|
Das hier ist also das meisterwartete Album des Jahres, heißt es zumindest gerade überall. Kein Wunder: 2008 hielten alle Fleet Foxes für das Album des Jahres. Drei Jahre hat's gedauert, bis der Nachfolger da ist. Ist Helplessness Blues jetzt so gut wie das Debüt? Und bringt das Album wie damals wieder was Neues in die Indiefolklandschaft? Antwort schon mal vorab: beides.
Älterwerden, Verfall und Sterblichkeit - das sind die wiederkehrenden Motive auf Helpnessness Blues. Nicht gerade naheliegend beim erst 25-jährigen Sänger und Songschreiber Robin Pecknold. Vielleicht liegt's daran, dass in den vergangenen drei Jahren für die Folkband aus Seattle so viel passiert ist, dass es für Jahrzehnte reicht. Ihr Longplaydebüt, Fleet Foxes, galt sowohl dem „Rolling Stone"-als auch dem „Pitchfork"-Leser als Album des Jahres. Die deutlichen Bezüge zu 60s-Folkbands wie Crosby, Stills and Nash lieferten den einen endlich mal wieder einen Grund, sich eine zeitgenössische Band zu Springsteen und Young ins Regal zu stellen. Die anderen freuten sich ebenso über individualistische Bartträger, die sich mal aus einem ganz unerwarteten Referenzbereich bedienten und diesen mit Indiesensibilität auffrischten. 2011 sollte sich daran nichts ändern: Helpnessness Blues ist stilistisch ganz nah am Debüt und keinen Hauch schlechter. Die Amerikaner entfalten auf den zwölf neuen Songs die bekannte Melodielust, dieselbe klare Schönheit der Kompositionen, die gleichen gewaltigen Wände von Harmoniegesang, verhallt wie in einer gothischen Kathedrale. Lassen wieder das Zerbrechliche, Simple des Folk auf reiche Beach-Boys-Arrangements treffen - daraus gewinnen die Songs ihre Spannung.
Statt Mykonos heißt der Sehnsuchtsort jetzt Montezuma, Eröffnungssong des Albums. Im swingenden Bedouin Dress beschwört Pecknold anschließend Innisfree, das idealisierte Insel-Utopia aus der Lyrik von W.B. Yeats. Passt gar nicht schlecht: Denn ähnlich wie der britische Dichter an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, dem aber die Romantik noch schwer in den Knochen steckte, hängen Fleet Foxes die 60er Jahre noch anachronistisch in den Ohren: Pecknolds Gesang und das arabische Motiv erinnern wieder an Crosby, Stills and Nash. Dazu quietscht die Fidel, die zwölfsaitige Gitarre funkelt. Mit dieser frischt Pecknold übrigens nun öfter das Instrumentarium auf; manchmal geht's auch mehr in Richtung britischer Folkkünstler der 60er wie Roy Harper, Bert Jansch und John Martyn. Die bekannten Beach-Boys-Pauken entstaubt die Band für Battery Kinzie, in dem die erhebenden Harmonien im Kontrast zum Text stehen: "I woke up one morning / All my fingers rotten / I woke up a dying man without a chance".
The Plains/Bitter Dancer signalisiert schon im zweiteiligen Titel, dass jetzt was Ambitioniertes ansteht. Und tatsächlich, plötzlich passiert Unerwartetes auf dieser Platte. Auf eine zittrige, keltisch gefärbte Akustikgitarre folgt ein sich dynamisch aufschaukelnder Chor, bricht auf einen Schlag ab, Stille, Taktwechsel, eine zarte und gleichzeitig bedrohliche Melodie sprießt, wie eine irische Mörderballade: "Daylight sleeper, bloody reaper / I should have known one day you would come". Und dann weiter noch immer im selben Song mit einem erlösenden Aufbäumen, ein Wall von Harmonie, wie zum Schutz vor der Bedrohung: „At arm's lengths, I will hold you there".
Nach dieser Großtat und dem wunderbaren Simon-and-Garfunkeligen Titelsong ist es fast schon beruhigend zu hören, dass es mit Someone You'd Admire tatsächlich auch ein echt mittelmäßiger Song auf so ein Album schafft. Oder ist es nur der Vorgeschmack auf The Shrine/An Argument, in dem die mehrteilige Suite-Form diesmal ordentlich nach hinten los geht. Der schwache Song bricht förmlich zusammen unter den überladenen Arrangements und Chören (da hilft auch nicht noch eine Innisfree-Referenz). Am Ende bleibt nichts als ein hübsch verpacktes, achtminütiges Nichts. Ein atonales Klarinettensolo beendet den Song und klingt dabei wie spöttisches Gelächter über diesen kleinen Fehltritt.
Dennoch sind es diese experimentelleren Momente, mit denen Fleet Foxes das nötige Versprechen für Weiterentwicklung auf kommenden Alben abgeben. Denn auf Helpnessness Blues machen sie es sich ansonsten noch ziemlich gemütlich in ihrer bekannten Nische. Aber wer sich mit so viel Originalität ein eigenes Idiom geschaffen hat, darf es sich auch erstmals leisten, wenn das zweite Album viel Altes und wenig Neues bringt. Dem „Rolling Stone"-Leser ist es so eh am liebsten. Christian Schober
VÖ: 29.04.2011

|
Schulzkowski is super unbedingt mehr davon
Noch was zum Thema: http://likeitis93.blogspot.de/2012/03/save-olli-schulz.html
diese kritik ist sehr schön, weil sie sich ausnahmsweise mal nicht schema f<...
und was war besonders? Welche Songs in der Setlist? Wie viele Instrumente
Für diejenigen, die es interessiert: Ich hab auf meinem privaten Blog noch e...