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Sportfreunde Stiller: "Scholl muss mein Schlagzeug putzen"
Monday, 27 August 2007 22:04

flosportfreundeVom Geheimtipp, der durch Münchens Indie-Clubs tingelte, haben es die Sportfreunde Stiller mittlerweile an die Spitze der deutschen Charts geschafft. Ein Jahr nachdem ihr Hit 54, 74, 90, 2006 einen Sommer lang aus sämtlichen Fußballstadien der Republik tönte, schoss ihr neues und völlig fußballfreies Album La Bum von Null auf Eins. Ist das noch Indie? Egal! Selten wird man Interviewpartner finden, die ähnlich charmant, witzig und freundlich sind, wie die drei Münchner. Unser Redakteur Alexander Neumann traf Schlagzeuger Florian Webe.


Du hast dich neulich schwer am Knie verletzt, kannst du überhaupt schon wieder Schlagzeug spielen?

 

Weber: Ja, das geht Gott sei Dank. Ich habe mir Ende Juli beim Fußball das Kreuzband gerissen und nur eineinhalb Wochen später stand ein Konzert an. Aber ich hab einen sehr guten Arzt und wir haben das dann so hin gebogen, dass es ging. Ich mache jetzt auch schon wieder Krankengymnastik und es geht ganz gut. Da habe ich also keine Probleme.

 

Der Drummer von Def Leppard spielt ja auch nur mit einem Arm…

 

Weber: Stimmt, der hat ein noch größeres Handicap. Meistert es aber auch ziemlich gut!

 

Gratulation zum neuen Album. Ich finde es ist das Beste seit So wie einst Real Madrid. Auch kommerziell ist es bislang ein Riesenerfolg. Ihr seid momentan die Nummer 1 der deutschen Albumcharts. Habt ihr damit gerechnet?

 

Weber: Wir haben natürlich schon leicht darauf spekuliert. Die beiden letzten Alben sind jeweils auf Platz zwei eingestiegen. Es wäre in unserer Erwartung also ein logischer nächster Schritt gewesen, und der ist dann auch eingetreten. Allerdings bedeutet die Nummer eins zu sein, mittlerweile nicht mehr unbedingt, dass man damit wahnsinnig viel Geld verdient. Man muss heute ja gar nicht mehr so viele Platten verkaufen, um auf die Eins zu gehen. Das liegt an den wirtschaftlichen Veränderungen im Musikgeschäft. Während die Nummer eins vor 15 Jahren noch sagen wir mal 100.000 Platten verkaufen musste, reichen heute schon 15.000. Das muss man alles in Relation sehen. Aber trotzdem vielen Dank natürlich für die Gratulation! Freut mich sehr, dass es dir so gut gefällt.

 

Bevor das neue Album herauskam hieß es eine Zeit lang, dass die Sportfreunde dieses mal ein wenig anders klingen könnten. Peter meinte sogar er wollte ursprünglich, dass das Album in die Richtung von Razorlight geht. Jetzt klingt es allerdings doch wieder typisch nach den Sportfreunden. Was ist da passiert?

 

Weber: Peter hat in der Entstehungsphase sehr viel Razorlight gehört und war schwer begeistert von der Art wie die Band Musik sieht und macht. Wir haben dann tatsächlich kurz ausprobiert, ob das auch bei uns passen würde. Haben alle Verzerrungen weggenommen, und haben den Sound was die Gitarre betrifft sehr einfach gehalten. Und ich hab mich auch beim Schlagzeug zurückgenommen und wir haben gemerkt das funktioniert überhaupt nicht. Sei es weil wir zu schlecht Gitarre spielen, sei es weil es uns einfach nicht zu Gesicht steht, oder uns einfach nicht anspricht. Und dann ist sofort wieder am Schlagzeug weit ausgeholt worden, Peter hat seinen Verzerrer angeschaltet und schon war es einfach wieder erfüllend.

