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Kissogram: "Künstlerkolonie statt Berliner Szene"
Saturday, 08 August 2009 17:48

kissogram.jpgLaut Wikipedia sind Kissogram "eine Deutsche Band aus Berlin, die 1999 gegründet wurde. Die Band gehört neben Stereo Total, Jeans Team, Bonaparte zu den wichtigsten Vertretern der Berliner Independent-Pop-Szene. Stilistisch kann man sie in der Nähe von New Wave oder Disco verorten, wobei sie auch Elemente aus Rock'n'Roll und Blues verwenden."

 

Diese Fakten wollten wir vor dem Auftritt der Band beim Prima leben und stereo in Freising überprüfen und haben mit Sänger Jonas Poppe und Keyboarder Sebastian Dassé ein aufschlussreiches Gespräch über Berlin, befreundete Bands, verwirrende Stilbezeichnungen und beeindruckende Autobahnen geführt.

 

Ihr seid heute extra von Hannover nach München gefahren, um hier beim Prima leben und stereo zu spielen, und fahrt morgen schon wieder zurück nach Berlin. Das hört sich ziemlich stressig an! Spielt ihr denn gern auf Festivals?

Jonas: Ja, das macht Spaß.

Sebastian: Ich finde es immer gut, wenn wir - so wie heute - spielen, wenn es schon dunkel ist. Am frühen Nachmittag ist es immer etwas schwer, in Konzertlaune zu kommen. Klar muss man bei Festivals immer Abstriche machen, aber heute passt es perfekt!

Hier spielen dieses Wochenende fünf Bands aus Berlin: Bonaparte, Mediengruppe Telekommander, Gods Of Blitz, Stereo Total und Kissogram. Warum kommen so viele Rockbands ausgerechnet aus Berlin?

 

Jonas: Schade, dass Stereo Total gestern schon gespielt haben. Die hätte ich gern gesehen!


Sebastian: Vielleicht kann man in Berlin einfach billiger wohnen und muss daher keiner richtigen Arbeit nachgehen, sondern kann einfach in Bands spielen?

Jonas: Man kann sich's in Berlin wohl tatsächlich einfach besser leisten als in vielen anderen Städten. Und Leute, die Musiker werden wollen, wohnen generell einfach lieber in Großstädten. Schriftsteller, Musiker, Künstler zieht es meistens in die großen Städte.

Sebastian: Oder machen ihre eigene Künstlersiedlung auf.

Jonas: Stimmt, vielleicht sollten wir unsere eigene Künstlersiedlung gründen, wie Worpswede bei Bremen. So eine Musikersiedlung... Dann müssten wir nicht mehr sagen, wir kommen aus Berlin. (Anm. d. Red.: Jonas bezieht sich hier auf die Künstlerkolonie Worpswede, die Ende des 19. Jahrhunderts von impressionistischen Künstlern gegründet wurde.)

Interessante Idee. Wer dürfte da dann noch einziehen?

Jonas: Na, halt Bands die wir mögen und die wir gut finden. Das Worpswede-Konzept war ja auch eher so familienmäßig, und die Künstler hatten alle einen ähnlichen Stil. Wir sollten in unsere Landkommune dann also schon Bands aufnehmen, die stilistisch so ein bisschen in unsere Richtung gehen und das wollen, was wir auch wollen, und das meinen, was wir auch meinen.

Gibt es denn eigentlich so etwas wie eine "Berliner Bandszene"? Kennt ihr euch untereinander? Bonaparte haben doch zum Beispiel für euch zum Beispiel einen Song geremixt.

Jonas: Aber Bonaparte sind auch nicht wirklich eine Berliner Band in diesem Sinne. Die kommen ja von überall her. Tobias (Jundt, Sänger von Bonaparte; Anm. d. Red.) ist Schweizer und lebt noch gar nicht so lange in Berlin, wenn ich mich nicht irre. Wenn es so etwas wie eine Berliner Szene gibt, dann ist sie jedenfalls sehr zersplittert, soweit wir das wahrnehmen. Wir wussten zum Beispiel bis gerade eben gar nicht, dass Gods Of Blitz auch aus Berlin kommen. Man hat manchmal den Eindruck, dass Berlin nicht eine große Stadt ist, sondern viele kleine Städte. Die Leute, die sich in Kreuzberg aufhalten, halten sich eben größtenteils nur in Kreuzberg auf. Genauso wie ich mich eben meistens in Prenzlauer Berg und Mitte aufhalte, weil das eher meine Gegend ist. Wir fahren zwar zum Proben nach Kreuzberg, aber sonst hat jeder seinen Kiez und sein persönliches Zentrum. Dementsprechend sind auch die Bandszenen verteilt. Aber das war früher anders. Ende der Neunziger war das eher eine Szene, in der eben auch Stereo Total waren, und Jeans Team, und wir.

Sebastian: Es gab auch damals schon mehr. Es gab zum Beispiel eine Techno-Szene, zu der wir nie wirklich dazugehört haben. Und parallel dazu andere Szenen natürlich auch.


