikum – wir erleben das ja auch in letzter Zeit verstärkt, dass das Publikum auch wirklich Zeile für Zeile mitsingt – dann überkommt es einen schon manchmal ganz schön, so mit ´nem Nackenschlag, dass man denkt so „alter Schwede, was geht hier ab grade?“, dass das so viele Leute auch so sehen. Aber das macht man dann schön mit sich selber aus. (grinst)

Hast du denn bestimmte Lieblingsthemen, die du in deine Texte einarbeitest? Themen, die sich vielleicht auch auf dem nächsten Kettcar-Album wieder finden werden?

Wiebusch: Lieblingsthemen gibt es nicht. Ich hab eigentlich, seit mehreren Jahren eigentlich schon, seit ich Songs schreibe – also jetzt für Kettcar – hab ich immer immer 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr meine Antennen draussen. Das heißt, ich guck einen Film, ich lese ein Buch, ich hab ein gutes Gespräch. Ich steh in Stuttgart am Zeitungskiosk und schlag ´ne Zeitung auf und meine Antennen sind immer draussen. Und wenn ich ´nen guten Satz höre, oder ein gutes Thema sehe, hab ich immer mein Buch dabei und schreibe diesen Satz dann auf, weil ich dann auch weiß, dass aus diesem Satz heraus sich vielleicht etwas ergibt.
Und wenn ich ganz viel Zeit habe, arbeite ich diesen Satz dann aus. So entstehen dann all die Texte. Interessanterweise weiß ich schon in dem Moment, in dem ich den Satz aufschreibe, dass ich ´nen Song habe. So viel Erfahrung und Instinkt hab ich dann schon. Bei „48 Stunden“ war´s zum Beispiel so, dass ich halt sehr genau wusste, als ich diesen emotionalen Kern von dem Song hatte, wo´s ja um die Liebe und die räumliche Trennung von zwei Liebenden geht, wo die Liebe da ist ,aber man sich trotzdem trennt, weil man´s nicht aushält, 48 Stunden diese Liebe aufrecht zu erhalten. Da wusste ich schon, ja, da mach ich ´nen Text draus.

Eure Musik hat sich ja nicht immer so angehört wie jetzt. Denn ursprünglich kommst du ja selbst aus der Punk-Szene, aus der Band „... But alive“. War es denn ein schwerer Schritt, vom Punk-Rock zum Pop-Rock?

Wiebusch: Schwierig war´s nicht! Man muss halt nur das machen, woran man glaubt. Und dich hab mich geändert, und das ist auch die Erklärung, wie´s dazu kam. Ich war mir Reimer, mit dem ich auch zusammen bei „Rantanplan“ gespielt habe, irgendwann an einem Punkt innerhalb dieser Punk-Szene, wo ich einfach nicht mehr das machen wollte, was die Leute von mir erwarten. Und weil ich auch schon geistig und auch emotional in einer anderen Musik drin war. Ich hab halt zunehmend ruhigere Sachen gehört und ich finde es so abartig, da an einer Punksache immer weiter zu kleben, wenn man eigentlich schon wo anders ist. Im Grunde genommen st es dann auch grad das Gegenteil von Punk, dann dabei zu bleiben. Und es ist nicht jeder ramones, der 25 Jahre – aus was für Gründen auch immer – das selbe macht, aber ich bin es nicht! Und wenn ich es nicht bin, dann änder ich mich und ich änder auch alles!

