| La Vela Puerca: "Pornos kommen noch" |
| Sunday, 22 July 2007 00:23 | |||
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Ein ganzer Haufen Leute hat wahrscheinlich leider noch nie etwas von La Vela Puerca gehört, könntest du die Band vielleicht kurz vorstellen?
Sebastian: Eine Gruppe Leute, die angefangen hat Musik als Hobby zu machen! Die meisten von uns kommen aus dem gleichen Viertel in Montevideo und irgendwann fingen wir an zum Spass gemeinsam Musik zu machen. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf, wir nahmen eine CD auf, mehr und mehr Leute kamen, um uns live spielen zu sehen. Schließlich kamen wir an den Punkt, an dem wir unsere anderen Jobs aufgaben und beschlossen, von der Musik zu leben. Wir hatten das nicht von Anfang an geplant und kamen ganz überraschend dazu. Das Ganze war eher ein Unfall. Wir hatten Sebastian, dann kam Nico. Später kam Rafa, der mit Nicos Schwester verheiratet ist, und danach ein Saxophonist, der am Anfang eigentlich gar nicht so richtig spielen konnte, aber das machte nichts.
Santiago: Drei Monate vor Weihnachten gaben wir dem Projekt schließlich einen Namen und fingen an zu proben. Wir hatten anfangs nur fünf eigene Songs, die restlichen waren Cover. Wir dachten, Weihnachten wäre eine gute Zeit um mit dem Spielen anzufangen, denn in Südamerika ist Weihnachsten ja mitten im Sommer. Wir spielten das erste Mal also um drei Uhr nachmittags, alle unsere Freunde waren betrunken, die Stimmung war wunderbar und es war allen völlig egal, wenn wir Fehler gemacht haben beim Spielen…
Sozusagen die Band als Weihnachtsgeschenk für die Fans…
Sebastian: Ja, und weißt du was, seitdem spielen wir jedes Jahr ein Weihnachtskonzert. Statt Eintritt zu verlangen, sammeln wir Spielzeug ein und geben das dann an karitative Einrichtungen weiter. Dieses Jahr haben wir unser 10-jähriges Jubiläum!
Was bedeutet euer Name eigentlich? Unter www.lavelapuerca.com bin ich beim ersten Nachschauen auf eine Pornoseite gestoßen! Die ist Gott sei Dank inzwischen umgeformt worden. Erst mit ein bisschen Suchen habe ich dann schließlich doch noch eure Seite gefunden.
(Gelächter) Sebatian: Ja, ja, Pornos haben wir noch nicht, aber das kommt noch! Ich habe früher mal in einem Restaurant gearbeitet und mein Chef, ein guter Fruend von mir, nannte mich immer Vela Puerca. Puerca heißt Schwein, also jemand, der sich etwas ungezogen aufführt… Eigentlich heißt vela Kerze, es ist aber so eine Art Insiderwort in unserem Freundeskreis geworden.
Ihr kommt aus Uruguay. Das ist ja nicht gerade das Land, aus dem bekannte Musiker stammen. Die meisten Leute hier in Deutschland wissen nicht viel darüber. Könnt ihr uns ein bißchen über euer Heimatland Uruguay erzählen?
Santiago: Das Land liegt zwischen zwei riesigen Nachbarn: Brasilien und Argentinen. Wir haben drei Millionen Einwohner, von denen etwa die Hälfte in der Hauptstadt Montevideo lebt. Wir hatten eine Militärdiktatur von 1973 bis 1985.
Sebastian: In der Zeit waren Rockbands verboten und viele Musiker haben das Land verlassen und sind nach Spanien, Schweden oder die USA gegangen. Heute haben wir eine neue, politisch eher links gerichtete Regierung. Auch Brasilien und Argentinien haben heute ja eher linke Regierungen und es ändert sich momentan recht viel in Südamerika. Uruguay ist ein armes Land - es gibt vor allem viele arme Kinder - aber es bewegt sich.
Santiago: Es entwickelt sich auch eine neue Art Rockmusik-Szene, worüber wir natürlich glücklich sind! In Uruguay spielen wir für über 15.000 Leute. Es kommen auch viele neue junge Bands nach. Allerdings ist es dort schwer, von der Musik allein zu leben, und wir sind sehr glücklich, dass wir es schaffen. Damit sind wir natürlich auch ein Vorbild für andere Bands.
