| Manic Street Preachers: "Richey Edwards war seiner Zeit voraus" |
| Saturday, 18 April 2009 22:46 | ||||||||||||
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Kaum eine Band hat in ihrer Karriere mehr Höhen und Tiefen erlebt als die Manic Street Preachers aus Wales. Sie haben nahezu jeden Preis gewonnen, den die Musikindustrie zu vergeben hat, durften als erste westliche Band in Kuba auftreten - und mussten 1995 einen schweren Schicksalsschlag verkraften, als Rhythmus-Gitarrist und Hauptsongwriter Richey James Edwards am Vorabend einer geplanten USA-Tournee das Hotel verließ und nie mehr zurückkehrte.
Richeys Schicksal ist bis heute ungeklärt, doch für viele Fans ist er immer noch eine Identifikationsfigur. Letzten Sommer haben sich die Manics deshalb entschlossen, Texte aus einem Notizbuch, das Richey seinen Freunden und Bandkollegen hinterließ, in Form eines Albums zu veröffentlichen. Journal for Plague Lovers wird am 15. Mai in die Läden kommen.
LAX-Redakteurin Tina machte sich daher auf ins Hotel Bayerischer Hof in München, um mit Bassist Nicky Wire und Sänger James Dean Bradfield über das neue Album, Richeys Vermächtnis und das leidige Gepäck-Problem auf Tour zu sprechen.
Könnt ihr uns etwas zum Hintergrund eures neuen Albums erzählen, das im Mai erscheint? Es gab ja mehrere Arbeitstitel, warum habt ihr euch letztlich für Journal of Plague Lovers entschieden?
Nicky: Das Album enthält ausschließlich Lyrics, die Richey Edwards uns hinterlassen hat. Wir saßen eines Tages im Auto und James meinte, wir sollten das Material endlich veröffentlichen. Und so haben wir uns entschlossen, dieses Album aufzunehmen. Es war in der Tat sehr schwierig einen Titel zu finden, weil Richey so viele brillante Zeilen geschrieben hat. Ich hätte das Album zum Beispiel gerne "I Know I Believe In Nothing But It Is My Nothing" genannt, aber das war eher eine persönliche Sache. Letztendlich haben wir uns für Journal for Plague Lovers entschieden, weil die Platte für uns tatsächliche eine Art Tagebuch darstellt.
Wie habt ihr euch gefühlt, als ihr im Studio wart? Waren die Aufnahmen zu diesem Album anders als frühere Studio-Aufenthalte? Ich kann mir vorstellen, dass das für euch recht emotional und auch schwierig war.
Nicky: Ehrlich gesagt war es vor allem mal stressig! Wir haben mit einem neuen Produzenten, Steve Albini, zusammengearbeitet und das Album in den Rockwood Studios quasi live eingespielt. Kein digitaler Schnick-Schnack, kein doppelter Boden - das war richtig harte Arbeit!
James: Oh ja, das war wirklich anstrengend, und die Arbeit mit einem neuen Produzenten ist auch immer ein Wagnis. Aber du möchtest wahrscheinlich wissen, wie es für uns war, bei den Aufnahmen ständig mit Richey konfrontiert zu werden, oder? Es war schon irgendwie ein seltsames Gefühl. Der Gedanke an Richey war natürlich ständig präsent. Also, ich will jetzt nicht sagen, dass ich seinen Geist gespürt hätte, oder so ein Humbug, aber irgendwie war Richey schon bei uns.
Nicky: Die Aufnahmen haben uns, auch wegen der Live-Atmosphäre, stark an unsere Arbeit zu The Holy Bible erinnert. Es hat sich tatsächlich irgendwie angefühlt, als stünden wir alle vier wieder zusammen im Studio.
James: Ich denke, dass die Texte nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Richey hat sehr viel über Dinge geschrieben, die ihn bewegt haben. Sei es Politik, Beziehungen oder Literatur. Damit können sich die Menschen auch heute noch identifizieren. Und Richey war seiner Zeit weit voraus, er hat viele Dinge nahezu vorausgesehen, die jetzt in der Welt geschehen. Ich würde also sagen, dass die Lyrics auf alle Fälle in die heutige Zeit passen, auch wenn sie schon 14 Jahre alt sind.
Nicky: Das ist uns bewusst, und das wollten wir auch so. Richey hat die Band über Jahre hinweg geprägt. Wenn die Menschen an The Holy Bible denken, denken sie an Richey Edwards. Er hat die Band zu dieser Zeit definiert. Daher möchten wir auch, dass die Fans sich mit seinem Leben, seinem Werk auseinandersetzen. Wenn wir dabei zu Statisten werden, ist das völlig in Ordnung.
James: Richey war ein wunderbarer Mensch und ein fantastischer Songwriter und Lyriker. Wir wissen. dass Richey sehr viele Fans hat, und wir finden es toll, dass die Leute sich intensiv mit Richey befassen. Deswegen haben wir diese Platte auch gemacht, wir wollten den Fans diese wunderbaren Texte, die Richey uns hinterlassen hat, nicht vorenthalten. Wir selbst spielen da wirklich nur eine Nebenrolle.
