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Angelika Express: "Nena hat alles kaputt gemacht"
Friday, 02 May 2008 18:20

Nach langer Pause wieder hörbar: Angelika Express
Lange vor der unbremsbaren Welle des Deutschrocks und Downloads im Internet gab es Angelika Express: Eine Band aus Köln, bestehend aus Sänger Robert Drakogiannakis, Schlagzeuger Alex Jezdinsky und Bassist Jens Bachmann. 2005 hatte sich die Kölner Kombo aus persönlichen Gründen voneinander getrennt. Doch jetzt ist es soweit: Angelika Express kehren auf die Bildfläche zurück - auch wenn Sänger Robert es ohne seine alten Bandkollegen wagt! Passend zur guten Nachricht gibt es von uns ein Interview, das wir wenige Tage vor der Trennung der Band geführt haben.


Zum Reinhören: Geh doch nach Berlin

 

Ihr habt ja jetzt ein neues Album raus gebracht, man höre und staune ein Live-Album. Erhofft ihr euch denn durch den Namen der Platte jetzt besonders hohe Verkaufszahlen?

Drakogiannakis: Du meinst wahrscheinlich, weil das Album von uns Pornographie genannt wurde. Man muss allerdings sagen, das Album ist eine Mogelpackung, denn es ist noch nicht mal ab 18 und hat auch sonst keinerlei pornografische Inhalte. “Pornografie” bezieht sich eher auf die Art und Weise, wie wir den Rock´n´Roll hemmungslos auf der Bühne ausleben. Das hat schon eine pornografische Tendenz würde ich sagen. Der Grund, warum wir gerade ein live-Album raus bringen ist der, das es das ist, was fehlt. Damit sich die Leute, die zu Hause sitzen, mal ein Bild davon machen können, wie wir live sind. Das haben uns jetzt schon einige gesagt, dass wir live gleich noch mal eine ganz andere Qualität haben. Auf den Alben, wie sie sonst aufgenommen sind, stehen die Songs im Vordergrund, live steht eher die Energie im Vordergrund. Und da ist zumindest der Versuch da, das ansatzweise zu vermitteln. Auch wenn das natürlich nicht 100%-ig klappen kann.

Würdet ihr euch denn eher als Liveband bezeichnen oder mehr als Studioband?

Drakogiannakis: Ich würde uns als beides bezeichnen. Denn es macht natürlich beides eine Menge Spass, das würden wahrscheinlich alle Bands sagen. Aber natürlich kochen die Körpersäfte höher und das Adrenalin steigt, wenn man live auf der Bühne steht. Wenn man das direkte Feedback des Publikums hat, den Schweiß, die durchtrieften Anzüge – das ist natürlich schon ´ne ganz andere Hausnummer, als wenn man Kreativität im Studio auslebt und das Hin und Her mit dem Produzenten, mit der Band und mit sich selbst. Entwicklung und Songwriting, das sind eher intellektuelle Prozesse, sag ich mal. Im Gegensatz zu den eher körperlichen Prozessen, wenn wir live spielen.

Fällt es euch als Band eigentlich schwer, ein ganzes Album auf die Beine zu stellen?

Drakogiannakis: Interessante Frage, fällt es schwer.... ich würde sagen, beim letzten Studioalbum, das wir gemacht haben, “Alltag für alle”, war es tatsächlich nicht ganz einfach. Da kamen wir gerade von der Tour, hatten einen Break. Dann kam aber schon unser Manager an und meinte: “Ähm, Jungs, wie sieht´s aus mit Songs, nächste Woche ist Studiotermin”. Wie, Studiotermin! Mit was für Songs! Und da war es wirklich so, dass wir in kürzester Zeit ein Album auf die Beine stellen mussten. Das war zuerst super anstregend, dann aber auch wieder relaxed, weil wir recht schnell festgestellt haben, dass wir auch mit wenig Aufwand was richtiges hinkriegen. Also auch ohne jetzt ein halbes Jahr lang ins Studio gehen zu müssen mit den Monsterproducern, würden wir schon irgendwas auf die Beine stellen können. Das hat uns natürlich auch ein gewisses Selbstbewusstsein gegeben. (lacht)

Macht ihr euch zu solchen einem Zeitpunkt schon Gedanken darüber, wie die Fans auf das neue Material reagieren werden -sowohl live als auch natürlich auf Platte?

