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IAMX: England wird völlig überbewertet!
Monday, 26 October 2009 20:56

chriscorner.jpgUnter dem Namen IAMX lebt Sneaker Pimps-Mastermind Chris Corner seit einigen Jahren seine elektronisch-düstere Seite aus. Die Live-Shows von IAMX sind audiovisuelle Gesamtkunstwerke, bei denen verstörende Visuals die Macht der Musik auf faszinierende Weise verstärken.

An einem freien Tag während seiner Deutschland-Tour nahm sich Chris Corner Zeit für ein Telefongespräch mit LAX-Redakteurin Tina und sprach mit ihr über die Reise zu sich selbst, das verzerrte England-Bild der Deutschen und das schrecklichste Erlebnis in seiner Karriere.

Ich habe IAMX dieses Jahr bereits zweimal gesehen - einmal in Innsbruck und dann nur ein paar Wochen später in Berlin. Die Konzerte waren völlig unterschiedlich, mit anderen Outfits, anderer Setlist. Ist jetzt, ein paar Monate später, wieder alles anders? Was können die Fans auf der Tour erwarten?

Chris: Bei der Tour im Frühjahr hatten wir gerade erst das Album fertiggestellt und haben noch mit den Sounds und den Strukturen experimentiert. Jetzt haben wir alles etwas weiter entwickelt, es gibt mehr Tricks und mehr theatralische Elemente auf der Bühne. Die Show wird nicht mehr ganz so hart und direkt sein.

Vor dem Konzert in München wird es auch eine Autogrammstunde geben. Das finde ich ein bisschen ungewöhnlich. Wie kam es denn dazu?


Chris: Wir haben gute Kontakte zu einem Laden namens Funk Optik. Die machen wirklich coole Sonnenbrillen und auch normale Brillen. Da ein Großteil der Band blind ist, brauchen wir gute Brillen, die auch noch toll aussehen. Deswegen arbeiten wir zusammen und haben beschlossen, vor dem Konzert in München eine Autogrammstunde bei Funk Optik zu veranstalten. IAMX ist ein unabhängiges Projekt, deswegen unterstützen wir natürlich auch gern andere unabhängige Projekte.

Findest du den Gedanken nicht seltsam, dass Menschen sich in eine Schlange stellen, nur um eine Unterschrift von dir zu bekommen?


Chris: Ich finde es schon komisch, aber ich habe mich daran gewöhnt. Mir würde das selbst zwar nie in den Sinn kommen, aber ich kann irgendwo doch verstehen, dass man mit den Menschen in Kontakt treten möchte, deren Musik einen bewegt. Aber es irritiert mich, wenn Leute das so ernst nehmen. Solche Situationen sind mir immer ein bisschen peinlich, aber ich fühle mich auch sehr geehrt durch die Unterstützung, die ich durch meine Fans erfahre.

Welche Rolle spielt kommerzieller Erfolg für dich?


Chris: Keine große. Ich hatte im Laufe meiner Karriere phasenweise kommerziellen Erfolg, aber ich arbeite einfach nicht gern mit Majors zusammen. Mir gefällt nicht, was in der Geschäftswelt abläuft. Nicht nur im Musikbusiness, sondern allgemein. Die ganze Welt scheint sich nur um Geld zu drehen, aber ich interessiere mich nicht so wirklich für Geld. Uns wird eingeredet, bestimmte Dinge im Leben erreichen zu müssen, aber ich habe mich inzwischen von diesem Denken befreit. Mir ist natürlich klar, dass ich Geld zum Leben brauche, aber meine Entscheidungen hängen nicht davon ab, wieviel Geld am Ende rausspringt. Im Grunde geht es doch nur um Kreativität. Kunst ist für mich auch eine Form der Therapie. Geld ist nur ein Werkzeug. Wenn ich es habe, ist es gut, wenn nicht, mache ich mir auch keine großen Gedanken. Ich mache trotzdem weiter.

Wie gelingt es dir, als Künstler Inspiration zu finden, ohne dich dabei beeinflussen und in eine bestimmte Richtung drängen zu lassen?

