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Athlete: Wir hatten noch Geld für einen Monat
Friday, 23 October 2009 12:01
Wollen nichts anderes als Musik machen: AthleteAthlete aus dem Londoner Stadtteil Deptford haben harte Zeiten hinter sich: 15 Monate lang war die Band ohne Plattenfirma und produzierte ihr viertes Album Black Swan im Alleingang. Nun wird es in Deutschland veröffentlicht und die vier Herren sind nach zwei Jahren Abstinenz wieder hierzulande auf Tour unterwegs. Wir trafen Bassist Carey Willetts und Sänger Joel Pott vor dem Konzert im Münchner 59:1 und sprachen mit ihnen über die Geschichte der Band, die neue Platte und die Frage, warum das Oktoberfest eigentlich nicht im Oktober stattfindet.

Nach einigen Konzerten - wie läuft die Tour bisher so?

Carey: Wirklich gut. Sie ist eigentlich schon fast zu Ende. Morgen spielen wir in Wien, das ist die letzte Show. Wir waren zwei Wochen unterwegs, das war nicht allzu lang. Es war wirklich, wirklich gut - die deutschen Shows waren großartig. Wir waren in Hamburg, Köln und Berlin, und jetzt in München.

In Großbritannien spielt ihr in ziemlich großen Hallen - wie ist es, hier in Deutschland in diesen gemütlichen, kleinen Clubs zu spielen?

Carey: Es ist wirklich schön. Wir waren nicht in der Lage, so oft hier zu spielen, wie wir gern gewollt hätten. Wir haben kürzlich die Plattenfirma gewechselt, was offensichtlich Einfluss darauf hat, wie oft man herkommen kann. Es ist einfach ein großer Unterschied, ob wir in Großbritannien vor drei-, vier- oder fünftausend Leuten spielen, oder in einem kleinen Club. Aber ich mag diese Venues, man spürt einfach die Verbindung zu den Leuten. Es ist einfach etwas Anderes, es ist wirklich gut.

Erinnert ihr euch an euer letztes Konzert vor zwei Jahren in diesem Club hier?

Carey: Ja! Das war für uns wahrscheinlich die beste Show auf der letzten Tour. Wir hatten keine Erwartung, wie viele Leute kommen würden, und es war voll bis auf den letzten Platz. Wir haben den Tag damit verbracht, über die Weihnachtsmärkte zu bummeln, was wirklich schön war.

Du hast gerade erwähnt, dass ihr kürzlich die Plattenfirma gewechselt habt, und ihr scheint damit sehr glücklich zu sein?

Carey: Ja, sehr. Wir waren bei EMI und sind da vor eineinhalb Jahren weggegangen. Während wir also keine Plattenfirma hatten, entstand die Platte Black Swan. Und dann haben wir bei Fiction unterschrieben, was ein Teil von Universal ist. Das war im.. Mai? Oder Juni? (überlegt)
Ja, es ist toll. Es fühlt sich an, als wäre es unser zweites Debütalbum. Eine Platte zu machen, ohne ein Plattenlabel zu haben - so haben wir auch unser erstes Album gemacht. Es war sehr aufregend - wir waren sehr aufgeregt, die Plattenfirma war sehr aufgeregt wegen dieser Platte. Also bisher lief es sehr gut.

Ihr nennt euer Album "eine musikalische Zusammenfassung von allem, was Athlete in den letzten Jahren durchgemacht haben". Wenn Du zurückblickst - wie beurteilst Du eure musikalische Entwicklung über die Jahre?

Carey: Jedes Album scheint ein bisschen anders als das vorherige zu klingen. Das ist nicht wirklich beabsichtigt, es passiert einfach, wenn man die Songs schreibt. Bestimmte Schritte und musikalische Richtungen passen zu unseren Songs. Wires zum Beispiel war einer der ersten Songs vom Album Tourist, und das hat eine bestimmte Stimmung, die man bewahren möchte. Das würde mit einem Disco-Pop-Klassiker zusammen nicht funktionieren.
Das erste Album (Vehicles And Animals, Anm.) war eine schrullige Pop-Platte, das letzte (Beyond The Neighbourhood, Anm.) lebt von seinem eigenen Klang. Ich denke, es sind die Songs, die darüber bestimmen, wie ein Album wird. Beim aktuellen Album haben wir viel Zeit darauf verwendet, dass die Songs wirklich gut werden - wenn man sie nur mit einer Akustik-Gitarre oder am Klavier spielen und singen kann und die Leute immer noch einen Zugang dazu haben, sind es gute Songs. Das war so etwas wie unser Maßstab für die Arbeit an der Platte. Als wir dann die Musik um die Songs herum aufgebaut haben, wollten wir ein richtiges Live-Gefühl haben. Wir haben Tom Rothrock (Produzent von Elliott Smith, Foo Fighters, Elbow u.a., Anm.) aus den USA als Produzenten geholt. Wir haben uns einfach alle in einem Raum zusammengesetzt und die Songs gespielt - und das ist im Prinzip das, was auf dem Album zu hören ist. Es ist in gewisser Weise eine Art Live-Album.