Drakogiannakis: Gedanken an sich nicht, nein. Das Kalkulieren ist uns eher fremd. Wir überlassen das lieber anderen Sparten der Musikindustrie.

Kommen da auch mal Zweifel an sich auf?

Drakogiannakis: Tag und Nacht quälen uns Selbstzweifel. In der Tat ist es ja so: Ich bin ja schon Ende 30, meine Bandkollegen sind jetzt auch endlich alle 30 geworden, wir sind also nicht mehr die blühende Jugend. Eigentlich ist es ja auch totaler Quatsch, dass man Rock´n´Roll-Musik macht, durch die Gegend zieht, das ist alles Unsinn! Also einmal lohnt es sich finanziell kaum, obwohl wir natürlich versuchen, damit unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, weil wir sonst nichts anderes machen. Also die Band steht im Mittelpunkt unseres Lebens, unserer Existenz. Aber davon jetzt ein Häuschen zu bauen und eine Familie zu ernähren, Sachen, die man in seinem Leben vernünftiger Weise irgendwann mal angehen sollte, das ist damit nicht drin.

Es ist ja sicherlich auch nicht einfach, sich gerade mit Rock in Köln durchsetzen zu können.

Drakogiannakis: Doch. Also ich kenne Bands, die setzen sich da sehr gut durch. Zum Beispiel gute Freunde von uns, die Gruppe Klee, die machen das und die machen das schon lange und erfolgreich. Da sind wir also nicht die Einzigen. Das war mal in den Neunzigern, das stimmt, aber die sind ja Gott sei Dank Vergangenheit. Da war es in der Tat so, dass elektronische Musik der Fokus war und das irgendwelche Superpitchers und Modernists, alles nette Leute und so weiter, diesen Cologne Sound kreiert haben. Und da war in der Tat kein Platz für Rock und Gitarren.

Warum singt ihr auf deutsch?


Drakogiannakis: Englisch ist zu beschissen. Nein, ich meine was soll das, ich habe meine Gedanken in deutsch, und warum soll ich die dann übersetzen! Also ich würde sie vielleicht gern übersetzen können, aber ich kann das halt auch einfach nicht. Es würde vielleicht bedeuten, dass man auch mal international was reißen könnte und nicht immer nur Deutschland, Österreich, Schweiz – und nicht mal Japan, Frankreich, England, Amerika. Das ist natürlich ein bisschen schade. Andererseits geht es auch ein bisschen um Ehrlichkeit und das man was transportieren will mit seiner Musik. Transportieren, wie es in einem ist und nicht, wie es vielleicht sein sollte. Ich habe oft das Gefühl – leider – bei englisch-sprachigen Bands, die aus Deutschland kommen, dass so ein Klischee-Englisch gesprochen wird. Das Klischee-Inhalte transportiert werden. Und das möchte ich nicht. Also wenn ich irgendwann mal eine Art für mich finde, mit Englisch umzugehen, umso besser! Also ich experimentiere auch gerne damit, englische und deutsche Texte zusammen zu bringen als Songwriter, diese Grenzen aufzubrechen. Was mir von Grund auf und zu tiefst zu wider ist, ist jedwene Art der Deutschtümmelei, so nach dem Motto “ich mach jetzt deutsche Texte, weil ich Deutscher bin” und solche Sachen. Auch mit schwarz-rot-goldenen Inhalten, wie ja jetzt manche Band meint, dass sie es machen muss, kann ich nicht. Das finde ich ganz schlimm.

Würdest du denn das momentane Hochkommen von Deutsch-Rock-Pop-Punk-Bands als neue kommende Welle sehen?

Drakogiannakis: Da muss ich jetzt gerade tief durchatmen. Denn ich bin ja wie gesagt leider schon ein bisschen älter, oder auch zum Glück, oder wie auch immer. Also ich hab ja schon ein bisschen Lebenserfahrung gesammelt und die Neue Deutsche Welle ist für ganz extrem Problembehaftet. Ich war früher Feuer und Flamme für diese Musik, die aus Deutschland kam, die sehr ordinär war, also total eigenständig. Bizarr, dilletantisch, seltsam. Und dann haben diese Nenas und Markus-Heinis und Tussis alles kaputt gemacht! Die haben es absolut versaut! Das ist was, worunter die deutsche Musikszenerie heute immernoch zu leiden hat. Eine Nena sind wir ja immernoch nicht los, die sollte sich meiner Meinung nach zumindest musikalisch langsam mumifizieren lassen, weigert sich aber hartnäckig! Bringt ihre alten Drecksplatten nochmal neu raus und drangsaliert uns immernoch! Warum muss das sein, das versteh ich nicht. (lacht) Wir haben jetzt ganz viel Silbermond, Juli, die auch an authentischer deutscher Musik arbeiten und es mainstreaminger und normaler wirken lassen, als es eigentlich sein müsste.

