| Erik and Me: "Die Pixies waren schon Pop" |
| Tuesday, 06 May 2008 10:10 | |||
![]() Das Südstadt in der Münchner Isarvorstadt. Erik&Me haben hier gerade vor einem Dutzend Leuten ein reduziertes Konzert gegeben, „die Nachbarn da oben machen das sonst nicht mit." Über den Köpfen hängen Morrissey und die Gallagher-Brüder auf Zeitungspapier. Zeit für ein paar Worte mit Erik Lautenschläger, dem Sänger der Band, kurz bevor die Käsespätzle kommen.
Ihr habt seit wenigen Tagen mit „Hundertsechzig Zeichen" euer erstes deutschsprachiges Album draußen. Macht das nervös?
Lautenschläger: Extrem nervös. Wir sind ja noch nie in so großem Rahmen besprochen worden. Es ist auch nicht leicht, mit Kritik umzugehen, und die kommt zwangsläufig, wenn man mit Kopfstimme und in deutscher Sprache singt. Das ist sehr aufregend, weil ich von der Sache eigentlich schon ziemlich überzeugt bin.
Was hat es mit diesen „Hundertsechzig Zeichen" eigentlich auf sich?
Lautenschläger: 160 Zeichen passen in eine SMS, in so wenige Worte soll man die Welt verpacken können, ich bewundere den, der das kann. Auf dem ganzen Album geht es ja um Kommunikation, „Hundertsechzig Zeichen", das ist ein Sinnbild dafür, wie sich unsere Kommunikation durch SMS verfremdet hat. Britney Spears soll ja mit ihrem Freund per SMS Schluss gemacht haben, ich hoffe, sie wusste, dass sie dafür nur 160 Zeichen hat.
Hofft ihr, noch unbekannt genug zu sein, so dass eure Platte nicht gleich morgen in Download-Foren zu haben sein wird?
Lautenschläger: Einerseits verdient man dann erst richtig Geld, wenn man auch auf Download-Plattformen vertreten ist. Aber ich wäre genauso berührt, wenn meine Sachen da nicht verteilt würden. Ich finde, es ist nur schade um die Mühe, die sich Band mit dem Remastern von Platten geben, wenn die Leute das nicht nützen, sondern mit schlechten mp3-Handys Musik hören.
Warum habt ihr euch dazu entschieden, auf deutsch zu singen?
Lautenschläger: Anfang 2006 hat die Band zu mir gesagt, ich solle auch mal auf deutsch singen. Ich konnte mir das erst nicht vorstellen, das Stück „Nur das Gras" hieß ursprünglich ja auch „Green green gras", ich hatte Bedenken, ob die Energie im Deutschen noch die gleiche ist. Erstaunlicherweise war sie dadurch sogar noch besser und schwuppdiwupp haben wir die Texte ins Deutsche übertragen, es gibt da so viele Ausdrucksmöglichkeiten.
Fühlt es sich anders an, auf deutsch zu singen als etwa auf englisch?
Lautenschläger: Es ist schwieriger, die Sprache ist viel härter. Deutsch ist oft auch mehr Sprechgesang. Wenn Wir sind Helden mit „Guten Tag" ankommen, dann hat das mit Singen nicht wirklich etwas zu tun. Dafür ist die deutsche Sprache sehr ausdrucksstark, wenn ich da an die Romantik denke, an einen Joseph von Eichendorff. Aber man muss sich die Sprache erst erkämpfen, die muss man für sich zurückgewinnen.
Schon mal einen Text wütend zerknüllt und in die Ecke geschleudert?
Lautenschläger: Ich bin da ein bisschen anders. Das ist vielleicht zwei Mal vorgekommen. Ich bin da nicht so pedantisch. Ich habe erst mal eine Idee, dann entsteht die Musik, das wird dann auf die Probe gestellt. Für den genauen Text muss ich mich aber zurückziehen, an die Ostsee oder in den Wald. Da kommt es dann auch darauf an, dass die Silben stimmen.
Deutschsprachiger Pop ist ja meist eingängiger als fremdsprachige Musik. Hättet ihr etwas dagegen, von sämtlichen Mainstream-Radiostationen des Landes im Morgenprogramm gespielt zu werden?
Lautenschläger: Gar nicht. Ich habe keine Berührungsängste mit dem Mainstream. Solange ich meine Qualität halte, mache ich ja nichts falsch. Und wenn unsere Lieder etwa bei Radio Energy Mecklenburg-Vorpommern gespielt würden, dann bekämen die Leute, die den ganzen Tag Scheiße hören, auch mal gute Musik.
Du singst oft mit einer Falsettstimme. Ist das ein Stilelement von euch?