Jonas: Aber es gibt einfach diesen Bandpool nicht mehr. Es gibt nur noch einzelne Bands, die irgendwo herkommen, aber es gibt keinen Ort mehr, wo sich alle treffen. Das gab es Ende der Neunziger schon noch.

Sebastian, du hast gerade die voneinander abgegrenzten Szenen angesprochen. Habt ihr nicht auch den Eindruck, dass die Grenzen da immer fließender werden? Vor ein paar Jahren war es doch noch nahezu undenkbar, dass Gitarren und Elektro mal so aufeinander treffen, wie es jetzt gerade Trend ist.

Sebastian: Diese Vermischung ist mir eigentlich schon damals aufgefallen, als es noch die Szene mit den gerade von Jonas genannten Bands gab. Da waren schon Bands mit eher klassischer Instrumentierung dabei, und Bands, die eher elektronisch unterwegs waren.

Jonas: Jedenfalls gibt es das schon recht lange. Aber die Entwicklung verläuft natürlich in den Städten unterschiedlich. Der Trend in Berlin sagt noch nichts über den Trend in Freising aus.

In München dauert ja alles immer etwas länger...

Jonas: Das weiß ich nicht. Aber es gibt schon extreme Zeitverschiebungen. Als zum Beispiel das Thema Electroclash in Berlin schon wieder vorbei war - wobei ich diese Klassifizierung ohnehin immer etwas eigenartig fand - da fing das in Spanien erst richtig an. Und auch in vielen deutschen Städten kam das dann plötzlich erst an.

Damit hast du mir gerade schon das nächste Stichwort gegeben: Heute Vormittag habe ich irgendwo gelesen, Kissogram spielen "virtuosen Electroclash".

Jonas: Das sind Klassifizierungen. Das hat mit Kissogram überhaupt nichts zu tun. Das muss aber wohl sein, damit die Leute die Musik verstehen oder mit irgend etwas verbinden können. Aber eigentlich haben wir mit Electroclash nichts zu tun. Ich weiß auch gar nicht, was das heißen soll. Wir sind weder virtuos noch Electroclash! Da würde ich eher noch Disco oder Rock'n'Roll sagen. Wir haben kaum mehr elektronische Beats, wir haben einen Schlagzeuger, wir spielen Gitarre, dann gibt es die Orgeln und diverse elektronische Elemente, aber das hat nichts mit dem zu tun, was man vor ein paar Jahren Electroclash genannt hat.

 

Sebastian: Ich weiß immer noch nicht, was das heißen soll.

Lest ihr eigentlich, was über euch geschrieben wird, oder ist euch das eher egal?

Jonas (nickt zu Sebastian): Er schon, ich nicht so gern.

Sebastian: Wie jetzt?

Jonas: Na, du weißt doch immer, was über uns im Internet steht! Du findest auch immer alle möglichen Kritiken.

Sebastian: Es ist auf jeden Fall interessant, Reaktionen und Rückmeldungen zu haben. Zumindest ist es in der Theorie interessant, eine Rückmeldung von Leuten zu haben, die sich mit uns auseinander setzen, auch ein bisschen beschlagen sind, und dann sagen, was sie gut oder blöd finden. In der Praxis kann es halt passieren - vielleicht auch, weil viele Kritiker schlecht oder gar nicht bezahlt sind und frei angestellt sind -, dass die Kritiker es nicht schaffen, sich wirklich damit auseinander zu setzen oder faul sind und einfach die Bandinfo abschreiben. Was ja auch nicht das Schlechteste ist, wenn man eine gute Bandinfo hat!

Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass bei vielen Bands die Bühnenshow wieder eine größere Rolle spielt. Es gibt mehr Lichteffekte, mehr Visuals, Konfettikanonen und so weiter. Bei euch dagegen ist alles sehr klar und reduziert. Steht da ein Konzept dahinter, oder ergibt sich das einfach aus eurer Musik?

Sebastian: Das liegt vor allem daran, dass wir im Moment gerade keinen Lichttechniker haben, der für uns Effekte und Visuals macht. Vielleicht ändert sich das ja bald. Konzept ist es jedenfalls keins. Ich finde es aber oft sympathischer, wenn es die reine Musik ist, als wenn es nur um Show geht.

Jonas: Wenn ich eine Band gut finde, freue ich mich ja immer, wenn ich auf der Bühne sehe, dass die total normal sind und mit Jeans und labbrigen T-Shirts auftreten.

Den meisten Leuten seid ihr wohl als Vorband auf der letzten Franz Ferdinand-Tour bekannt. Wie kam es eigentlich dazu?


