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Royseven: "Wir wollten ein episches Debütalbum"
Thursday, 22 November 2007 14:06

Voll knuffig: Royseven
Für eine Newcomerband gibt es Schlimmeres, als mit britischen Bands wie Muse, Coldplay oder Keane verglichen zu werden. Auch wenn Royseven manche dieser Bands als Einflüsse zitieren, halten die Iren jedoch ansonsten nicht viel von oberflächlichem UK-Fashion-Getue und elektronischem Soundgefrickel. Sie erzählen mit ihrer Musik lieber Geschichten in bester irischer Tradition. Sänger Paul und Schlagzeuger Daz präsentieren sich beim Interview mit unserem Redakteur Christian trotzdem modetechnisch auf der Höhe.

 

Zum Anschauen: I need to know your name
Pop-Up

 

Paul, du bist dieses Jahr nach Berlin gezogen. Was nervt dich bisher am meisten an der Stadt?

 

Paul: Am meisten nervt, dass die Leute hier tatsächlich an der Fußgängerampel stehen bleiben. Sie warten bis es grün wird und gehen erst dann über die Straße, das ist wirklich verrückt, denn wenn du dann doch mal gehst, schauen sie dich vorwurfsvoll an.

 

Daz: Ja, die sehen dich an, als wärst du irgendein Verbrecher.

 

Paul: In Irland hat niemand die Geduld, an der Ampel zu warten. Aber generell nervt mich sehr wenig an Berlin, es ist so eine entspannte Stadt im Gegensatz zu Dublin oder London. Sobald ich hier bin, fühl ich mich sofort viel entspannter.

 

Daz: Es läuft einfach alles langsamer in Berlin.

 

Und das, obwohl die Stadt viel größer als beispielsweise Dublin ist.

 

Paul: Berlin ist auch großartig, weil es hier so viel Platz gibt, alles ist viel weitläufiger. Dublin dagegen hat von der Fläche her ein sehr kleines Zentrum. Und alle müssen einfach auf diesem kleinen Raum versammelt sein.

 

Daz: Dublin ist ja auch für Pferdegespanne gebaut. Da mit einem Auto durchzukommen ist ein Albtraum.

 

Euer Bandname ist zum Teil von einem David-Bowie-Zitat inspiriert. Bowie hat ja auch einige Zeit in Berlin verbracht und dort einige seiner besten Alben aufgenommen. Waren Leute wie Bowie auch eine Inspiration für dich, in diese Stadt zu ziehen?

 

Paul: Nein, das waren alles kleine, nette Zufälle. Man muss schließlich auch seinem eigenen Weg folgen. Als ich hierher gezogen bin, war es eher eine Notwendigkeit. Das hat sonst mit niemandem was zu tun. Ich halte es für idiotisch, anderen Leuten zu folgen. Wenn ich den Träumen anderer folgen würde, ginge ich nach L.A. und würde einen auf Jim Morrison machen (lacht) und am Sunset Strip leben.

 

Im Song For you and me singst du „this town is getting me down, it's too familiar". Geht es darin um deinen Umzug?

 

Paul: Es ist autobiografisch, aber es geht eigentlich um meine Heimatstadt Clonmel im County Tipperary im Südosten Irlands. Im Song geht es darum, dass ich mich von meiner Freundin getrennt hatte, die auch aus dieser kleinen Stadt kam. Zurück nach Clonmel zu gehen, erinnerte mich an das, was ich verloren hatte. Es geht also in dem Song nicht um Dublin, ich liebe Dublin. Ich liebe auch meine Heimatstadt, das war nur eine vorübergehende Sache.

 

Ihr habt euer erstes Album in den irischen Grouse Lodge Studios, wo bereits Bands wie Editors, Snow Patrol und Bloc Party gearbeitet haben, aufgenommen. Wie war es dort aufzunehmen, und wie hat dieser Ort euer Album beeinflusst?

 

Daz: Wir hatten die Musik eigentlich schon fertig, als wir dort ankamen. Wir wussten schon genau, was wir hier tun. Aber es ist ein Wahnsinns-Studio. Es liegt mitten im Nirgendwo, und daher arbeitest du sehr schnell und viel.

 

Paul: Es ist ein unglaubliches Anwesen mit Wohngebäuden und Swimming Pool. Es ist so abgelegen und isoliert, sogar mein Handy funktionierte dort nicht. Und das war großartig für die Arbeit.

