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Brett Anderson: Wilderness
Tuesday, 28 October 2008 12:11

Brett Anderson von Suede in der KritikEin großer Mann, ein großes Werk: Brett Anderson, ehemaliger Sänger der Band Suede, hat sein zweites Soloalbum namens Wilderness veröffentlicht. Das sorgt für viel Freude bei Suede-Fans und auch bei Petra vom LAXMag. Sie hat sich die Platte mal genauer angehört.

 

Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts musste man als Frau zwischen den zwei angesagtesten Bleichgesichtern der englischen Musikszene wählen: Jarvis Cocker, der Sänger von Pulp, oder Brett Anderson, Frontmann von Suede?

Gegen Jarvis mit der für Britpopper damals so angesagten Caesar-Frisur wirkte Brett mit den halblangen dunklen Strähnen im Gesicht wie ein Relikt aus den vergangenen Wave-Tagen der Achtziger. Während Pulp begeistert auf der Britpop-Welle schwammen, setzten ihr Suede immer neue experimentelle Impulse entgegen. Anderson war und ist eben ein bisschen anders. Schwimmt immer ein Stück weit gegen den Strom. Mit Wilderness beweist er nun ein weiteres Mal, dass ihn Trends nur wenig beeindrucken.

Der Mann, dem seine spitze Nase einen unverwechselbar arroganten Gesichtsausdruck verleiht, sagt zu seiner puristischen Platte voll wunderschöner Klaviermelodien selbst: „Dieses Album habe ich ohne jeden Hintergedanken gemacht. Ich wollte schöne Lieder komponieren, abseits von Kommerz und allen Marketing und Medienspekulationen. Ich habe keine Plattenfirma, keinen Verleger und nur ein kleines Publikum, aber als Künstler war ich nie konzentrierter und zuversichtlicher.“ Was nicht zu überhören ist. Auf Wilderness, das in nur sieben Tagen aufgenommen wurde, setzt Anderson ganz allein auf seine Stimme zum melancholischen Piano und zu klagenden Streichern, und auf eine behutsam gezupfte Gitarre.

Ein Konzeptalbum ist entstanden, das von der schönsten Hauptsache der Welt erzählt, von der Liebe. Wie die titelgebende Wildnis, hat auch die Liebe aus Andersons Sicht gleichermaßen faszinierende wie beängstigende Seiten. Sie ist romantisch verklärter Idealzustand ebenso wie abschreckendes Gefühlschaos. Vor allem ist ihre Kraft wie die der Natur letztendlich nicht zu zähmen: Über das sorgsam gepflanzte Rosmarin wächst, wenn man nicht aufpasst, allzu schnell wieder das Efeu. So erzählt er in Chinese Whispers, einem Highlight der Platte, das zärtlich und subtil asiatische Harmonien in die Grundmelodie webt.

Alle neun Songs sind von berückender Schönheit und herrlicher Traurigkeit, angefangen mit dem gefälligen Opener A Different Place. Ein großes Minnelied hat er mit The Empress für jenen Typ Frau geschrieben, für die ein Mann sich nur allzu gerne zum Trottel macht. Clowns, das vom desillusionierenden Übergang von Liebe zu Hass handelt, hat mit seinem Streicherensemble in Moll auch folkige Qualitäten. Blessed ist euphorisch-hymnisch, selig verliebt eben: Habe ich nicht ein Riesenglück mit dieser Frau? Doch gleich darauf baut Funeral Mantra mit seinem Flüstern und Summen, mit dumpfen Trommeln und hellen Glöckchen einen Tempel, auf dessen Altar eines Tages vielleicht auch diese Liebe geopfert werden wird.

In Back to you erhält Anderson Unterstützung von einer gebrochen englisch singenden Frauenstimme. Ein Duett, das mit seiner geheimnisvollen Intensität an Where the wild roses grow von Nick Cave und Kylie Minogue erinnert. Knife Edge beginnt mit einem herzzerreißenden schwermütigen Piano-Intro, bevor Andersons helle Stimme darüber schwebt. Der Zyklus über die Liebe schließt mit dem monumentalen P. Marius. Ein Lied über die große Liebe, dessen Chorus nicht unschwülstig mit den Worten „You are the Rose within my soul.“ beginnt. Aber Brett Anderson fürchtet sich an dieser Stelle seiner Karriere nicht vor Pathos und Gefühl. Verliebte Menschen werden ihm das in diesem Herbst danken. Ebenso wie verlassene Menschen, suchende Menschen oder Menschen, die sich einfach gerne von der elegischen Sanftheit seiner Musik streicheln lassen. Petra Schönhöfer

VÖ 17.10.08




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