Vor ein paar Jahren habt ihr eure Musik als "Casio-Rock" bezeichnet - würdet ihr das immer noch tun?

Carey: Hin und wieder. Die erste Platte klang sehr danach. Aber auch unser letztes Album ist ein wenig eigen. Wir alle mögen kleine Keyboards und solche Dinge, wir spielen damit wie mit Spielzeug. Wir probieren auch viel aus, wenn wir im Studio sind. Es ist nicht mehr so wichtig wie früher, aber sicher etwas, das wir immer tun werden. Ich wäre auch nicht überrascht, wenn das vielleicht auf der nächsten Platte ein kleines oder größeres Comeback feiert.

Was ist Dein persönlicher Lieblingssong auf dem Album Black Swan?

Carey: Das wechselt. Ich liebe The Getaway, das ist ein wirklich guter Song. Er ist ziemlich emotional, er handelt von Menschen, die eine schwere Zeit durchmachen, das betrifft uns ziemlich. Daher ist das für uns alle ein sehr emotionaler Song, so wie er geschrieben ist. Also den mag ich sehr. Und Rubik's Cube. Das ist für mich auch ein sehr wichtiger Song. Joel und ich haben ihn zusammen geschrieben. Das war, als wir keine Plattenfirma mehr hatten. Wir hatten gerade noch Geld, um uns selbst für einen Monat zu bezahlen. Das Geld ging uns aus, wir hatten die Platte noch nicht fertig, wir hatten noch kein neues Label. So, wie die Dinge lagen, dachten vermutlich alle von uns Sachen wie: Was würde ich machen, wenn ich nicht in einer Band wäre? Welchen anderen Beruf? Und wir kamen alle zu dem Ergebnis, das wir nichts anderes machen könnten. Das hier ist es, was wir machen wollen, und wir lieben es. Für mich handelt der Song also eigentlich von dieser Erkenntnis: Ich liebe es, Musik zu machen, ich liebe es, Gigs zu spielen, und das ist es, was ich tun will. Diese beiden Songs sind für mich also ziemlich persönlich. Aber auch Black Swan Song, der für Joel sehr persönlich ist, ist ein toller Song, Love Come Rescue ist ein toller Song.. Aber diese beiden mag ich am liebsten.

Eure Single Black Swan Song ist Joels Großvater gewidmet, der ein britischer Soldat im Zweiten Weltkrieg war, und es gibt auch einen Dokumentarfilm über ihn - erzählt uns mehr über die Geschichte dahinter!

Joel: Er war ein Major der britischen Armee in Zweiten Weltkrieg. Es gab eine bestimmte Schlacht in Arnhem, Holland, wo die Alliierten unter General Montgomery das Ziel hatten, den Krieg schnell zu beenden. Das war aber keine gute Idee. Mein Großvater sprang einen Tag später als geplant mit dem Fallschirm ab.. Naja, um die Geschichte abzukürzen: Ich und mein Vater waren vor ein paar Wochen in Arnhem, einfach um seinen Fußspuren zu folgen. Er wurde außerhalb von Arnhem verwundet und lag dort etwa zwanzig Stunden lang, bis drei Mitglieder des holländischen Untergrundes ihn fanden. Es war eine sehr interessante Reise, um einfach zu erfahren, was damals passiert ist. Ich glaube, unsere Generation denkt über diese Dinge überhaupt nicht nach. Und Black Swan Song handelt von diesen Erinnerungen, besonders, wie er da zwanzig Stunden lang lag und wahrscheinlich dachte, sterben zu müssen. Ich meine, das ist wohl eine Menge Zeit, um über Dinge nachzudenken - man hat eine Ehefrau zu Hause, vieles ist passiert, viele Freunde sind gerade gestorben. Um diesen Moment geht es. Und darum, wie er vor vier Jahren gestorben ist, und zu seiner Frau zurückkehrt, die ein paar Jahre vor ihm gestorben ist. Ja, wirklich interessant.