Da jetzt einen Stilbruch zu erzwingen, der uns nicht liegt, das macht bei uns keinen Sinn. Wir wollen nicht auf Teufel komm raus anders klingen, wenn mir mit dem Ergebnis dann unzufrieden sind. Irgendwelche Kritiker können dann vielleicht schreiben, ah jetzt haben sie eine Stilbruch hingelegt, super. Aber so geht’s für uns nicht. Wir müssen von der Musik überzeugt sein. Ich finde übrigens schon, dass das Album zwar absolut nach uns klingt, aber auch ein paar Neuerungen hat. Seien es die Arrangements bei bestimmten Liedern, die Harmonieführung in einigen Mittelteilen oder die Chorgesänge. Natürlich ist es definitiv ein Sportfreunde-Album aber es sind schon ein paar neue Klänge zu hören, wenn man sich Mühe gibt.

 

Man hört teilweise, dass die Gitarre versucht etwas mehr Rhythmus und Textur rein zu bringen.

 

Weber: Ja, genau. Es wird nicht mehr einfach durchgeschrammelt sondern es werden auch rhythmische Führungen, äh, sagen wir mal, versucht … (lacht)

 

Wenn ihr ein neues Album aufnehmt und die ersten Demos dafür gemacht habt, wem spielt ihr das vor und auf wessen Meinung legst du wirklich wert?

 

Weber: Der erste, der es zu hören kriegt ist immer der Marc, unser Manager, Booker und viertes Bandmitglied. Danach dann unsere engsten Vertrauten bei der Plattenfirma. Natürlich wird es daheim auch jeder seiner Freundin vorspielen aber die finden eh immer alles gut. Ist ja auch ihre Pflicht!

 

Die irische Band Ash, die euch im Herbst auf eurer Tour begleiten wird, hat angekündigt, keine Alben mehr aufnehmen zu wollen, sondern nur noch Singles zu veröffentlichen. Glaubst du für euch könnte so etwas in der Zukunft auch in Frage kommen, oder glaubt ihr noch an das Album als Gesamtkunstwerk?

 

Weber: Ich würde niemals nie sagen, denn die Veränderungen in der Branche prasseln ja nur so auf einen ein. Ich habe das gelesen und wir haben Ash vor ein paar Tagen auch auf einem Festival getroffen. Allerdings haben wir dabei nicht über dieses Thema gesprochen. Ich finde diese Ansicht ein bisschen schade, aber man kann natürlich verstehen, das es frustrierend ist, wenn eine Band immer wieder sehr viel Geld in eine Produktion reinbuttert, und davon nichts zurückbekommt. Ich persönlich – und ich denke da kann ich auch für meine Band sprechen – sehe ein Album schon noch als Gesamtkunstwerk. Es gehört also nicht nur die Musik dazu, sondern auch Cover und das Booklet. Man kann auch aus der Verpackung selbst viel machen. Ich persönlich finde so etwas sehr wichtig und möchte auch weiterhin Alben kaufen und in Plattenläden stöbern und nicht nur die Musik als elektronische Datei haben.

 

Im ersten Song auf der neuen Platte kommt die Textzeile vor Moden, Drogen, Episoden…. Das passt gar nicht zum Saubermann-Image der Sportfreunde. Ich denke mal da kann höchstens von leistungssteigernden Mitteln wie Traubenzucker die Rede sein, oder?

 

Weber: Das ist eine sehr gute Interpretation! Aber die Textzeile zeigt eben auch, dass dieses Saubermann-Image vielleicht auch nur eine Maske ist. Aber ich will da gar kein Mysterium draus machen. Drogen können ja auch Alkohol sein. Wir sind Leute, die harte Drogen auf alle Fälle vollkommen verabscheuen, bei mir selbst gilt das auch für weiche. Wobei ich vor einigen Jahren schon auch sehr viel getrunken habe und ich denke das ist genauso schlimm wie kiffen, weil man eben auch seinen Körper zerstört. Kurz zusammengefasst: Wir haben leichte Erfahrungen mit Drogen gemacht, modisch waren wir schon immer und sind es auch irgendwie nicht, und Episoden steht einfach dafür, dass das Leben immer wieder in Zeitsprüngen abläuft, sich also immer wieder neu formiert und weiter geht. Wir selbst mögen das Lied übrigens sehr gerne. Damit gehen momentan auch immer die Konzerte los. Es steht für die Zeit nach der Sause bei der Fußball-WM, und für die Frage wie es nun weitergeht. Es ist also fast ein bisschen autobiographisch.