Lautenschläger: Ich habe schon immer so gesungen, ich mag die Kopfstimme, das klingt irgendwie körperlicher, die Stimme sitzt tief im Körper drin. Manchmal muss ich mich regelrecht dazu zwingen, mit dem Bauch zu singen.
Eure Musik wird oft als melancholisch beschrieben. Ich höre da eher eine lakonische Grundhaltung aus den Texten heraus, wie etwa bei Element of Crime.
Lautenschläger: Element of Crime ist definitiv die Band, welche die besten deutschen Texte schreibt. Aber das passt für unsere Musik nicht richtig, so eine Bilderflut kriegen wir nicht hin. Element of Crime machen ja auch fast schon Country, wir haben nur ein countrylastiges Stück, Geschichten erzählen, das geht da nicht so einfach. Textlich habe ich eigentliche keine Vorbilder, aber Rio Reiser, den schätze ich sehr.
Als ich die ersten paar Lieder von euch gehört habe, habe ich mich an die österreichische Popband Garish erinnert gefühlt.
Lautenschläger: Lustig, dass du das sagst. Wir haben mal in Österreich gespielt und wurden als die deutschen Garish auf englisch [auf dem ersten Album von Erik & Me wird auf englisch gesungen] vorgestellt. Im süddeutschen Raum scheinen die durch die Nähe zu FM4 bekannt zu sein, wir kennen die leider gar nicht.
Ihr kommt aus Berlin. Die Hauptstadt ist ja eher als raue HipHop-Hochburg bekannt, weniger für fragilen Akustikpop. Wo in Berlin passt eure Musik denn hin?
Lautenschläger: Eigentlich überhaupt nirgends. Berlin ist so vielfältig. Diese ganzen Julis und Silbermonds wohnen ja auch irgendwie in Berlin. Dann auf der anderen Seite etwa Sido, in dieser Stadt steckt einfach so viel drin.
Ihr seid ja große Anhänger extrem kurzer Liedtitel. Elf der 13 neuen Titel bestehen aus genau einem Wort. Wie kommt das?
Lautenschläger: Vor ein paar Jahren fand ich diese Hamburger Schule-Endlostitel auch noch ganz toll. Aber ich finde es auch kurz schön. In Deutschland tun sich die Leute ja schwer, auf ein einziges Wort zu vertrauen, bei all dem Pathos und der finsteren Vergangenheit ist man dafür nicht offen. Aber so ein kurzer Titel macht eben auch viel konkret.
Ich habe von Calexico und dEUS als euren musikalischen Vorbildern gelesen.
Lautenschläger: Es gibt so viele Einflüsse bei uns. Auf dEUS konnten sich Madze [Madze Peng, Gründungsmitglied und Multiinstrumentalist der Band] und ich eben einigen. Aber auf Tour hören wir vielfältige Sachen, auch gerne experimentelle Musik. Im Bus lief heute den ganzen Tag Jazz von Claude Debussy. Aber auf die Beatles können wir uns alle verständigen.
Auch von Einflüssen aus der amerikanischen Indie-Szene der 80er Jahre ist immer wieder die Rede. Für alle, die glauben, Chucks zu tragen sei schon indie: Was ist amerikanischer Indie?
Lautenschläger: Das war eben noch Punkrock. All das, was vor den Pixies passiert ist. Die Pixies waren ja eigentlich schon Pop. Die waren halt einfach noch so anti, man musste gegen Thatcher sein, gegen Reagan, die haben einfach so einen absurden Style gefahren. Da ging es nicht darum, gleich Platten zu verkaufen, die konnten sich noch entwickeln.
In eurem Tourtagebuch steht, in Osnabrück gebe es viele Freaks. Wie sieht euer Urteil über München aus?
Lautenschläger: Wir sind heute die Leopoldstraße entlang gefahren, am Siegestor vorbei, und wir haben alles gesagt: „Das ist wie Paris!" Und es scheint immer die Sonne, wenn ich in München bin, hier ist immer Sommer, es lässt sich bestimmt gut leben hier. In Berlin ist immer Herbst, aber das finde ich auch ganz gut.
Wusstet ihr, dass es in der Nähe von Chicago ein Restaurant gibt, das genauso heißt wie ihr?
Lautenschläger: Ja, ein skandinavisches Restaurant. Und dabei ist dänisches Essen eigentlich so grausig. Ich bin darauf gestoßen, als ich versucht habe, die Domain für unsere Band zu sichern. Aber vielleicht entwickelt sich da noch etwas, vielleicht schauen wir da mal vorbei.
Für das Interview mit Erik Lautenschläger von Erik & Me bedankt sich: Florian Zick
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Ein Song ist dann ein wirklich verdammt guter Song, wenn er in dir das Gefühl zurücklässt, dass es kein Morgen gibt.
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