Chris: Die Frage gefällt mir, das ist ein sehr interessanter Gedanke. Ich bin da ziemlich extrem, was vielleicht daran liegt, dass ich auch als Produzent tätig bin. Wenn ich irgendwo Musik höre, ob im Radio oder im Fernsehen oder in einem Filmsoundtrack, dann analysiere ich automatisch alles: Welche Gitarren wurden verwendet, wie ist der Drum-Sound? Ich kann da einfach keine Distanz aufbauen. Deswegen versuche ich eher, aktueller Musik aus dem Weg zu gehen. Ich interessiere mich auch einfach nicht besonders dafür. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich weiß, wie ich die Musik machen kann, die ich machen möchte. Ich muss nicht draußen nach Inspiration suchen. Ich finde viel mehr Inspiration in Beziehungen oder auch Filmen, einfach in Dingen, die nichts mit Musik zu tun haben. Musik ist für mich einfach nur eine Möglichkeit, meiner Kreativität Ausdruck zu verleihen. Wenn ich kein Musiker wäre, wäre ich wahrscheinlich trotzdem auf eine andere Art kreativ. Für mich ist es eben nur einfach, mich durch die Musik auszudrücken. Ich bin aber nicht ständig auf der Suche nach neuer Musik, das lenkt mich sogar eher ab, als dass es mich weiterbringt.

Deine Kreativität beschränkt sich aber nicht nur auf Musik. Soweit ich weiß, entwirfst du auch die Visuals für deinen Bühnenshows selbst, oder?

Chris: Ja, Film ist meine zweite große Liebe. Ich denke, ich habe einfach eine ziemlich ausgeprägte Vorstellungskraft. Ich denke in Bildern. Auch wenn ich Songs und Texte schreibe, sehe ich das alles bildlich vor mir. Ich habe das Gefühl, dass die Musik Bilder malt. Daher erschien es mir nur natürlich, die Musik mit Bildern zu unterstützen und unseren Live-Shows eine zusätzliche Dimension zu verleihen. Deswegen experimentiere ich gern ein bisschen mit Visuals für unsere Konzerte herum. Ich hoffe, dass ich irgendwann auch mal kleine Filme machen werde. Ich habe ja kürzlich zum ersten Mal ein Video für einen Song von mir gemacht, My Secret Friend. Ich habe Regie geführt und die Bilder bearbeitet, und das hat mir wirklich viel Spaß gemacht. Das war jetzt mein erstes Musikvideo, und ich möchte gern mehr in dieser Richtung machen und mehr darüber lernen und mit diesem Medium experimentieren.

Wenn du Songs schreibst, hast du dann auch schon eine Art audiovisuelles Konzept im Kopf? Oder kommt erst die Musik und dann die Bilder?

Chris: Das ist ein bisschen seltsam. Wenn es um den Produktionsprozess geht, bin ich sehr technikorientiert und verfolge da wirklich einen wissenschaftlichen Ansatz. Andererseits bin ich auch ein sehr emotionaler Mensch. Songs müssen für mich immer aus Gefühlen heraus entstehen. Das kommt bei mir aus dem Unterbewusstein. Am Anfang habe ich wirklich keine Ahnung, was ich da eigentlich gerade tue. Ich entwickle einfach Ideen und zerlege sie wieder. Irgendwann baue ich dann alle Einzelteile wieder zusammen, und dann ergibt es für mich auch langsam einen Sinn. Ich habe mit der Zeit gelernt, meinem Unterbewusstsein zu vertrauen. Ich vertraue darauf, dass am Ende alles richtig sein wird, auch wenn ich am Anfang nicht wirklich weiß, was ich eigentlich sagen möchte. Manchmal singe ich auch in einer Art Babysprache ohne richtige Worte, wenn ich einen Song schreibe. Wenn ein Baby etwas ausdrücken möchte, hat es nicht die passenden Worte dafür, aber es fühlt einfach, dass es sich mitteilen möchte. So ist es bei mir anfangs auch, und daraus entstehen dann die Texte.

Ich habe den Eindruck, dass die Fans viel über deine Texte nachdenken, sie analysieren und interpretieren. Möchtest du in deinen Texten tatächlich eine bestimmte Botschaft transportieren, oder möchtest du den Menschen einfach nur einen Denkanstoß geben und überlässt alles Weitere der individuellen Interpretation?

