| Rocko Schamoni: "Ich als Rudi Dutschke?!" |
| Thursday, 20 November 2008 07:58 | |||
|
Auf deiner MySpace-Seite gibt es einen Ausschnitt aus einem Donald Duck-Cartoon, in dem Kannibalen den armen Donald gefangen genommen haben und skandieren: „Und Rumba tanzen und Walzer! Und Bongotrommel spielen! Und singen wie Rocko Schamoni!“ Ein Fake? Rocko: Nein das ist echt! Vor etwa 13 Jahren kam ein Freund zu mir an und fragte, ob ich Donald Duck gelesen hätte. Ich habe zu dem Zeitpunkt schon länger kein Donald Duck gelesen, habe es mir aber gekauft. In der Ausgabe gab es tatsächlich diese eine Sprechblase und ich war getroffen. Das war der Höhepunkt meines Lebens, weiter kannst du nicht kommen. Es gibt normalerweise keine realen Namen bei Donald Duck, meiner ist drin gelandet. Allerdings nicht in der amerikanischen Version, sondern nur in der deutschen Ausgabe. Schade, sonst hätte die noch etwas deutsche Kultur erlebt! Du meintest einmal, dass Du keine negativen Kritiken liest, weil Du zu sehr an dir selbst zweifelst. Hat die Sache mit Donald Duck deine Zweifel nicht beseitigt? Rocko: Die Sache mit Donald Duck beseitigt erst mal alle Zweifel, das stimmt. Darauf kannst du dich ausruhen, da bist du bestimmt sieben Jahre im trockenen Bereich. Letzlich ist es aber defakto so, dass ich extremer Selbstzweifler bin. Meinen Compagnons bei Studio Braun, Heinz Strunk und Jaques Palminger geht es genauso. Und ich glaube, dass das eines der Briketts ist, die im Ofen unserer Maschine liegen. Wenn wir das nicht hätten, würden wir uns nicht selbst ständig zur Disposition stellen, unsere Schwächen zugeben und wären nicht halb so stark wie wir jetzt sind. Denn wir sind nur so stark, durch das Zugeben unserer Schwächen. Ist es Bücherschreiben eine Art Therapie? Rocko: So sieht man das nicht. Man schreibt zum Beispiel ein Buch weil ein Verlag kommt und sagt: „Schreib ein Buch, ich gebe Dir Geld!“ Wenn man kein Geld hat, denkt man sich, dass das vielleicht was bringt. Ich habe das nicht aus therapeutischen Gründen geschrieben, aber wenn man anfängt über sich und sein eigenes Leben nachzudenken, und darin zu wühlen, dann stößt man auf ganz viele Dinge die man vergessen hat. Das ist interessant und dann wird es, ohne dass man es anvisiert hat, therapeutisch. Du hast also deine Jugend verarbeitet, dir sind Dinge eingefallen, an die du gar nicht gedacht hast und hattest vielleicht auch mal einen schlechten Tag weil du dir überlegt hast: „Oh mein Gott, was ist denn da passiert?“ Rocko: Defakto, also du schließt ganz viele Dinge zusammen, die du vorher nicht begriffen hast, weil dir die Draufsicht fehlte. Wenn du drin steckst, begreifst du nicht, warum du dich mit manchen Menschen nicht verstanden hast oder warum du in machen Momenten schlecht drauf warst. Nach vielen Jahren hast du eine Art Makroübersicht und kannst die ganzen Figuren erkennen. Und das ist manchmal ganz schön frustrierend. Aber im Großen und Ganzen auch vergleichsweise heilsam, weil dieses Buch eine Art Entschuldigung bei meinen Eltern und der alten Generation sein sollte. Wir haben die wirklich ernsthaft fertig gemacht. Vollkommen! Über Jahre! Meine Eltern waren am Ende ihrer Kräfte. Im Nachhinein hat es mir Leid getan, aber es ging nicht anders. Als 16-jähriger kannst Du das nicht anders begreifen. Wurdest du dann enterbt, oder wie sind sie damit umgegangen? Rocko: Nein, wir haben uns mit 25 dann schon wieder zusammen gerauft. Aber es bedurfte von meiner Seite noch der Klarstellung, warum wir so waren. Wir wollten nicht nur einfach