Ihr werdet demnächst eine kurze Tour in Großbritannien und ein paar Festival-Auftritte spielen. Habt ihr weitere Pläne, Journal for Plague Lovers auf der Bühne vorzustellen?
Nicky: Nein. Wir haben nicht vor, eine Tour zu dem Album zu machen. Bei den Auftritten im Sommer werden wir im Grunde zwei Sets spielen: Erst das komplette neue Album und dann noch ein paar Klassiker. Wir sehen Journal for Plague Lovers eben auch nicht als neue Manic Street Preachers-Platte. Es ist eher ein Projekt, eine Sache, die wir für uns, für Richey und für seine Fans gemacht haben. Ja, ich würde sogar sagen, das Album ist ein Kunstwerk, das für sich stehen sollte. Daher werden wir wohl eher keine weiteren Konzerte spielen und im Herbst mit den Arbeiten am nächsten regulären Manics-Album beginnen.
Ihr spielt jetzt schon seit über 20 Jahren zusammen, seid in nahezu jedem Land auf Erden aufgetreten, habt jede Menge Preise gewonnen - habt ihr da überhaupt noch Lust, auf Tour zu gehen? Ihr könntet ja auch einfach zuhause bei euren Frauen und Kindern bleiben und euch den ganzen Stress sparen, oder?
Nicky: Wenn ein Musiker keine Lust mehr hat, auf Tour zu gehen, sollte er ernsthaft erwägen, den Beruf zu wechseln. Ein Musiker, der keine Konzerte geben möchte, hat meines Erachtens den Sinn der Sache nicht so richtig verstanden. Wir haben so viele wunderbare Fans, und es ist ein großartiges Gefühl, ihnen etwas zurückgeben zu können. Wenn wir zum Beispiel in Japan spielen, wo die Leute sich schon Stunden vorher vor der Halle die Beine in den Bauch stehen, dann macht uns das natürlich sehr glücklich, und dann wollen wir selbstverständlich auch eine besonders gute Show bieten. Außerdem ist das Leben auf Tour einfach komplett anders. Man wird kriegt nichts von zuhause mit und wird ein anderer Mensch. In meinem Heimatort in Wales kennen die Leute Nick Jones, der mit seiner Familie zuhause sitzt, nach dem Essen das Geschirr spült, mit seinem Hund Gassi geht und seinen Rasen mäht. Und dann gibt es Nicky Wire, der auf der Bühne Rockstar spielt und sich diesem Klischee voll verpflichtet fühlt.
Journal for Plague Lovers ist euer neuntes Studio-Album, ihr habt sicher in eurem Leben hunderte Songs geschrieben. Wie könnt ihr da entscheiden, welche Titel ihr bei einem Konzert spielt?
Nicky: Also, zum einen hat jeder von uns natürlich Lieblingssongs, die er besonders gerne spielt, und auch Songs, die er eher fürchtet. Es gibt da schon so ein paar Songs, die ich nicht gerne live spiele, weil ich mich jedes Mal verspiele. James hat da auch seine "Favoriten".
James (lacht): Ich werde ja auch nicht jünger, bei manchen Titeln machen mir die Höhen dann schon Probleme!
Nicky: Außerdem versuchen wir natürlich, die Setlist ans Publikum anzupassen. Im Großen und Ganzen bin ich eigentlich dafür zuständig. Bei einem Festivalauftritt in Europa wollen die Leute zum Beispiel eher ein Best of-Programm hören, wohingegen die Fans in Japan sich interessanterweise total für Songs von Generation Terrorist begeistern. Darauf nehmen wir bei der Song-Auswahl selbstverständlich Rücksicht.
Einer eurer Auftritte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, nämlich 2008 beim Frequency Festival in Österreich. Es hat in Strömen geregnet, ihr musstet wegen technischer Schwierigkeiten euren Set kürzen, und schon beim zweiten Song bist du, Nicky, von einem vollen Bierbecher getroffen worden. Wie schafft man es da, halbwegs motiviert die Show zuende zu spielen? Es gibt ja genug Bands, die in solchen Situationen einfach das Konzert abbrechen würden.
Nicky: Oh Mann, daran erinnere ich mich auch noch. Das war absolut schrecklich. Wir sind von München nach Salzburg gefahren, und es hat nur geregnet. So einen Regen haben wir überhaupt noch nie gesehen. Und das will was heißen, wir kommen schließlich aus Wales!
James: Wann war das?
Nicky: Frequency Festival letztes Jahr, in Österreich.
James: Himmel, ja, das war grausam! Die Bühne war klatschnass und wir wussten erst gar nicht, ob wir überhaupt auftreten, weil es wegen der Technik wohl ein Sicherheitsrisiko gab. Auf der Bühne war es dann so rutschig, dass wir kaum gewagt haben, uns zu bewegen. Das war ein richtig schlechtes Konzert!