Chris: Beides, denke ich. Wahrscheinlich wissen die Leute letztendlich deutlich mehr über mich als ich selbst. Wenn Menschen meine Songs interpretieren, sehen sie manchmal Dinge, die ich gar nicht gesehen habe, und sie haben Recht. Das ist für mich sehr interessant. Ähnlich wie bei Interviews gibt es auch hier eine therapeutische Komponente, weil ich mich selbst analysieren muss. Mir ist oft selbst nicht ganz klar, was ich tue, aber im Laufe der Zeit, vielleicht zwei Jahre, nachdem ich ein Album aufgenommen habe, ergibt es dann langsam Sinn für mich. Dann kann ich es auch mehr genießen. Manche Dinge sind für mich einfach momentan eher verwirrend. Andererseits gibt es aber auch ein paar einfache Botschaften, die ich gern vermitteln möchte, weil ich weiß, wovon ich spreche. Es ist also eine Mischung aus emotionalen Experimenten und direkten Aussagen.

Ich möchte mit dir gern über einen besonderen Song auf dem Album sprechen, nämlich Think Of England. Ich habe den Eindruck, in diesem Song vergleichst du dein Leben in Deutschland mit deinem Leben in England.


Chris: Ich denke, das ist vermutlich der deutlichste Song auf dem Album. Er beschreibt einen psychologischen Wandel. Es geht weniger darum, dass ich als Engländer meine Heimat verlassen habe und nach Deutschland gezogen bin. Es geht vielmehr darum, die Inselmentalität, die es wohl in jedem Land auf die eine oder andere Weise gibt, hinter mir zu lassen und kosmopoliter zu werden. Ich fand die englische Mentalität immer erdrückend. Ich fühlte mich von diesem Land und vor allem von London immer eingeschränkt. Durch den Umzug nach Berlin konnte ich ausprobieren, was immer ich wollte, ich konnte mich neu erfinden und mein Leben neu entdecken. Ich habe herausgefunden, wer ich wirklich bin. Das klingt jetzt hippiemäßig, aber es war für mich ein enormer Schritt nach vorn. Think Of England ist eine direkte Übersetzung dieser Reise.

Das finde ich jetzt lustig. Ich habe nämlich selbst eine Weile in England gelebt, in Sheffield...


Chris (lacht): Oh Gott!

Ja, ich weiß, nicht gerade die schönste Stadt auf Erden. Aber ich habe diese Erfahrung eher umgekehrt gemacht. Ich konnte mich dort freier entwickeln und war unabhängiger als in Deutschland.

Chris: Wirklich? Das finde ich sehr interessant. Das meinte ich eben: Jedes Land ist auf seine Art eine Insel. Es geht aber nicht darum, wo man ist, auch wenn der Ort natürlich positiv zur persönlichen Entwicklung beitragen kann. Es geht einfach darum, herauszufinden, wer man ist. Man muss sich selbst die Freiheit erlauben, das eigene Leben zu kennenzulernen. Das war für mich wirklich ein wichtiger Schritt. Vor allem auch kreativ, weil ich mich ein bisschen entspannen und Abstand gewinnen konnte. In London war ich ständig mit der Musikindustrie und den Meinungsäußerungen dieser Bestie konfrontiert. Und die Musikindustrie in London ist wirklich eine Bestie! Hier bin ich unabhängig geworden und schere mich einfach nicht mehr darum. Ironischerweise habe ich das Gefühl, dass die Leute meine Arbeit jetzt sehr viel mehr schätzen.

Dir ist sicher aufgefallen, dass hier in Deutschland vor allem bei den jüngeren Leuten ein eher idealistisches England-Bild vorherrscht. Insbesondere, wenn es um Mode und Musik geht, wird schnell alles verherrlicht, was aus England kommt. Wie wirkt diese Wahrnehmung denn auf dich? Einerseits möchtest du die englische Mentalität hinter dir lassen, andererseits finden die Menschen hier alles toll, was mit der Insel zu tun hat.


Chris:
Da hast du recht. Die Leute haben da eine falsche Wahrnehmung. Ich spreche gern über dieses Thema, weil ich das Gefühl habe, ich müsste das Bild ein bisschen zurechtrücken und die richtigen Verhältnisse aufzeigen. Natürlich gibt es in England, wie in jedem anderen Land auch, viele tolle Dinge. Aber vieles wird einfach überbewertet, und das wird durch die Presse momentan auch noch sehr gestützt. Es gibt da einen riesigen Hype, aber wenn man in England lebt, sieht man eben, wie es wirklich ist, und es ist längst nicht so interessant, wie viele glauben. Ich weiß auch nicht so recht, was man dagegen tun kann. Ich leiste meinen eigenen kleinen Beitrag. Durch meinen Umzug nach Berlin habe ich gezeigt, dass eben auch in England nicht alles großartig ist.