böse sein, sondern die haben ihren Teil auch dazu beigetragen. Es war ein Kampf, ohne Reflektion – zumindest von unserer Seite. Unsere Eltern haben es versucht zu verstehen, wir konnten gar nicht verstehen was wir da machen. Wir haben sie einfach nur zerstört. Haben dich deine Eltern durch die Bücher besser kennengelernt? Rocko: Dummerweise ist meine Mutter kurz vor der Veröffentlichung gestorben, was mich extrem gewurmt hat. Gerade ihr wollte ich damit sagen, dass es mich freut, dass sie da ist. Und es hat nicht hingehauen!. Mein Vater war erst irritiert, hat es dann aber als das begriffen, was es hätte sein sollen: Nämlich ein Aus-der-Welt-Räumen von überflüssigem Balast. Dein zweites Buch Dorfpunks wird gerade verfilmt. Hast du während dem Schreiben schon einen Film im Kopf gehabt oder hat sich das so entwickelt? Rocko: Es haben sich mehrere Leute nach dem großen Erfolg des Buches gemeldet, die gerne das Material verfilmen würden. Einer davon war mein Freund Lars Jessen. Dann hat sich auch noch der Schlagzeuger von Mutter gemeldet, eine meiner Lieblingsbands aus Deutschland. Er meinte, er würde das gerne produzieren. Das war eine Kombination an Leuten, von denen ich mir sicher war, dass sie das schaffen. Der Film wird noch geschnitten und vielleicht wird er ja gut. Wie ist denn jetzt die Besetzung? Es gab absichtliche Irreführungen, dass Moritz Bleibtreu und Veronica Ferres eine Rolle spielen sollen! Rocko: Derjenige, der das vezapft hat, sitzt links von uns (Anmerkung der Redaktion: Der Tourmanager Gereon Klug). Ich musst mich ein viertel Jahr lang vor unglaublich vielen Leuten rechtfertigen. Vor allem wegen Veronica Ferres, die meine Mutter spielen sollte. Ich hatte davon gar nichts mitbekommen. Der Kackstorch hat das Ding rausgeschickt und dann brach ein Mail-Hagel auf mich ein: „Wieso tust du das? Wie kannst Du das nur machen mit diesem tollen Buch?“ Ich habe mich nur verteidigt, da ich ja nichts gemacht habe. Bis ich merkte, dass Gereon riesige Promo betrieben hat. Das war eine offizielle Meldung und die ganzen Zeitungen sind darauf angesprungen. Daraufhin bringt sich Gereon Klug ins Spiel: Das habe ich aber nur gemacht, weil Bernd Eichinger Rocko per Mail gefragt hat, ob er nicht Rudi Dutschke im Baader Meinhof Komplex spielen möchte! Rocko: Das stimmt wirklich! Ich habe diese Mail bekommen, ob ich mir das vorstellen könnte und musste so lachen. Daraufhin habe ich zurückgeschrieben, dass das nicht deren Ernst sein kann. Dass so ein schmieriger Typ wie ich, so ein Lackaffe, diese ehrenwerte Rolle bei einem Eichinger-Film zerstören darf. Du hast doch bestimmt auch schon Musik gemacht um eine kleine Revolution zu betreiben. Wenn nun jemand dich bittet, den großen Revoluzzer Dutschke zu spielen, was hast du in dem Moment gedacht?Rocko: Es ist Verarschung! Nicht weil sie mich gefragt haben, sondern weil Eichinger, der fetteste Produzent Deutschlands, mit den dicksten Fernsehstars einen Vorabend-Unterhaltungs-Action-Film daraus macht. Das hat mit der Inhaltigkeit und dem, was damals passiert ist, sehr wenig zu tun. Wenn ich mir vorstelle, dass bei der Premiere in den ersten drei Reihen all die Leute in Ballrobe sitzen, gegen die die RAF damals angetreten ist, finde ich das so bizarr. Ich habe denen zurück geschrieben: Leute, bei aller Liebe, ich kann nicht spielen, ich vergraule euch das Publikum. Zum zweiten könnte ich da niemals mitmachen, es wäre einfach zu lächerlich. Hast du den Film mittlerweile gesehen? Rocko: Nein! Ich geh nicht rein! Wie sieht jetzt die Besetzung von Dorfpunk aus? Gibt es Stars? Rocko: Wir haben einhellig gesagt: „Keinen einzigen Bekannten!