 

Daz: Es gibt auch keinen McDonald's dort.

 

Paul: Wir lebten also sehr gesund. Es waren ja schon viele berühmte Bands da und das, weil der technische Standard des Studios so hoch ist. Muse waren da und haben ihre Drums dort im Swimming Pool aufgenommen. Eine dieser verrückten Produzenten-Ideen.

 

Wenn man eure Biografien liest, fällt auf, dass die meisten von euch irgendeine Art von formaler, klassischer oder technischer musikalischer Ausbildung haben. Beim Hören eurer Musik bekommt man aber den Eindruck, ihr verfolgt eher einen direkten, einfachen und emotionalen musikalischen Ansatz. Wie bringt ihr diese beiden Herangehensweisen unter einen Hut?

 

Paul: Ich glaube nicht, dass all das, was du an Theorie gelernt hast, dich auch beim Songwriting beeinflusst. Egal wie viel du über Musik weißt, du kannst immer nur auf deinem eigenen Level schreiben und nur bis zu den Grenzen deiner eigenen Fähigkeiten vorstoßen. Das erste Album wurde in einem sehr traditionellen Songwriting-Style geschrieben und nicht in irgendeinem coolen UK-Mode-Fimmel-Style. Wir versuchten eben nicht, wie Bands wie Razorlight oder The Fratellis zu sein. Wie wollten ein epische Debütalbum. Wir wollten, dass man es nicht nur heute, sondern auch noch in 20 Jahren gut hören kann. Wir wollten zeitlose Songs, und deshalb wurden sie in einem traditionellen Songwriting-Ansatz verfasst. Die Geschichte hinter den Songs war uns das Wichtigste und nicht der Style. Bevor wir uns an die Aufnahmen machten, überlegten wir genau, was wir in den jeweiligen Songs rüberbringen wollen.

 

Wo wir gerade bei den Geschichten hinter den Songs sind: Ich hab den Eindruck, dass die meisten eurer Songs um die Texte herum entstehen. Paul, du schreibst diese Texte und Songs, spielst aber live und im Studio selbst kein Instrument. Wie entstehen die Musik und die Arrangements um diese Texte herum?

 

Paul: Meistens schreib ich zuhause schon die Musik dafür. Meist auf einer akustischen Gitarre oder einem Piano, Instrumente, die ich gut genug spielen kann, um darauf einen Song zu schreiben. In der Probe spiele ich dann den Jungs diese Songgerüste vor. Je nachdem, ob es ihnen gefällt oder nicht, fügen wir den Song dann gemeinsam zusammen und gehen dafür wieder ganz zum Anfang zurück. Wir konzentrieren uns dabei auf die starken Punkte des Songs und bringen nach und nach die Instrumente ein. Dann arbeiten wir die Hooks aus und bauen den Song auf. Aber du hast recht, alle Songs beginnen mit einer Textidee, das zieht sich durch das ganze erste Album. Im Vordergrund stehen die Geschichten.

 

In dem Song Crash gibt es einen bemerkenswerten Sound, ein Gitarrenbreak kurz vor dem Refrain, der sich genau anhört wie die klangliche Entsprechung des Wortes „Crash". Wie kamt ihr auf diesen Sound?

 

Paul: Manchmal passieren die Dinge einfach so. Oder der Produzent hat eine Idee und wir probieren sie aus. In diesem Fall wollten wir von der Strophe in einen großen Refrain einsteigen und brauchten einen Crescendo-Effekt. Und dieser Gitarrensound lieferte das perfekte Crescendo.

 

Daz: Auf dem ganzen Album haben wir auch versucht, nur echte Instrumente zu verwenden, zum Beispiel keine Drum-Computer. Wir wollten die verschiedenen Sounds allein durch verschiedene Aufnahmetechniken erreichen. Bei den Schlagzeugaufnahmen hatte ich einmal drei Bass-Drums mit Tape zusammengeklebt und dazu noch riesige Röhren in den Trommeln. Wir wollten auf diese Weise experimentieren. Wir wollten dadurch zeitlose Sounds erreichen. Synthetische Sounds neigen dazu, ein paar Jahre später sehr veraltet zu klingen. Und all diese verschiedenen Sounds entstanden nur durch Experimente mit verschiedenen Mikrofontechniken, Raummikrofonierung und so weiter.