Ist Berlin inzwischen also wirklich zu deiner Heimat geworden?

Chris: So sehr Heimat, wie ich eben eine Heimat haben kann, ja. Berlin ist zumindest ein zentraler Punkt in meinem Leben geworden. Heimat? Hmm, ich weiß nicht. Ich verbringen mehr Zeit in Hotelzimmern als in Berlin. Ich musste  für mich irgendwie eine Möglichkeit finden, das Konzept "Heimat" einfach im Kopf ablaufen zu lassen, egal wo ich gerade bin. Manchmal ist es schwierig, weil ich niemals irgendwo wirklich zur Ruhe komme. Aber ich genieße diese Art von "Zigeunerleben" eben auch, es hat viel mehr Vorteile als Nachteile. Ich brauche einfach keine feste Heimat. Zumindest im Moment.

Aber gibt es nicht manchmal Momente, in denen du denkst, dass ein geregeltes Leben mit einem "normalen" Job viel einfacher sein könnte?


Chris (entschieden): Nein, nein. Ich dachte das früher oft. Aber tief in mir drin weiß ich einfach, dass ich nicht der Typ dafür bin und es auch nie sein werde. Ich habe mich immer schon vom Unvorhersehbaren angezogen gefühlt, das treibt mich auch irgendwie an. Ich denke, irgendwie habe ich auch eine Art von Routine, auch wenn alles ziemlich extrem ist. Routine ist also nicht das Thema, es geht mehr um Sicherheit. Und ich glaube, ich brauche das Unberechenbare in meinem Leben. Das gibt meinem Leben eine Art Sinn. Und ich fühle mich sicherer, wenn ich frei bin.

Hast du trotzdem Ziele im Leben? Gibt es etwas, das du gern noch erreichen möchtest?

Chris: Ja, ich habe ein Ziel, und ich denke jeder hat dieses Ziel, nämlich zufrieden zu sein mit dem Leben. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt unglücklich bin, aber... Jetzt muss ich vorsichtig sein, dass es nicht zu privat wird... Ich würde sagen, dass es mein Ziel ist, an dem festzuhalten, was ich habe, und das auch mehr zu genießen. Im Moment genieße ich das Leben und das Herumreisen einfach noch nicht so sehr, wie ich wohl könnte.

Es gibt eine Frage, die wir in jedem Interview stellen, und auf diese Frage folgt normalerweise erst einmal Schweigen.


Chris: OK, jetzt bin ich gespannt.

Was war in deinem Leben als Musiker bisher der beeindruckendste Moment? Gibt es ein positives oder negatives Ereignis, dass dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Chris:
Da gab es viele Momente, und zwar sicher mehr positive als negative. Vor ein paar Jahren habe ich eine Therapie begonnen, und das war wirklich ein enorm wichtiger Punkt in meinem Leben, weil es mir sehr geholfen hat. Das war eine sehr positive Erfahrung, auch wenn das jetzt schon wieder ein bisschen privat ist. Musikalisch gesehen gab es einige ziemlich seltsame Momente. Ein sehr, sehr negatives Erlebnis war, als sich jemand bei einem Konzert direkt vor mir die Pulsadern aufgeschnitten hat, als ich auf der Bühne stand. Das war ein sehr verwirrender und wirklich schrecklicher Moment für mich.

Das klingt wirklich furchtbar!

Chris: Ja, das war es auch. Letztendlich ist alles gut ausgegangen, aber ich musste mir auch einfach sagen, dass es nicht meine Schuld war. Ich weiß nicht, was diese Person soweit gebracht hat, aber ich weiß auch, dass ich nicht hätte helfen können. Das zu sehen war sicher eines der negativesten Erlebnisse, die ich je hatte. Jetzt weiß ich auch, warum du sagtest, auf diese Frage folgt immer Schweigen. Es gibt viele beeindruckenden Momente, und wenn man so viel reist wie ich, vergisst man leider auch einiges. Wenn ich mich jetzt mit dir zusammensetzen und eine Stunde lang unterhalten würde, könnten wir sicher viele goldene Momente finden, aber diese beiden fallen mir zuerst ein.

Bei Chris Corner von IAMX bedankt sich für das Interview: Bettina Koch.

 

IAMX auf Tour:

27.10. Köln, Werkstatt

28.10. Stuttgart, Die Röhre

29.10. München, Backstage

30.10. Leipzig, Club Lagerhof

06.11. Hamburg, Grünspan

 




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