“. Wir haben komplette Neucastings gemacht, sogenannte Straßencastings in Lübeck, Flensburg und Kiel. Da haben sich lauter Kiddies gemeldet, auch aus meiner Heimat Lütjenburg. Die vier Hauptrollen sind wirklich von der Straße runter besetzt worden, auch mit Leuten, die vorher noch gar nichts gemacht haben. Bis auf Axel Prahl, der Tatort-Komissar ist und eine kleine Rolle spielt, sind fast alle Hauptrollen mit No-Names besetzt. Die erwachsenen Rollen sind mit etwas bekannteren Darstellern besetzt. Wir haben definitiv gegen Stars gesetzt, weil wir das als kontraproduktiv gesehen haben. Hattest Du keine Bedenken, ob man deinen eigenen Film so auf Zelluloid bannen kann, wie du es dir vorgestellt hast? Rocko: Doch und eigentlich war es auch nicht möglich, weil das Buch, so wie es geschrieben ist, nicht zu verfilmen ist. Aber wir haben einen Drehbuchautor gefunden – Norbert Eberlein – der das umgeschrieben hat. Dass was man jetzt als Film hat, ist noch mal was anderes als das Buch. Dann gibt es noch das Theaterstück, was auch eine Entfernung zum Buch aufweist. Aber der Film ist so dramatisiert, dass man ihn in 90 Minuten erzählen kann. Es ist die Geschichte eines Sommers, und keine drei Jahre mitsamt Trip nach England. Das wäre viel zu episch und groß gewesen. Eberlein hat die Geschichte neu zusammen gebaut. Man kann erkennen, dass es das Buch ist, wurde aber ein eigenes Ding. Sollte er gut werden und wir einen Verleih finden, kommt er auch im April nächsten Jahres in die Kinos. Der Film spielt, wie der Name schon sagt, im Punk-Milieu. Warum sollte ein Kind aus der MTV-HipHop-R´n´B-Genertation sich einen Punkfilm anschauen? Rocko: Nach dem Buch habe ich tausende von Zuschriften bekommen, von Leuten die jetzt auf dem Dorf sitzen, 17 sind, in Castrop-Rauxel oder auf dem bayerischen Land wohnen. Die erzählen mir, dass sie das in dem Moment auch durchleben. Die sind Punks, Grufties oder einfach nur cool. Das scheint etwas angesprochen zu haben, was ein Stereotyp ist, den es überall gibt. Deshalb glaube ich, dass die Geschichte weniger um Punk geht, sondern um Tristesse auf dem Land, Erwachsen werden und das Ausbrechen wollen. Dieses Thema hört nie auf. Wie Punk ist Rocko Schamoni heute noch? Rocko: Ich bin schon lange kein Punk mehr, das sieht man mir auch an. Punk ist eine Jugendbewegung – gewesen. Die ist nicht mal mehr aktuell. Die hatte zwischen 1975 und 1977 ihren Höhepunkt, bei uns auf dem Land zwischen 1981 und ´84. Danach war es vorbei und ich habe mir 1988 die Haare lang wachsen lassen. Aber der Kern der Idee, dieses Widerständische, das geht mir nicht verloren. In mir und meinen Freunden steckt eine Technik, eine Weltsicht, mit der man auch später was anfangen kann. Gibt es Situationen im Leben, in denen du dir denkst: „Ich bin immer noch Punk!“? Rocko: Bullen auf die Fresse hauen, Popper zusammen treten – diese ganzen Sachen halt. Klar, als frisch gebackener Jungliterat kann man das Mal machen! Zeigen also Roddy Dangerblood und Michael Sonntag - die Hauptcharakter der beiden Bücher – den Ausweg aus der Tristesse? Rocko: Nein, überhaupt nicht. Es ist nur die Anerkenntnis der ewig gleichen Misere. Leute die das lesen, erkennen darin ihre eigene Misere. Einen Ausweg gibt es nicht, Misere ist Misere. Ich bin auch nicht Susanne Fröhlich die Moppel-Ich und Falt-Ich und was auch immer schreibt und Auswege aus Miserern aufzeigen kann. Ich zeige, wie die Misere aussieht