Ihr seid da anders, ihr habt euch von unten nach oben gekämpft mit einer Menge Individualismus. Aber wie wird man Angelika Express?

Drakogiannakis: Interessant, ja wie wird man Angelika Express. Ich glaube, was sehr wichtig ist bei einer Band ist, dass die Leute zusammen passen. Das die Chemie richtig stimmt, dass es brodelt. Und das passiert leider nicht wirklich oft. Also bei uns ist es passiert, dass es eine entzündliche Mischung wurde kurz vor´m Sprengen, so wie Nitroglyzerin. Da war die Mischung da, da hat die Energie gestimmt. Wenn Musiker zusammen finden können, eine gute Reibung haben, dann ist es so der Punkt, an dem eine gute Band zusammen kommt. Und da sehe ich gerade eine Menge Bands, die sind so kurz davor, und auch manche Bands, die sind schon wieder drüber. Die haben fast schon zu viel Energie. Und bei manchen passt es einfach. Ich würde sagen, bei uns hat es ein Stück weit ziemlich gut geklappt.

Euch hat dabei aber sicherlich auch eure gute Beziehung zu Paul geholfen, oder?

Drakogiannakis: Paul spielt auf jeden Fall eine große Rolle, war schon von Anfang unserer Karriere an mit dabei. Wir hatten den gleichen Enthusiasmus, die als Label, wir als Band. Wir wollten weiter, sie wollte expandieren, das hat sich gegenseitig einfach unglaublich gut befruchtet. So dass wir nach wie vor viel miteinander zu tun haben und von einander profitieren. Für das letzte Album sind wir dann zu Sony gegangen, haben Paul aber weiterhin mit im Boot gehabt. Die haben weiterhin noch Promotion für die Band gemacht und alles, also eine sehr starke Verbundenheit mit dem Label Paul.

Was hält du denn von den ganzen Musik-Download-Möglichkeiten, die sich entwickeln? Sony dürfte das ja weniger erfreuen.

Drakogiannakis: Scheiß drauf. Wir leben jetzt im Jahr 2005 und dann ist es halt einfach so, dass Sachen runtergeladen werden. Damit lebe ich als Musiker. Ich bin ganz ehrlich, ich lade auch was runter, wenn ich es ganz dringend hören muss, aber nur diesen einen Song! Ich werde einen Teufel tun und in Saturn gehen und mir eine ganze Platte kaufen, nur weil ich diesen einen Song toll finde. Mein Gott, dann lade ich ihn eben runter, gerade von einer Band, die eh schon Milliarden Dollar auf dem Konto hat, dann tut es denen auch nicht so weh. Was soll´s! Andererseits finde ich es sehr wichtig, dass man als Musiker, als Label, als Plattenindustrie lernt, wie man damit umgeht, sich da auch nicht sperrt. Und auch mal einfach was an die Fans verschenkt! So “ihr ladet euch die Songs eh runter, dann schenken wir euch einfach mal drei oder vier MP3s, hier habt ihr sie”, also sozusagen wie eine EP für umme. Wenn euch das gefällt, kauft ihr ja vielleicht auch unsere Platte. Dass man da eine gewisse Offenheit hat. Leider hat die Plattenfirma Sony das garnicht so gesehen. Also unsere Idee war es auch, eine ganze EP ins Netz zu stellen, mit neuen Songs und so. Da war dann der Spruch von der Plattenfirma da “nein, wir verschenken nichts, dafür muss gezahlt oder sonst was gegeben werden”. Und das sehen wir nicht so, von uns aus kann auch gerne mal einfach was verschenkt werden. Denn die Leute, die Fans, die zu einem Konzert gehen, die geben einem ja auch was dafür! Die kaufen ihre Karten, damit man spielt. Da ist es doch eine Selbstverständlichkeit, dass man auch mal für lau was von sich geben kann.