 

Soweit ich weiß waren eure Helden früher Bands wie Buffalo Tom oder Supergrass. In einem Interview haben Peter und Rüde neulich ihre Bewunderung für die Red Hot Chili Peppers, die Ärzte und Fanta 4 geäußert. Wollt ihr euch so langsam in Richtung deutsche Rock-Dinosaurier entwickeln?

 

Weber: Ich glaube da ging es vielleicht eher darum, vor welchen Bands man sich verneigt. Also davor, wie sie es geschafft haben, ihre Karriere zu gestalten. Aber natürlich sind die genannten Bands auch musikalisch okay. Rüde war zum Beispiel großer Ärzte-Fan in der Jugend. Wir selbst verwehren uns dem Erfolg nicht, solange das ganze auf eine Art und Weise geschieht hinter der wir hundertprozentig stehen. Und bis jetzt haben wir noch keinen großen Fehler gemacht. Wir stehen hinter unserer Musik und zu 99 Prozent auch hinter dem, was wir zu Promo-Zwecken machen. Was genau dieses eine fehlende Prozent ist, weiß ich jetzt aber auch nicht. Es gibt natürlich immer wieder Sachen wo wir uns fragen ob das jetzt wirklich sein muss. Aber es ist die Gesamt-Ästhetik, die uns wichtig ist. Natürlich gibt es tausend Kritiker die uns in die Pfanne hauen, sowohl musikalisch, als auch bezüglich unseres Auftretens. Aber wir sind uns absolut sicher, dass wir okay finden, was wir tun.

 

Ihr seid jetzt seit über zehn Jahren gemeinsam unterwegs. Könntest du in ein paar Sätzen beschreiben, welche Rolle jeder von euch im Bandgefüge einnimmt. Mal abgesehen davon, wer welche Songs oder Texte schreibt.

 

Weber: Es ist mittlerweile wie eine kleine Familie. Und in der liebt man sich, aber manchmal hasst man sich auch für Momente. Wenn man so lange aufeinander sitzt, dann ist es natürlich schon manchmal schwierig. Ich würde mal sagen ich bin der Mann, der am meisten auf den Wecker geht, der hektisch ist, der am umtriebigsten ist. Ich bin unglaublich ungeduldig und trete den anderen immer in den Arsch. Was bis zu einem gewissen Grade gut ist, allerdings merke ich es manchmal auch kaum wenn sich die anderen genervt fühlen. Der Peter ist genau der Gegenpol. Er ist träge, er ist langsam, eher verträumt und hat nicht so den Elan. Er ist also das genaue Gegenstück und wir gleichen uns aus. Und der Rüdiger ist unser Politiker. Der ist politisch interessiert, liest den ganzen Tag seine Zeitungen. Und wenn es um Themen in dieser Richtung geht, dann hat er ganz starke Momente.

 

Rüde war ja kein Gründungsmitglied der Band. Nun habe ich neulich gelesen, dass Bill Wyman, der Bassist der Rolling Stones, seinen Job damals nicht bekommen hat weil er so gut spielen konnte oder gut aussah, sondern weil er zum einen über einen riesigen Bassverstärker verfügte, und zum anderen einen Van hatte. Wie ist Rüde damals zu seinem Job gekommen?

 

Weber: Wir haben ihn über eine Bekannte von mir kennengelernt. Ursprünglich hatten wir damals zwei Bassisten in Aussicht. Den einen hatten wir noch nicht ausprobiert, kannten ihn aber schon aus dem Atomic Cafe, wo wir damals gearbeitet haben. Der Rüde wurde uns vorgestellt und irgendwie kamen wir mit ihm zuerst zum Proben. Und gleich in der ersten Probe ist er in den Verstärker vom Andi, unserem ex-Bassisten rein gesprungen und hat ihn kaputtgemacht. Da habe ich gleich gesagt der ist super, der ist wild, der springt herum, den nehmen wir. Den anderen haben wir dann gar nicht ausprobiert. Peter wirft mir bis heute noch vor, ich hätte etwas voreilig entschieden… (lacht). Rüde wird auch immer der Neue bleiben. Er ist seit zehn Jahren dabei und ist immer noch der Neue…

 

Wenn der ganze Tourstress Mitte November vorbei ist und du dich wieder erholt hast, wie sieht dann ein perfekter Tag im Leben von Florian Weber aus?