Und wenn ich morgen kein Bock mehr auf Pop-Rock habe, sondern nur noch Singer/Songwriter-Musik mache, dann löse ich Kettcar auf, und dann gibt es nur noch Singer/Songwriter-Musik von mir. Und da wird mich niemand, NIEMAND dran hindern. Das ist ´ne Einstellung, von der ich immer gedacht habe, dass sie Punk wäre. Man lässt sich von niemandem was sagen, von keiner Szene, von keiner Plattenfirma, von keiner Band, sondern man macht immer nur das, woran man selber glaubt. Und das ist halt ein Glaube, den hab ich in mir und der wird mich auch für den Rest meines Lebens begleiten und da bin ich auch ganz gut mit gefahren.
Also es gibt halt immer nur diese Punk-Vorwürfe aus einer bestimmten Szene, also diese Kommerz-Vorwürfe, das man jetzt nur noch Kommerz-Musik macht, von Leuten, die Überzeugung eben mit Stagnation verwechseln. Ich kann die Punk-Szene, so wie sie sich heute konstituiert, nicht mehr vergleichen wie vor zehn Jahren und ich will ich auch nicht mehr das selbe machen wie vor zehn Jahren. Und so mach ich halt das, was ich heute mache.

Soviel zu dem Thema. Jetzt ist es ja eh schon fast alles raus, aber komm: Einen kurzen Abriss der Bandgeschichte von Kettcar bitte, für alle die, die euch immernoch nicht richtig kennen.

Wiebusch: Also: wie ihr ja schon eben richtig bemerkt habt kommen wir aus einer Punk-Szene namens „..But alive“ und „Rantanplan“. Wir haben das bis 1999 zusammen durchgezogen, Frank, der Schlagzeuger von Kettcar war auch bei „...But alive“ und ich hab auch bei „... But alive“ gespielt. Wir sind ´99 da raus, Reimer ist ´99 bei „Rantanplan“ ausgestiegen. Da haben Reimer und ich uns hingesetzt und haben gesagt „dieses Land könnte nochmal so ´nen musikalischen Gegenentwurf gebrauchen“ – Gegenentwurf deshalb, weil wir glauben, dass wir einen anderen Weg eingeschlagen sind, als Hamburger Schule oder auch den ganzen andern Quatsch, den es in Deutschland an Popmusik gab, denn wir unterscheiden uns sehr von sowas wie Deutschrock und wir unterscheiden uns aber auch sehr von Hamburger Schule, finde ich.
An diesem musikalischen Konzept haben wir gefeilt. Dann kam 2001 diese Download-Geschichte, da haben wir das Album aufgenommen und uns wollte keiner. Also keine Plattenfirma wollte uns. Das war wirklich sehr sehr deprimierend, weil man dachte „jaaaa, das kann ja nicht sein!“. Uns downloaden zwanzig tausend Leute, wir hatten schon Fans auf Konzerten – in Köln waren zum Beispiel, ohne das es eine Platte von uns gab, 600 Leute auf Konzerten – und da haben wir gedacht:“ So, dann machen wir´s selber“. Dann haben wir das „Grandhotel“ gegründet und dann ging´s ab. Das ist so im groben die Geschichte.

Ihr kommt also aus einer ganz anderen Szene, habt seit eurem ersten Album eine musikalsiche Weiterentwicklung durchlebt. Aber wie ist es bei euren Konzerten: In welchen Verhältnis spielt ihr denn die Klassiker zu neuen Stücken?

Wiebusch: Wir spielen fünfzig-fünfzig. (lacht) Wir wissen natürlich, dass die Leute auch einerseits wegen dem alten Zeugs kommen, aber vielleicht können wir mit dem neuen Zeugs da auch ein bisschen Freude bereiten.

Aber ihr steht ja nicht nur am Abend auf der Bühne bei einem Konzert. Wie schaut eine Tour denn so für euch aus? Der ganze stressige Touralltag?