 

Kamen die Ideen für diese Experimente von euch oder vom Produzenten?

 

Daz: Die meisten kamen von uns, doch auch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten war sehr gut. Wir haben sehr lange an dem Album gearbeitet und hatten daher ganz genaue Vorstellungen, wie es klingen sollte.

 

Paul: Die Idee mit den drei Bass-Drums stammte von unserem Produzenten Mark (Carolan). Wir haben immer alles ausprobiert. Selbst wenn es Scheiße klingt, wir probieren immer alle Ideen aus, nur der Person zuliebe, die den Vorschlag gemacht hat (lacht). Und das ist eine gute Herangehensweise, denn manchmal funktioniert's auch!

 

Daz: Grouse Lodge war perfekt für diese Experimente, denn man hat immer das Gefühl viel Zeit zu haben, weil es keine Ablenkung gibt.

 

Ihr habt in letzter Zeit mit einigen deutschen Bands und Musiker zu tun gehabt, vor allem mit Reamonn und Roman Fischer. Wie ist eure Beziehung zu diesen Leuten?

 

Paul: Roman und ich haben uns im Büro unseres Managements kennengelernt. Wir fingen an zu plaudern, ich hörte sein erstes Album und wir beschlossen für sein zweites Album zusammenzuarbeiten. So schrieb ich viele der Texte für dieses zweite Album. Ich liebe seinen Stil und halte ihn für extrem talentiert. Seine Stimme ist großartig, seine Melodien sind umwerfend, besser als alles, was ich bisher geschrieben hab. Er spielt großartig Gitarre und Klavier. Es war toll mit ihm zu arbeiten. Außerdem war es wichtig für mich, auch außerhalb der Band eine objektive Meinung zu hören. Und es war für mich das erste Mal, dass ich Texte zu einer fertigen Melodie geschrieben habe. Er erzählte mir, wovon der Song handeln sollte, und wir formten die Texte dafür. Mit Reamonn teilen wir das Management. Sie waren immer sehr nett zu uns.

 

Daz: Sie sind so eine Art Väter für uns.

 

Was haltet ihr generell von der deutschen Musikszene?

 

Daz: Fantastisch! Es gibt tolle Bands, sehr vielfältige. Der deutsche Musikmarkt scheint weniger modeorientiert zu sein, die Leute haben hier ihre eigene Meinung. Sie lassen sich viel weniger von anderen beeinflussen und ziehen mehr ihr eigenes Ding durch.

 

Paul: Mir fällt auch auf, dass die Radio-Playlists überhaupt nicht das reflektieren, was hier wirklich musikalisch passiert. Und Berlin ist ohnehin eine Sache für sich. Die Stadt unterscheidet sich komplett vom Rest des Landes. Und im Radio hörst du nur Tag und Nacht Nelly Furtado oder Reamonn. Und das ist ja auch cool, aber für ein Land von dieser Größe und Vielfalt? In Frankreich läuft das dagegen ganz anders.

 

Ihr seid eine irische Band, benutzt aber keine Irish-Folk-Elemente wie viele andere irischen Pop-Bands, sondern verfolgt eher einen universelleren Sound. Trotzdem sehen viele Fans vor allem hier in Deutschland einen klaren irischen Charakter in eurer Musik. Könnt ihr das nachvollziehen?

 

Paul: Ich glaube, das liegt ganz einfach am Storytelling-Aspekt unserer Musik. Das ist das typisch Irische an unserer Musik.

 

Ansonsten werdet ihr ja eher mit aktuellen britischen Pop-Bands wie Keane oder Coldplay verglichen.

 

Paul: Ja, aber das versteh ich oft gar nicht. Wie gesagt, sehen wir uns ja nicht in dieser UK-Fashion-Schiene. Den Vergleich mit Keane kann ich nachvollziehen, ich habe eine ähnliche Stimmlage wie Tom und auch die Piano-Elemente sind in beiden Bands vorhanden. Aber den Vergleich mit Coldplay hab ich nie verstanden. Du etwa?

 

Es gibt schon Ähnlichkeiten, zum Beispiel manche typischen Drum-Grooves wie in Clocks.

 

Daz: Ja, stimmt...verdammt!

 

Bei Paul und Daz von Royseven bedankt sich für das Interview: Christian Schober

(2007)

 




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