Einer eurer bekanntesten Songs, Wires, handelt von Deiner kleinen Tochter. Fühlt es sich nicht manchmal komisch an, über diese persönlichen Dinge zu singen?

Joel: Eigentlich nicht, nicht für mich. Es fühlt sich ganz natürlich an, über Dinge zu schreiben, die einem selbst als Person passieren. Um ganz ehrlich zu sein: Es kann zunächst auch eine Art von Therapie sein. Und normalerweise zeigt sich bei meinen Songs, also bei Wires oder auch jetzt bei Black Swan Song, dass andere Menschen andere Erfahrungen haben, die damit zusammenhängen. Bei Wires war es so: Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, dass so viele andere Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Und dass sie sich mit dem Gefühl in dem Song identifizieren können. Der Song entwickelt dann ein Eigenleben, und es ist nicht mehr nur meine eigene Geschichte, es ist eine ganze Sammlung von Geschichten. Und ich denke, mit Black Swan Song ist es das Gleiche. Für mich handelt er genau von dieser Person und ihrem Leben, aber es gibt so viele Geschichten. Alle unsere Großväter, ob deutsch, britisch, holländisch, französisch, kanadisch, amerikanisch, was auch immer - es gibt so viele Geschichten. Und letzen Endes ist es eine Geschichte über Liebe und Menschlichkeit. Und ich denke, damit können wir alle etwas anfangen, egal woher wir kommen.

Denkst Du beim Schreiben der Texte an die Menschen, die den Song später hören und all das?

Joel: Nein, eigentlich nicht. Man schreibt einfach einen Song. Man versucht, die ganze Last von den Schultern abzuschütteln und an einen Ort abzudriften, wo.. einfach die Seele hinauskommt (lacht).

Erzählt uns ein wenig über euren Schreibprozess. Gibt es einen bestimmten Ort, an dem ihr für gewöhnlich Songs schreibt?

Carey: Es ändert sich.. Es gab eine Zeit, da haben wir strikt immer alle zusammen geschrieben,  das hat sich aber geändert. Wir entwickeln die Ideen zusammen, aber bei diesem Album hat Joel mehr als früher eine Art Hauptrolle beim Schreiben der Songs eingenommen. Weil wir eben wollten, dass man sie auch auf der Akustik-Gitarre spielen und singen kann. Er hat also die Songs eher nach seinen eigenen Ideen geschrieben, und dann ist er damit zu uns gekommen, und wir haben auf diese Art die Verbindung hergestellt. Das war früher nicht so.

Gibt es bestimmte Musik, die euch hilft, kreativ zu werden?

Carey: Ja.. Wenn ich Kopfhörer aufhabe, verliere ich mich in meiner eigenen kleinen Welt. Ich mag das, mehr als Lautsprecher. Ich mag es, einfach abzudriften, über Dinge nachzudenken, und oft inspiriert mich das.. Künstler wie Sufjan Stevens mag ich wirklich, ich mag aber auch viel elektronische Musik.

Wann ist ein Song ein guter Song?


Carey: Wenn er eine gute Melodie hat. Für mich braucht ein guter Song außerdem etwas, das mich emotional berührt, er muss ein Herz haben. Wenn man dabei etwas fühlt, ist es ein großartiger Song.

Ihr schreibt recht viel auf Twitter und Facebook - ist es euch wichtig, auf diese Weise in Kontakt mit den Fans zu kommen?

Carey: Ja! Was das Bloggen angeht - wenn ich mich da eine halbe Stunde hinsetze und schreibe, habe ich das hier: (zeigt mit den Händen einen kurzen Absatz an) Da waren wir nie besonders gut drin. Ich mag Seiten wie Twitter, man schreibt einfach eine kurze Zeile, macht ein Foto, ein schnelles Hallo. Ich denke, es ist wichtig, dass die Leute sich miteinbezogen fühlen, und dass sie ein bisschen was über uns wissen, was wir tun. Ich glaube, die Leute mögen das. Die Tage sind lang vorbei, wo eine Band so etwas war (zeigt nach oben), was man hochhält und eigentlich nicht berühren kann. Ich finde das in Ordnung. Ich bin gerne unter Leuten, also ist das super für mich.

Ihr spielt jetzt zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder in Deutschland - gibt es etwas, auf das ihr euch hier besonders freut?