Nicky: Aber jedes Mal, bevor wir auf die Bühne gehen, schließen wir innerlich einen Vertrag mit uns und den Fans, die bestmögliche Show zu bieten. Die Bedingungen bei diesem Auftritt waren echt schrecklich, aber uns war klar, dass da unten in dieser dampfenden Menge Menschen stehen, die viel Geld bezahlt haben, vielleicht weit gefahren sind, und seit Stunden im Regen stehen, um uns zu sehen. Denen sind wir einfach schuldig, unser Bestes zu geben. Und es braucht schon deutlich mehr als einen Bierbecher, um mich von der Bühne zu vertreiben!
Ich frage mich ja immer, was ihr da von der Bühne aus eigentlich seht...
James: In diesem speziellen Fall: Sehr viel Dampf und jede Menge gelbe Müllsäcke!
Gibt es etwas, das ihr immer mitnehmt, wenn ihr auf Tour geht? Irgendwelche Glücksbringer, oder Dinge, ohne die ihr einfach nicht leben könnt?
James: Nein. (Grinst Nicky an)
Nicky: Oh mein Gott, wo soll ich da anfangen?! Da gibt es tausende! Make-up. Sonnenbrillen. Ohne Sonnenbrille sterbe ich. Diverse Ketten. Und diese Creme von Elizabeth Arden. Die kannst du dir überall hinschmieren, Gesicht, Hals, Lippen. Hilft auch bei Kratzern und Schnitten. Das Zeug ist echt fantastisch. Ich glaube, das wurde sogar an Pferdehufen getestet! Dann noch meine Polaroid-Kamera. Ich liebe Polaroids! Die anderen kommen immer mit so kleinen Täschchen an, aber ich habe immer einen riesigen Koffer dabei. Nur einen Computer oder sowas nehme ich nie mit.
James: Für den Technik-Kram ist unser Schlagzeuger Sean zuständig.
Ein recht erfolgreicher junger Autor beschreibt in einem seiner Bücher die unerwiderte Liebe des Protagonisten zu einem Mädchen, das auf die Manic Street Preachers steht, und zitiert dabei auch euren Song "A design for life" (Soloalbum von Benjamin Stuckrad-Barre, Anm. d. Red.). Wie fühlt ihr euch, wenn ihr hört, dass eure Musik Menschen inspiriert, ein Buch zu schreiben, eine Band zu gründen oder sonst irgendwie ihr Leben zu ändern?
Nicky: Hey, das klingt toll! Ich will das Buch lesen! Sowas ist für uns als Musiker natürlich das absolut Größte. Das ist es, weswegen wir immer noch Musik machen. Es macht uns selbstverständlich sehr stolz, wenn wir für unsere Fans eine solche Inspiration sind. Wir hören auch oft, dass Leute ihre Abschlussarbeiten an der Uni über uns und unsere Musik schreiben. Das ist einfach wunderbar und eine fantastische Würdigung unserer Arbeit.
Könnt ihr spontan drei Songs nennen, die euch besonders inspiriert und euer Leben auf die eine oder andere Art verändert haben?
James: Natürlich, aber das wird jetzt wohl ziemlich langweilig für dich, weil diese Songs von Musikern immer wieder genannt werden. Ich denke aber mal, ich kann für die ganze Band sprechen, wenn ich Lost in the supermarket von The Clash anführe. Als wir mit der Band angefangen haben, waren wir ja einfach vier Kids aus der Arbeiterklasse, und Musik hatte für uns einen ähnlichen Stellenwert wie Fußball. Dieser Song aber hat die ganze Situation in England zur damaligen Zeit so brillant zusammengefasst, da wurde uns erst so richtig klar, was man mit Musik und Texten erreichen kann. Der zweite Song, der uns alle sehr geprägt hat, war natürlich God save the Queen von den Sex Pistols. Damals herrschte gerade so eine Aufbruchstimmung im Land, und wir wollten mit lauter Musik und intelligenten Texten rebellieren. Ich denke, für Nicky kam dann später als dritter Song noch Live Forever von Oasis dazu. (Nicky nickt zustimmend.)
Was war für euch bisher der beeindruckendste Moment mit den Manic Street Preachers?
Nicky: Wow, das ist eine schwere Frage! Da gab es so viele, mal erinnert man sich mehr an den einen, mal erscheint etwas anderes wichtiger. Und natürlich beurteilt man das in den unterschiedlichen Karrierephasen anders. Als wir zum Beispiel zum ersten Mal "Single der Woche" waren. Oder unsere erste Titelseite auf dem NME. Das waren grandiose, unvergessliche Momente!
James: Die Frage ist mir fast peinlich. Wir haben einfach so viele wunderbare Dinge erlebt. Ein absolut unvergesslicher Moment war aber, als wir den Brit Award für Everything must go gewonnen haben. Das ist ja so ziemlich die höchste Auszeichnung, die man in Großbritannien gewinnen kann. Da dachten wir "Jetzt haben wir's wirklich geschafft!". Das war ziemlich überwältigend.
Bei James Dean Bradfield und Nicky Wire von den Manic Street Preachers bedankt sich für das Interview: Bettina Koch. (2009)
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