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Get Well Soon: Vexations
Wednesday, 20 January 2010 01:00
Get Well Soon: VexationsMit seinem zu Recht hochgelobten 2008er Debüt Rest Now, Weary Head, You Will Get Well Soon hat Konstantin Gropper alias Get Well Soon die Messlatte enorm hoch gelegt - um sie nun mit dem Nachfolger Vexations in unerhörter Leichtigkeit zu überfliegen. "Für das erste Album habe ich drei Jahre gebraucht, für dieses drei Monate," erklärt Gropper. Mit diesem Satz im Hinterkopf erstarrt man beim ersten Hören der neuen Platte förmlich in Ehrfurcht vor dem unheimlichen Talent des 27-jährigen, das sich hier offenbart: War Rest Now, Weary Head... eine Sammlung geheimnisvoll schimmernder Rohdiamanten, so ist Vexations ein perfekt geschliffener und gleißend leuchtender Brilliant.

Die Kompositionen und Arrangements knüpfen in ihrer Komplexität zum Teil schon eher an Barock und Klassik an, als an moderne Popmusik. Streicher, Bläser, Chöre und Glockenspiele treffen auf Gitarren, Schlagzeug, Bass und die hörbar geschulten Stimmen von Konstantin Gropper und Schwester Verena. Für die Aufnahmen hat die Band ein altes Orchesterstudio gewählt, was für einen vollen, edlen, nahezu erhabenen Klang sorgt. Schwelgerisch und dezent, schwermütig und träumerisch-verspielt, vielschichtig und eindringlich gelingt Get Well Soon die perfekte Mischung für ein zeitloses Kunstwerk. Sämtliche geöffneten Schubladen, in die wir diese Album gerne einsortiert hätten ("Indie-Wunderkind", "deutscher Conor Oberst", "Arcade Fire"), dürfen wir getrost wieder schließen und oben im Regal einen neuen Ordner anlegen - mit Goldrand und der verschnörkelten Aufschrift Vexations.

Inhaltlich dreht sich Vexations (dt.: Ärgernisse), wie der Name vermuten lässt, nicht um die Sonnenseiten des Lebens. Vom Tod, von Niederlagen, von der Vergänglichkeit singt Konstantin Gropper und nimmt dabei Bezug auf Seneca, Homer, Moby Dick und zahlreiche andere Quellen. Diese Themen eignen sich sicher nicht für den gemütlichen Nachmittagskaffee. Aber was tut der Seele wohler - ein heiterer Kaffeeklatsch oder ein gutes Gespräch bei einer nächtlichen Flasche Rotwein? Letzteres ist Vexations und bietet uns neben zahlreichen Fragen auch einige Antworten in Form von Zitaten, die man sich am liebsten sofort in großen Lettern an die Wand schreiben möchte. "Cause it's time, time to lose it all, and then we're free," heißt es etwa in We Are Free, das vom Loslassen des Geliebten als Voraussetzung für wahre Freiheit handelt. Und mit der letzten Nummer We Are The Roman Empire entschädigt uns Gropper für alle schwarzen Gedanken, die wir uns während des Hörens machen mussten. Unter Glockengeläut und Choralgesang, getragen von friedlichen, reinen Harmonien, besingt er gleichzeitig mit dem Untergang auch die Hoffnung auf Neues, Besseres: "I'll keep your head over water, and when the flood comes you don't have to fear."

Wer nun Angst bekommen hat, Vexations sei bei alledem ein wenig zu verkopft geraten, der darf beruhigt sein: Trotz intellektuellen Tiefgangs, trotz allen perfektionistisch anmutenden Feinschliffs ist Vexations ein zutiefst emotionales und bewegendes Album. Als Beispiel dient der Eröffnungstrack Nausea, der auf das gleichnamige Werk Sartres Bezug nimmt, gleichzeit aber auf der persönlichen Ebene den Abschied von der eigenen Kindheit, die Konfrontation mit der nicht ganz so heilen Realität beschreibt. Oder das phänomenale We Are Ghosts, das hübsch verpackt mit einer catchy Chormelodie daherkommt und gleichzeitig vor Sarkasmus trieft. Im Sekundentakt haut man uns politische, philosophische und popkulturelle Zitate um die Ohren, dass es uns ganz schwindlig wird und wir nicht mehr wissen, ob wir lachen oder weinen sollen. Die Krönung ist das traumhaft schöne A Voice In The Louvre, das leise beginnt und sich im Refrain, getragen von fast königlich anmutenden Geigen, zu einem wahren Feuerwerk aus Lichtern und Melodien steigert. Bei aller Liebe zum Detail klingt aber gleichzeitig nichts einstudiert, nichts künstlich, sondern vielmehr so direkt und unverfälscht, als hätten die Musiker ihr Leben lang nur darauf gewartet, diese Stücke einzuspielen.

Vexations ist mit Sicherheit ein äußerst komplexes und anspruchsvolles Album. Doch es verlangt dem Hörer nichts ab. Vexations ist eine Schatztruhe, in der man unaufhörlich wühlen und immer neue Kostbarkeiten entdecken kann. Wem das zu anstrengend ist, der kann auch nur den Deckel anheben und sich vom Funkeln und Glitzern des Schatzes betören lassen. Eine Erkenntnis aber wird sich in jedem Fall aufdrängen: Vexations ist ein in klassischer Schönheit erstrahlendes, edles, ja erhabenes Meisterwerk, vor dem man sich nur verneigen kann. Sara Haußleiter

VÖ: 22.01.2010

Schatzgräbern sei noch dieser Link ans Herz gelegt, unter dem Konstantin Gropper die Hintergründe der einzelnen Songs erklärt: ---> weiterlesen bei Cityslang


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