Carey: In München hatten wir letztes Mal einen tollen Abend. Ein Freund von uns hat uns ausgeführt und uns eine Fleischplatte (Carey benutzt das deutsche Wort dafür) bestellt, was sehr amüsant war. Es war einfach weißes Fett drauf, Würste und so.. (sieht uns fragend an)

Weißwurst heißt das wahrscheinlich?

Carey: Nicht weiße Würste, nur das Fett.

Mochtest Du das?

Carey: Nein. (Gelächter) Wir hatten aber einfach viel Spaß hier. Wir mögen deutsches Bier und Weißbier ziemlich gerne.. Wir fangen auch an, die selben Leute immer wieder zu sehen und treffen uns gerne auf einen Drink mit Leuten, die wir kennen. Es ist immer gut, wenn man jemand hat, der sich auskennt und weiß, wo man hingehen kann. Ich liebe München, es ist wirklich eine schöne Stadt. Wir kommen wohl oft zur Weihnachtszeit her - die deutschen Weihnachtsmärkte sind toll. Glühwein und Würstchen den ganzen Tag. Aber bitte erklärt mir eines, das verstehe ich nicht: Warum ist das Oktoberfest im September?

Weil das letzte Wochenende des Oktoberfestes üblicherweise Anfang Oktober ist.

Carey: Aber es sollte ganz im Oktober sein! Wir waren wirklich aufgeregt, dass wir zum Oktoberfest herkommen.

Das tut uns leid.

Carey: Und jetzt sind wir hier, und es ist zu Ende.

Ich denke nicht, dass ihr viel verpasst habt. So toll ist es nun auch nicht.

Carey: Ach, komm..

Aber Du hast recht. Es sollte im Oktober sein.

Carey: Danke. Wenn ihr das irgendjemand gegenüber mal erwähnen könntet, würde ich mich freuen.

Wir tun unser Bestes.
Ist euch schon mal auf Tour etwas richtig Merkwürdiges passiert?


Carey: Viele komische Dinge sind geschehen. Aber einmal waren wir in Norwegen, richtig im Norden, in der Nähe von Trondheim. Und es schneite. Wir sind auf den ersten von vier Bergpässen gefahren. Ich war im Bett, und plötzlich fühlte ich, wie der Bus rückwärts die Straße herunterrutschte. Wir haben es geschafft, anzuhalten. Auf der einen Seite ging es den Abgrund hinunter, zu einem Fluss, auf der anderen Seite waren einfach Berge und ein steiler Abhang. Unser Bus konnte nirgendwohin fahren. Wir saßen einfach fest. In Berlin hatten wir auf einem kleinen Flohmarkt Schlitten gekauft. Um drei Uhr morgens packten wir dann Whiskey und Schlitten aus und schlitterten die norwegische Hauptstraße herunter. Gegen fünf Uhr morgens ging langsam die Sonne auf. Das war ein merkwürdiger Abend. Das klingt sehr nett, aber wir haben die nächsten zwei Gigs nicht gespielt.

Und was vermisst Du auf Tour am meisten?

Carey: Meinen kleinen Jungen. Ich habe einen 16 Monate alten Sohn. Das ist das erste Mal, dass ich wirklich ohne ihn weg bin. Also ja, ich vermisse ihn.

Interessiert er sich schon für Musik?

Carey: Ja, er liebt Musik! Es ist witzig, er kann noch nicht sprechen, aber er läuft herum. Er läuft zu den Lautsprechern und zeigt darauf. Er nimmt eine CD und gibt sie uns, damit wir sie abspielen. Und dann sitzt er da und hört zu. Er scheint es wirklich zu mögen.

Hat er schon Lieblingsplatten?

Carey: Er mag Arcade Fire ziemlich gerne, besonders die letzte. Und einmal hatten wir Black Swan Song von unserer Platte im Auto laufen. Als wir ausgeschaltet haben, hat er geweint. Als wir wieder angeschaltet haben, war er fröhlich. Das war ziemlich süß.

Wir haben eine letzte Frage, die wir jeder Band stellen: Was war der beeindruckendste Moment für euch als Band - positiv oder negativ?

Joel: Wow. Am einprägsamsten sind besonders die Live-Momente, die Erlebnisse, wenn wir live spielen, die bleiben. Es gab einen Gig in Glasgow vor vier Jahren, so etwas hatten wir vorher noch nie erlebt, vom Publikum.. Ich denke, es gibt viele solcher Momente. Das ist es, was zählt.

Bei Carey Willetts und Joel Pott von Athlete bedanken sich für das Interview: Christine Bulla und Sara Haußleiter


(2009)




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