Seid ihr wichtig für die Kids? Könnt ihr ihnen dabei helfen, sich zu orientieren und ihnen zeigen, was richtig und was falsch ist?
Sebastian: Wir versuchen schon etwas zu tun, haben aber natürlich begrenzte Mittel. Die letzten drei Jahre haben wir einmal jährlich in einem sehr armen Viertel in Montevideo gespielt und mit dem Geld dann eine Art Jugendheim errichtet.
Was für Musik mögen die Kids in Uruguay? Punk, Ska, Hip Hop?
Santiago: Sie mögen Musik, die gute Laune macht. Musik, die sie ihre Sorgen für zwei Stunden vergessen lässt. Wir waren vielleicht die erste Band in Uruguay, die angefangen hat Ska zu spielen. Ska macht dich glücklich und das ist sehr wichtig.
Sebastian: Es ist nicht gerade normal, in Uruguay eine Rockband zu gründen und davon leben zu wollen. Das ist utopisch. Ich erinnere mich an meine Eltern, die meinten “Du kannst nicht von Musik leben. Eine Rockband? Niemals”. Aber wir haben damit gebrochen und haben es trotzdem getan! Das ist natürlich toll für uns, aber auch für Bands, die uns folgen wollen. Denn sie sehen: Wenn Sebastian das kann, und Santiago auch, dann können wir das auch.
Könnt ihr andere Bands aus Uruguay empfehlen?
Sebastian: Eine Band aus Uruguay, die auch gerade hier in Deutschland war, ist No Te Va Gustar, das heißt auf deutsch soviel wie “Du wirst es nicht mögen”.
Santiago: Und dann ist da noch eine Band, die eine der ersten Bands aus Uruguay waren, die eine Art Fusion aus verschiedenen Musikstilen gespielt hat.
Es ist nicht leicht, den Schritt in den internationalen Musikmarkt zu schaffen. Wie war das für euch?
Sebastian: Wir haben viel dafür gearbeitet. Unser erstes Album wurde auf Anhieb auch in Mexiko, Argentinien, Deutschland und der Schweiz veröffentlicht, und für uns ist es wichtig auch live in diesen Ländern zu spielen. Wir wollen nicht, dass du nur unsere CD und ein Video hast, wir wollen, dass du uns live sehen kannst. Wir haben in 10 Jahren nur drei Platten veröffentlicht, aber wir spielen, spielen, spielen… und das ist uns sehr wichtig. Wir arbeiten sehr hart dafür, dass wir mit der Band überall spielen können, um unseren Fans zu ermöglichen, mehr von uns zu haben.
Woher nehmt ihr die Motivation?
Santiago: Es macht uns einfach Spaß. Wir sind alle eng befreundet, wir spielen gerne live und wir schätzen uns glücklich in all diesen Ländern spielen zu können. Wir spielen aus großen Plätzen und auch an kleinen Orten. Es ist unglaublich vielfältig, was wir machen. Wir spielen in Mexiko, wir spielen in Uruguay, ... Ich könnte nicht in einem Büro arbeiten. Manchmal ist das Ganze natürlich ein wenig ermüdend, aber man trifft so viele Leute und es ist großartig. Unsere Motivation ist es, dass alles niemals aufgeben zu müssen. Es ist jedes Mal ein neuer Anfang unserer Motivation, wenn wir etwas tun.
Was sind die Inspirationen für eure Songs?
Sebastian: Soziale Realitäten. Wir analysieren, was wir täglich auf den Straßen sehen und erleben. Sei es daheim oder in fremden Kulturen. Wir sprechen auch mit den Menschen. Manchmal macht es dich glücklich, manchmal auch traurig. Wir versuchen ein Statement abzugeben, aber wir nehmen nicht für uns in Anspruch, die Wahrheit zu wissen oder Recht zu haben. Das Hauptanliegen unserer Songs ist es, Emotionen hervorzurufen. Und auf der Bühne ist es wichtig, Spaß zu haben, das überträgt sich auf die Fans. Wenn du eine Band auf der Bühne siehst, die Spaß hat, dann steckt dich das an. Wenn wir uns alle anzicken würden und jeder sein eigenes Ding auf der Bühne machen würde, wäre das nicht unbedingt stimmungsfördern. (lacht)
Santiago: Für mich ist das Leben zu kurz für Probleme. Ich freu mich lieber und genieße. Ich bin erst 21 Jahre alt, ich hab mein ganzes Leben noch vor mir...