Jonas: Unser Schlagzeuger kennt die Jungs schon ziemlich lange. Dann haben wir uns irgendwann mal in einer Kneipe getroffen. Dann haben wir zusammen in Warschau gespielt, weil ich Paul, den Schlagzeuger, gefragt hatte, ob sie vielleicht noch eine Vorgruppe für Berlin brauchen. Er meinte: "Nein, aber für Warschau", und dann haben wir es eben mal ausprobiert. Da fanden sie uns gut und haben nach dem Konzert gefragt, ob wir nicht mitkommen wollen auf die Europa-Tour. Dann wurde verhandelt zwischen Managern und Tourveranstaltern, und dann haben wir das eben gemacht.

Und dann habt ihr plötzlich vor drei- bis fünftausend Leuten gespielt...

Jonas: Zum Teil waren es noch mehr. In Mailand waren es sogar zwölftausend.

Sebastian: Naja, aber noch nicht bei uns...

(Die beiden diskutieren nun das Fassungsvermögen des Mailänder Stadions und versuchen die Zuschauerzahl zu schätzen, können sich aber nicht ganz einigen.)

Jedenfalls ist das doch schon ein ziemlicher Sprung, oder? Wie habt ihr euch da gefühlt?


Jonas: Eigentlich auch nicht anders als vorher.

Wirklich?


Jonas: Die Zuschauer sind so ent-individualisiert. Man nimmt sie gar nicht mehr als Einzelpersonen wahr, sondern als Welle, als Masse. Das ist natürlich etwas ganz Anderes. Komischerweise bin ich vor zwölftausend Leuten aber auch nicht nervöser als vor dreißig Leuten.

Nach dem Konzert mit Franz Ferdinand in München habt ihr in München am nächsten Tag noch eine kleine Club-Show gespielt.


Jonas: Ja, im Orangehouse. Das war lustig. Wir hatten uns nämlich schon ein bisschen die großen Gesten für die großen Bühnen angeeignet. Da standen wir dann in dem relativ kleinen Orangehouse mit solchen Gesten (holt weit aus). Das war schon lustig.

 

Merkt ihr, dass ihr euch auf dieser Tour ein neues Publikum erspielt habt? Sind zum Beispiel die Verkaufszahlen gestiegen oder bekommt ihr Fanpost?

Sebastian: Keine Ahnung, was die Verkaufszahlen angeht.

Jonas: Es gibt Leute, die Sachen für uns machen, einfach so. Zum Beispiel eine Frau in Russland, die für uns dort eine Internetseite eingerichtet hat. Und eine andere, die so eine Art Fanclub macht, und solche Dinge eben. Leute, die irgendetwas zur Band beitragen wollen, die einfach irgendetwas für uns machen wollen.

Sebastian: Ja, diese Frau betreut dann auch unser demnächst bald öffentlich zugängliches Fanportal, das man dann über Kissogram.de findet. Sie hat sehr viel dafür gemacht, Bilder hochgeladen, Lyrics gesammelt...

Hättet ihr euch am Anfang jemals vorstellen können, dass ihr mal ein eigenes Fanportal haben werdet?

Sebastian: Also, über ein Fanportal habe ich nie nachgedacht.

Aber manche Bands machen doch Musik, weil sie unbedingt berühmt werden wollen, und andere machen Musik, weil sie eben Musik machen wollen.

Jonas: Naja, aber muss schon damit rechnen, dass man als Band auch Fans hat.

Sebastian (lacht): Diese leidvolle Erfahrung bleibt einem wohl nicht erspart.

 

Jonas: Ob man jetzt berühmt wird oder nicht, die Fans sind da, und das ist etwas sehr Schönes.

Sebastian: Möglichst viel Fanpost zu bekommen oder so etwas war für mich nie ein Anreiz. Im Gegenteil, ich musste eher erst lernen, diese Situation zu ertragen, dass man auf der Bühne im Mittelpunkt steht.


Jonas: Du bist ja nicht im Mittelpunkt!


Sebastian: Dann bin ich halt im Semi-Mittelpunkt! Jedenfalls starren die alle nach oben, und hin und wieder schauen die auch zu mir, glaube ich.

Seht ihr von der Bühne aus überhaupt, wo die Leute hingucken?

Jonas: Rein theoretisch schon. Ich schaue aber auch nicht ständig ins Publikum.

Was war denn für euch bisher der beeindruckendste Moment mit Kissogram?

Jonas: Als wir in Madrid im Fahrstuhl stecken geblieben sind, das fand ich schon beeindruckend. Und das Frühstück in Warschau.


Sebastian: Als unser Auto aufgebrochen wurde und uns ziemlich viel Zeug geklaut wurde, das war auch beeindruckend. Und natürlich diese Shows in Spanien und Italien vor so vielen Leuten.


Jonas: Ja, das war auch sehr gut. Ach, es gibt viele beeindruckende Dinge!


Sebastian: Überhaupt, das Reisen und Rumkommen.


Jonas: Beeindruckende Autobahnen...


Sebastian: Beeindruckende Felder und Wälder...

 

Bei Jonas Poppe und Sebastian Dassé von Kissogram bedankt sich für das Interview: Bettina Koch.

 

(2009)




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