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LAXLiebling: Mirjam Dreer
Thursday, 29 April 2010 16:48
Straighter Sex - Mirjam DreerMit gerademal 23 Jahren hat es Mirjam Dreer geschafft: Ihr Debütroman Kleinstadtschlampe liegt im gut sortierten Buchhandel, meist zwischen aktuellen Kult-Sexbüchern wie Fucking Berlin, Schlechter Sex und Diabolo Codys Nackt. Über den Titel und das aufreizend grelle Cover(girl) stolpert man leicht - ganz im Sinne des Prologs der Ich-Erzählerin aus dem entsprechenden Titel: „Meine Geschichte fängt genauso grau und trist an wie wahrscheinlich schon viele vor ihr. Aber sie wird mit der Zeit ein Stückchen bunter.“ Doch: Keine Party, kein Drogenrausch und keine aufregender Onenightstand ohne den richtigen Soundtrack! Ein Portrait über eine aufstrebende Autorin und eine Geschichte um die Begegnung von exessivem Livestyle und der richtigen Soundmischung.

Gestatten, Mirjam... Jungautorin. Um es gleich vorneweg zu sagen, sie schreibt gern explizit, frisch und frei von der Leber weg über die Girls und die Boys, ihre Freizeitbeschäftigungen inklusive Drogen, Sex und Rock’n’Roll. Während der Lektüre ihrer Kleinstadtschlampe möchte man sich gern vorstellen, wie die Autorin sich vor einiger Zeit mit dem Kater einer durchzechten Nacht, verlaufenem Makeup, den Resten einer Ofenpizza und abgestandener Cola Light (aus der Plastikflasche direkt konsumiert) vor ihren PC (möglicherweise einen Mac) auf den Teppichboden hockt und in die Tasten haut. Das Ergebnis legt es nahe, und immerhin war Dreer bereits nach fünf Monaten mit dem Manuskript durch. „Das ging schneller als gedacht. Ich hatte diese Idee im Kopf und die brannte darauf, umgesetzt und zu Papier gebracht zu werden.“ Auch ihr (Erzähl-)Rhythmus ist schnell und vor allem authentisch, teils innerer Monolog, teils ein ironischer Seelenstriptease für den Leser, der mal zustimmend mit dem Kopf nickt, sich ertappt fühlt oder auch mal nostalgisch wird.

Antithese zum kitschigen Liebesroman: Gleich im Prolog geht es mitten rein ins Partyleben in München und der bayerischen Provinz, nämlich auf eine Damentoilette mit der koksenden Mia, die die Konkurrenz der Mädchen betrachtet, die sich ihre Gintonics ausgeben lassen und lakonisch ihren Atem mit einem toten Fisch vergleicht. Diese junge, gar nicht damenhafte Lady strotzt vor Selbstbewusstsein, pfeifft auf Ettikette oder Zurückhaltung und hat ihr Ziel klar vor Augen: kurzweiligen Spaß mit ständig wechselnder Besetzung haben, das Leben genießen und nicht an morgen denken. Die Begegnung mit Noah bildet jedoch eine emotionale Ausnahme im Onenightstand-Reigen, die Mias große Achterbahnfahrt noch um ein paar Loopings ergänzt. Ein modernes und unterhaltsames Märchen – zur Abwechslung mal nicht aus dem cosmopolitischen Berlin - mit explizitem Sex, Lektionen in Sachen Abschleppdialoge und einem ebenso modernen Ende. Verlegt wird das Ganze passenderweise von Ubooks, einem Verlag der für „außergewöhnliche Literatur jenseits des Alltäglichen" (Anti-Pop, I-Pop, Erotik, Biografien und Vampirromane) steht – da ist die Kleinstadtschlampe also in bester Gesellschaft.

Mirjam Dreer begann bereits im Alter von 14 mit dem Schreiben erster Kurzgeschichten und im Herbst 2006 erblickte schließlich Romanfigur Mia das Licht der Welt. Die „Erzeugerin“ leugnet ihre Verwandschaft mit der Protagonistin nicht, auch nicht die Faszination von Männern und einem schillernden Nightlife. „Sex und Liebe ist durchaus trennbar. Sex mag ja bekanntlich jeder ganz gerne. Und keiner steht auf dieses komische Gefühl am Morgen danach, mit jemandem, den man kaum kennt. Dieses gehemmte, man hat Dinge getan, die man normalerweise nicht tun würde und möchte am liebsten nur noch weg. Aber genau dieses Gefühl gilt es abzuschalten und einfach zu genießen.“ Charakterisieren tut sie sich mit den Worten „faul, tanzwütig, egoistisch und kann auch lieb sein“ und macht so bereits auf einen großen Vorteil ihrer Geschichte deutlich, für den einen mag es widersprüchlich klingen, der andere genießt die Kombi aus ganz unterschiedlichen Extremen. Als literarische Vorbilder nennt sie die aktuellen (jungen) deutschen Wilden wie Rocko Schamoni, Christian Kracht, Sarah Kuttner, Sebastian Lühn und Joachim Lottmann. Jenseits der Illusionen und mitten drin in den wirklichen Befindlichkeiten.

Interessant wird es in Mirjams Momentaufnahme der aktuellen Partygeneration auch, wenn es konkret um Musik geht. So eilt jedem Kapitel von Kleinstadtschlampe ein Songtitel voraus, der den Mood der Szenerie einfängt. Auch hier serviert die Autorin eine wilde Kombi, wie ein Shuffle-Lauf auf dem ipod, und doch vermutet man eine gewissen Linie im scheinbar chaotischen Querschlag aus Alice in Videoland, Clueso, Nirvana und natürlich mit der Hymne für Mia schlechthin Promiscuous Girl von Nelly Furtado. Mirjam Dreer selbst hat neben einem Faible für die „unglaubliche“ Musik von Pete Yorn, Indie- und Alternativerock/Pop auch was für Klassiker wie Jefferson Airplane, Johnny Cash, Lou Reed oder America übrig.

Nach ihrem gelungenen Einstand ist die Buchhändlerin in Ausbildung schon fleissig an der Produktion des Folgewerkes: „Ich arbeite am 2. Buch. Die Ideen sprudeln zwar nicht so, wie beim ersten, aber da hatte ich auch noch mehr Zeit. Aber man darf gespannt sein...“ Obwohl es ganz anders werden soll, will Mirjam Dreer auf Sex und Drogen aber auch hier nicht verzichten. Da sind wir tatsächlich gespannt! Mirjam Miethe

P.S. Wer nicht lesen will, kann hören (und sehen): Mirjam Dreer live gibt’s am 13. Mai beim Bands'n'Books Event #4 im Café Muffathalle, München. Ergänzt von den Indierockern Pardon Ms. Arden! Das Münchner Publikum kann sich auf eine spontanen und unterhaltsamen Abend freuen, Mirjam ist da ganz entspannt: „Für die Lesung habe ich noch gar kein Konzept. Ich weiß noch nicht mal, was ich für Kapitel lesen möchte, sowas entscheide ich eher spontan. Lesung und Konzert passen für mich insofern zusammen, weil Musik hören und ein Buch lesen, beides Dinge sind, die man gern macht, die einem Freude bereiten, weil man abschalten kann und es einem selbst überlassen ist, was man hören, bzw. lesen möchte.“

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