Sebastian: Ja klar!
Santiago: Du bist erst 16, oder? Nein, Spaß....
Sebastian: Ich fühl mich wie 48!
Wenn ihr so großen Wert auf Spaß legt, dann mögt ihr Oasis wahrscheinlich nicht unbedingt, oder?
Sebastian: Ich mag einige Songs. Musikalisch sind die ja nicht schlecht, aber wenn sie sich dann immer gegenseitig angreifen.. Das muss nicht sein. Die Kerle an sich finde ich nicht so toll...
Dann aber wieder zurück zu euch: Wir haben gesehen, ihr habt einen ganz schön vollen Tourplan.
Sebastian: Ja, wir spielen jetzt 23 Gigs in den nächsten Tagen. Wir haben drei Tage frei in diesem Monat. Das ist hart, aber so gefällt es uns.
Santiago: Wir waren mal auf Tour und haben in zehn Tagen 57 Konzerte gespielt. Das war anstrengend, aber da ist diese Tour ja ein Kinderspiel dagegen. Da sind jetzt viele Festivals dazwischen, da dauern die Auftritte nicht so lang. Das ist gut.
Macht euch die Fahrerei zwischen den Konzerten nicht zu schaffen?
Sebastian: Heutzutage reisen wir alle in einem Bus, mit Betten uns so weiter. Aber nur bis Montag. Dann sind wir zwei Bands, ohne Betten.
Santiago: Aber es gibt ja angeblich Leute, die sowieso nicht schlafen...
Auf dieser Tour seid ihr auch in der Schweiz gewesen. Dort gibt es eine sehr große und aktive Ska-szene. Habt ihr bei euren Konzerten etwas davon bemerkt?
Sebastian: Ich konnte nicht wirklich einen Unterschied sehen zu Deutschland. Für uns sind das sowieso alles Leute, die nicht verstehen, was wir singen. (lacht) In Interviews in der Schweiz wurden wir immer wieder als Ska-Band bezeichnet. Aber wir sind nicht wirklich eine reine Ska-Band. Auch keine Punk-Rock-Band. Bei uns geht es vor allem um gute Songs.
Santiago: Wir sind Sklaven der Songs.
Sebastian: Songslaves, nicht Audioslave! (lacht)
Kennt ihr viele Bands, die hier auf dem Festival auftreten?
Santiago: Secret Machines waren nicht schlecht. Und ja, wir kennen Kettcar, Queens of the Stoneage und wir mögen But Alive sehr gerne.
Sebastian: Ich mag But Alive sogar lieber als Kettcar. Das sind glaube ich beides Bands aus Deutschland?
Ja, aus Hamburg. Kettcar sind jetzt ein bisschen ruhiger als But Alive damals.
Sebastian: Dann mag ich But Alive mehr. (lacht) Ich verstehe kein Wort von dem was sie singen. Alle sagen, die Texte wären so gut, aber was soll man machen…
Santiago: Letztes Jahr waren wir mit den Ärzten auf Tour. Das war sehr witzig und ein bisschen surreal. Wir spielten nebenher unsere eigene Tour.
Sebastian: Das bedeutete also, dass wir an einem Tag vor hundert Leuten spielten und am nächsten Tag vor zehntausend. Tags darauf dann wieder vor knapp hundert… Die Ärzte kamen sogar nach Uruguay und waren dort Vorband für uns. Da meinten die Deutschen: Was? Die Ärzte sind eure VORband? Und wir könnten stolz sagen, dass es wirklich so ist. Sie spielten mit uns einen kleinen Gig mit ungefähr tausend Leuten und dann beim größten Festival in Uruguay, vor 70.000 Leuten. Da waren die drei waren richtig nervös! Ich sagte zu Farin, dass ich sie der Menge vorstellen würde. Weil Farin sehr groß ist und ich sehr klein, stellte ich mich auf einen Stuhl auf der Bühne...
Santiago: Die Leute in Uruguay mögen die Ärzte gerne. Sie sind eine tolle Band, sehr witzig und unterhaltsam.
Farin spricht doch auch spanisch, oder?