 

Weber: Der beginnt erst mal damit, dass er gar nicht beginnt, weil ich ja ewig schlafen muss. Wenn ich mich dann mal rausschäle aus dem Bett und meine Kelloggs gegessen habe, werde ich wahrscheinlich Einkäufe machen mit dem Fahrrad. Mittags gibt’s dann eine kleine Brotzeit. Und danach - ich gehe mal davon aus, dass die Sonne scheint und es warm ist - geht’s mit dem Rad an einen Badesee. Im besten Fall sind noch ein paar Kumpels dabei, mit denen man dann die Kugel ein bisschen hochhält und ein kleines Fußballspiel aufzieht. Dann geht’s heim in die Badewanne. Die ist natürlich nur halbvoll, der Umwelt zuliebe, und kalt, weil es Sommer ist. Dann klingeln aber die Kumpels schon wieder, denn man grillt im Hinterhof und baut eine Leinwand auf, auf der dann das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gezeigt wird. Das wäre der perfekte Tag.

 

Mehmet Scholl geht mit euch für eine Woche auf Tour, und zwar als Praktikant. Was sagst du dazu als Sechzger? Hast du dir schon ein paar spezielle Aufgaben für ihn ausgedacht?

 

Weber: Ja, klar. Also zunächst mal muss er dreimal täglich das Schlagzeug putzen. Ich habe ein Lederband mit Widerhaken, und sollte er seine Aufgabe nicht ordentlich erledigen wird er das zu spüren bekommen. Das ganze muss Mehmet natürlich im Löwen-Trikot machen, und dann schauen wir mal wie er die Woche durchsteht.

 

Wie lange dauert es noch bis er bei euch hinters Mikrophon darf? Oder legst du da ein Veto ein?

 

Weber: Nein, nein, ganz im Gegenteil. Er ist wirklich ein sehr netter Kerl und mittlerweile ein guter Freund. Er akzeptiert auch meine Fan-Zugehörigkeit, auch wenn er sich immer wieder darüber lustig macht. Jetzt kommt er halt einfach mal mit. Er hört gute Musik und will jetzt ein bisschen hinter die Kulissen blicken. Das darf er natürlich gern, wir kommen ja auch oft mit bei den Bayern. Wobei ich da natürlich immer ein inneres Brodeln verspüre… Aber die Geschichte mit Mehmet wird super. Wir haben ihm eine Gitarre geschenkt und jetzt schauen wir mal wie er sich an der entwickelt und vielleicht darf er dann auch mal auf die Bühne. Aber ich glaube er will eigentlich gar nicht. Er will jetzt einfach mal im Hintergrund zugucken was da passiert und nicht mehr dauernd auf die Uhr schauen und immer Leistung bringen, sondern sich einfach mal gehen lassen und vielleicht ein Zigarre rauchen oder so.

 

Du warst Gastsprecher auf der Hörbuch-Version von Jan Weilers in meinem kleinen Land. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

 

Weber: Ich habe im letzten Jahr beim gleichen Verlag wie er ein Buch veröffentlicht und der Verlag hat dann dafür gesorgt, dass wir im Atomic Cafe in München eine gemeinsame Lesung hatten. Wir haben dann erst aus meinem Buch etwas vorgelesen und haben dann komplett sein Fußballmärchen „Gibt es einen Fußballgott?“ vorgetragen. So haben wir uns kennengelernt. Es war sehr lustig und er meinte dann ich sollte doch bei seinem neuen Buch die passende Sechziger-Rolle übernehmen. Allerdings waren es nur drei Sätze.

 

Hast du vor selbst noch mal literarisch tätig zu werden?

 

Weber: Ja, allerdings könnte ich da jetzt keinen zeitlichen Rahmen nennen. Es hat furchtbar Spaß gemacht die Geschichte zu entwerfen. Die Idee für ein neues Buch ist da, aber ich weiß nicht wann ich es schreiben soll. Ich habe das letzte Buch auf Tour geschrieben und jetzt steht auch wieder eine an. Es kann also gut sein, dass ich da schon mal anfange.

 

Bei Florian Weber von den Sportfreunden Stiller bedankt sich für das Interview: Alex Neumann

(2007)




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