Wiebusch: Eine Tour ist ja dadurch gekennzeichnet, dass wir sehr sehr viele Interviews geben. Wir werden sehr sehr viel rumgereicht. Deswegen ist eine Tour schon sehr viel anders als alles andere. Das eigentlich tolle an der Tour ist die halbe Stunde nach dem Konzert, wenn man ein gutes Konzert gespielt hat. Und wenn man dann mit den Jungs zusammen ist.... und man hat ein gutes Konzert gespielt! Je nachdem wie gut es ist, so gut wird auch die Party dann. Das ist so das beste Moment an der Tour.
Es ist ja auch sehr viel sinnloses rumhängen auf ´ner Tour. Das weiß man ja da draussen ja garnicht so. Wenn man so ´n Soundcheck macht und dann wartet man, und wartet man.... wir ham ja inzwischen auch den Luxus, dass wir sogar unsere eigene Vorband dabei haben mit Bernd Begemann. Also das ist auch toll, dass man mit so ´ner guten Band zusammen unterwegs ist, das man sich das halt vor dem Konzert nochmal anschauen kann. Aber in der Regel ist es ein einziges Abwarten und Rumhängen.

Da wäre es ja eigentlich zu erwarten, dass ihr euch auch das ein oder andere mal in die Haare bekommt. Vor allem, da ihr ja zwei Geschwister in der Band seid! Lars ist ja dein Bruder. Artet das dann nicht manchmal aus wie bei den Gallagher-Brüdern von Oasis?

Wiebusch: Für die anderen wahrscheinlich auch irritierend! Denn wir haben ja die natürliche Hemmschwelle, die man unter Freunden hat, die haben wir ja nicht. Wir schnauzen uns auch oft und gerne an. Also mein Bruder und ich, wir sind da auch relativ hemmungslos. Das ist für Aussenstehende vielleicht etwas irritierend, aber es war interessanter Weise meine Entscheidung damals, ihn in die Band zu holen, und ich hab es nie bereut, weil das Verhältnis zwischen mir und meinem Bruder war nie besser.
Es ist ganz interessant, weil wir hatten schon Phasen in unserem Leben, in denen wir uns weniger gut verstanden haben und jetzt verstehen wir uns gut wie noch nie. Obwohl wir so viel miteinander zu tun haben, obwohl wir oft auch so emotionalem Druck ausgesetzt sind, mit all dem Stress, den´s naturgemäß in ´ner Band gibt, erleben so viele Höhepunkte auch gemeinsam..... es ist toll.

Was war denn der allererste Song, den du damals geschrieben hast?

Wiebusch: Für Kettcar? Der wurde nicht auf´s Album gepackt. Der wurde auf unsere erste 4-Song-EP gepackt. Der Song heißt „Genauer betrachtet“. Den gab´s als Download auf unserer Seite und den haben sich dann innerhalb von kürzester Zeit zwanzig tausend geladen. Dann kam halt „Ausgetrunken“ dazu und „Wäre echt“. Das waren so die ersten Songs. Und „Ich danke der Akademie“! Aber mit „Genauer betrachtet“ hat alles begonnen.

So hat es begonnen, aber wie geht es jetzt weiter? Gibst uns ´nen kleinen Einblick in die Zukunftspläne von Kettcar?

Wiebusch: Wir werden bis zur nächsten Platte nicht mehr so viel touren. Warum wir so wenig touren liegt zum einen daran, dass wir mit dem „Grandhotel Van Cleef“ sehr sehr viel Arbeit haben und zum andern ist die Zeit der ganz großen Tourneen für uns auch vorbei. Wir haben gemerkt, wenn wir länger als zehn Tage touren, dann wird das.... ja, dann wird das eben ein gnadenloser Job und da ham wir eben auch keine Lust zu.
Aber man kriegt natürlich dann auch „Hööh, warm spielt ihr denn diesmal nicht in Freiburg? Nicht in Karlsruhe?“ und dann muss man sagen „ja, tut uns leid, nächstes Mal“. „Wann denn nächstes Mal?“ – „Ja, im Herbst“ – „Waaaaaas?!“ (lacht) Aber so isses halt. (grinst)

Bei Markus Wiebusch von Kettcar bedanken sich für das Interview: Nina-Carissima Schönrock und Dominik Hoferer

(2005)

 

(Das Interview stammt aus dem Februar 2005)




Kommentar schreiben
Name:
Email:
 
Titel:

3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved."

 

Kommentare