und dass sie nicht die einzigen sind, die da drin stecken. Ich versuche sie so zu beschreiben, das man erkennt, was das Wesen der Misere ist und das sie auch nicht für immer anhält – wobei sie natürlich für immer anhält. Aber es gibt Momente, in denen man auch mal rausschauen kann. Irgendwann kann man die Misere auch in positive Energie ummünzen! Rocko: Exakt! Ich kann vor mir sagen, dass ich von der Verarbeitung meines eigenen vergangenen Elends mittlerweile lebe. Ich habe zwei erfolgreiche Bücher geschrieben, in denen ich erzähle, wie beschissen es mir ging. Mir ging es lange Zeit beschissen und ich kann nun davon sehr gut leben. Hat sich also gelohnt, die Scheiße. Dir ging es lange Zeit ziemlich beschissen. Gab es dennoch einen Ratschlag, den dir mal jemand gegeben hat, für den zu dankbar bist? Rocko: Unendlich viele! Es gibt soviel Dinge, die man mir geraten hat, was ich machen soll. „Bring Dich nicht um, ich kenne da eine gute Freundin, die hat das auch gehabt.“ – „Du musst das und das nehmen. Die und die Massage!“ Letztendlich hat all das nichts geholfen, du hilfst dir meist selbst. Entweder findest Du das Ende und gehst über die Klippe oder kommst gestärkt wieder heraus, erkennst was die Fehler waren und wächst. Doch dann kommt die nächste Misere. Das Leben ist eine Misere! Du kannst von deinen Büchern gut leben, daher geht es dir ja wohl nicht soo schlecht. Aber über was willst Du denn in Zukunft schreiben? Rocko: Gemeine Frage! (Rocko lacht!) Ich habe ja gesagt, dass die Misere nie aufhört. Momentan geht es mir finanziell nicht mehr beschissen. Bis vor fünf Jahren war es bei mir immer noch sehr mau, vor zehn Jahren war gar nichts da. Doch die Depression vergeht nicht. Der Zündstoff, das Öl, aus dem die Geschichten gegossen werden, auf dem fahr ich weiter. Welches Wort könntest Du in einem deiner Bücher oder im normalen Sprachgebrauch verwenden? Rocko: Es gibt so viele schreckliche Worte. Ich ärgere mich über Wortschöpfungen, also die ganze Veramerikanisierung des deutschen. Diese Latte-Macchiato-Angelegenheiten, alle diese Schöpfungen, die da stattfinden. Diese versuche ich entweder nicht vorkommen zu lassen, oder versuche sie zu zerstören, wenn ich darüber schreibe. Da kann ich nicht nur ein Wort rausnehmen, ob das Coffee-To-Go ist, oder was auch immer. Diese irrsinnigen Modernismen, die es da gibt, oder die Nordic-Walking-Quatsch-Angelegenheiten. Diese ganze Verarsche, diese Deutschland-sucht-den-Superstar-Verarsche, die auch immer mit neuen Worte und Begriffen angeführt ist. All das sind Welten, mit denen ich nichts zu tun habe und versuche, zu zerstören. Was können wir in Zukunft von Dir erwarten? Rocko: Depression in Buchstabenpolonaise. Ich habe auch schon zu meiner Labelchefin gesagt, dass ich zurzeit sehr viel Ukulele spiele. Vielleicht kommt irgendwann mal eine Ukulelen-CD dabei heraus. Aber vorerst bin ich im Musikmarkt unter meinem Namen nicht tätig und habe eher mit Buch und Theater zu tun. Bei Rocko Schamoni bedankt sich für das ausführliche Interview: Dominik Hoferer und Nina-Carissima Schönrock (2008)
|
Kommentare
Suche
Sprüche
Ähnliche Artikel
- Rezensionen
- Interviews
- Portraits











Schulzkowski is super unbedingt mehr davon
Noch was zum Thema: http://likeitis93.blogspot.de/2012/03/save-olli-schulz.html
diese kritik ist sehr schön, weil sie sich ausnahmsweise mal nicht schema f<...
und was war besonders? Welche Songs in der Setlist? Wie viele Instrumente
Für diejenigen, die es interessiert: Ich hab auf meinem privaten Blog noch e...