Sebastian: Ja, Farin spricht spanisch und portugiesisch, das war von Vorteil, denn so konnte er direkt mit dem Publikum sprechen und alle haben ihn verstanden. Da haben die Ärzte schnell ein gefühl für die Leute in Uruguay bekommen. Aber wir haben ihnen gesagt, dass sie nicht zu viele Witze machen dürfen – die Leute in Uruguay mögen keine Witze.
Santiago: Jawohl! Bela kam auf die Bühne und meinte: “Hallo Paraguay!” Die Leute dachten alle, das wäre ein Witz und lachten natürlich. Aber Farin hatte Uruguay und Paraguay wirklich verwechselt! Das Publikum fand es auch lustig, dass Farin auf der Bühne Matetee trinkt, denn sowas hatten sie bei einem Rockkonzert noch nicht gesehen. Sowas mögen die Uruguayer.
So hat sich also eine richtige Verbindung zwischen Uruguay und Deutschland ergeben?
Santiago: Es hat natürlich geholfen, dass die Leute wussten, dass wir die Ärzte engagiert hatten. Sie haben sie also gleich von Anfang an apzeptiert.
Sebastian: Das Gleiche passiert hier in Deutschland auch andersherum. Farin geht auf die Bühne und stellt uns vor. Das macht es dann leichter für uns.
Gibt es andere deutsche Bands die in Uruguay bekannt sind?
Sebastian: Vor fünf Jahren sah ich die Toten Hosen in Montevideo. Das war ganz interessant.. Aber sonst? Ansonsten kennt man wohl nur die Scorpions.
Und Rammstein?
Santiago: Wir haben in Mexiko ein paar CDs von ihnen gekauft. Zuerst denkt man, dass es einfach nur brutal ist, aber dann merkt man, dass es wohl auch ein bißchen als Witz gemeint ist. Manchmal auf Tour hören wir Rammstein, das gibt Energie!
Wie kam es zu eurer Tour mit den Ärzten?
Sebastian: Es war seltsam, wir hatten noch nie von den Ärzten gehört. Aber vor zwei Jahren spielten wir in einem kleinen Club in Berlin. Zusammen mit She male Trouble, die sind ja auch aus Berlin, oder? Jedenfalls erzählte einer der Zuschauer dem Manager der Ärzte von unserem Auftritt. Sie planten gerade eine Tour in Südamerika, wir haben ihnen eine CD zukommen lassen und so begann das Ganze.
Santiago: Es war sehr lustig, denn das erste Konzert, das wir mit den Ärzten gespielt haben, war auf einer riesigen Bühne. Wir haben 45 Minuten lang gespielt.
Hat euch euer Konzert heute Spaß gemacht?
Sebastian: Bei Festivals ist es immer schwieig in die richtige Stimmung zu kommen , weil man ja nur für 45 Minuten spielt. Aber die Leute waren heute großartig. Es waren etwa fünfhundert Fans da, die uns schon von anderen Touren kannten und die haben so richtig Party gemacht. Und die Leute drumherum, die noch nie von us gehört hatten, ließen sich davon anstecken. Es war wunderbar. Bei einem Festival kenne einen ja viele gar nicht und es ist immer aufregend wenn man nicht weiß wie die Leute reagieren.
Santiago: Ein Festivalgig ist hochinteressant. Du weißt ja vorher nicht, wie die Leute auf dich reagieren und ob sie dich vielleicht sogar schon kennen. Aber es ist klasse, wenn die Masse dann so richtig mitgeht.
Sebastian: In Uruguay sind wir es ja gewohnt, vor vielen Leuten zu spielen. Aber wenn wir dann hier sind und inzwischen auch hier in Deutschland eine riesige Masse vor der Bühne steht und mitgröhlt – da kann ich Realität und Fiktion immernoch nicht ganz von einander trennen.
Die letzte Frage: Was können wir als nächstes von La Vela Puerca erwarten?
Sebastian: Wir arbeiten an neuen Songs, haben aber keine Eile ein neues Album aufzunehmen. Es ist zwar gerade ein in der Mache, aber das hat Zeit. In naher Zukunft werden wir also einfach weiterhin unsere neuen Songs mit den Leuten da draußen teilen.
Bei Sebastián Teysera und Santiago Butler von La Vela Puerca bedanken sich für das Interview: Nina-Carissima Schönrock und Dominik Hoferer
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Wenn ich mir vorstelle, dass bei der Premiere in den ersten drei Reihen die Leute in Ballrobe sitzen, gegen die die RAF damals angetreten ist, finde ich das so bizarr.
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