Komischerweise kommen solche Ansagen meist von Indie-Bands, selten von Majors wie zum Beispiel Metallica. Was glaubst du, woran das liegt?

Drakogiannakis: Ich weiß es nicht. CDs kosten Geld, als ich jung war hatte man dafür kaum Geld. Heute gibt es iTunes und sowas, das ist okay! Da kann man sich Musik leisten. Zahlt irgendwie einen Euro für ´nen Song und dann hat man ihn. Also wenn man was anderes mag als Vinyl und nicht direkt ein Album kaufen will. Das ist doch gut.

Glaubst du, dass es sowas wie ein Booklet in Zukunft dann überhaupt noch geben wird?

Drakogiannakis: Es wird eine ganz andere Form geben, die man sich jetzt so noch nicht vorstellen kann. Man muss sehen, wie sich das auf die Popwelt auswirken wird. Ein Drei-Minuten-Song: Was wird aus einem Drei-Minuten-Song, wird es den überhaupt noch geben? Wird es eine Mischung geben aus einem Song, einem Video und einem Artwork, das man sich runterladen kann für ein paar Euro? Oder wird es noch Alben geben mit zwölf Songs oder mehr? Die Frage ist, wird es sowas wie Led Zepplin oder “Nevermind” von Nirvana, wird es sowas in Zukunft überhaupt noch geben? Das ist eine sehr spannende Frage, ich kann es nicht beantworten.

Welche Hindernisse haben sich sonst noch für euch aufgetan außer der Frage, wie eure Fans an Material kommen? Welche Hindernisse sind in der Karriere entstanden, welche vielleicht sogar erst durch die Karriere?

Drakogiannakis: Hindernisse waren immer die Routing von unserer ersten Tour. Auf unserer ersten Tour haben wir solche Runen und Satanssymbole über die Deutschlandkarte gezogen und dadurch waren die Orte immer so weit auseinander! Vorallem nicht leicht, wenn man dann 120 Konzerte im Jahr spielt oder so. Hindernis Nummer zwei ist, dass unser Album nie in die Charts oder irgendwas gekommen ist. Dass wir nie in irgendwelchen Radioplaylisten, MTV oder VIVA aufgetaucht sind, sondern immer Underground waren. Nicht so publik wie die Sportfreunde Stiller, Wir sind Helden oder so. Oder meinetwegen auch Madsen! Die kommen aus ähnlichen Umständen wie wir und haben jetzt einen unfassbar riesen Erfolg. Thees Uhlmann von Tomte hat die mal irgendwo gehört und gesprochen und plötzlich spielen die bei Rock am Ring. Ich finde das hochinteressant. Uns war das leider nie vergönnt, obwohl wir einen gewissen Achtungskreis haben und Gönner, aber den Breitenerfolg hatten wir nie.

Gibt es für dich noch einen Ausgleich zu Angelika Express?

Drakogiannakis: Momentan ist das meine andere Band, Planetakis, das ist so Ausgleich. Was gerade Spass macht. Sonst stimmt in meinem Leben eigentlich alles soweit.

Du bist jemand, der sehr korrekt ist, wenn es ums Songwriting geht. Nimmst du das Perfektionistische des Songschreibens auch mit in dein “reales” Leben?

Drakogiannakis: Wenn ich da mit nein antworten würde, könnte ich mich direkt aufhängen. Idealismus ist schon eins der wichtigsten Dinge im Leben. Man hat ja sonst nicht so viel, an dem man sich im Leben festhalten kann. Aber da kommen wir jetzt in philosophisches Fahrwasser. (lacht)

Was steckt denn sonst noch hinter euren Songs?

Drakogiannakis: Meistens ein bis zwei durchzechte Nächte, seltsame Ansichten über sich selbst und die Welt, die sich nach und nach verdichten zu Textzeilen, Erfahrungen mit sich selbst, seinen Liebschaften und Freunden – das steckt da so hinter.

Wie geht ihr mit jemandem um, der euch als Band nicht mag?

Drakogiannakis: Wir haben riesen große Herzen und nehmen eigentlich alle auf – es sei denn, es sind Arschlöcher. (lacht)


Bei Robert Drakogiannakis von Angelika Express bedanken sich für das Interview: Nina-Carissima Schönrock und Dominik Hoferer

(2005)




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