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Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz
Tuesday, 06 December 2011 08:18
Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz

Sarah Kuttner schreibt, wie sie spricht: Schnell und mit einer absolut faszinierenden Wortwahl. Dementsprechend flott steigen wir bei einer komischen Wohnungsbesichtigung ein. Die gefällt wohl aber doch nur dem, der Sarah Kuttner mag. Alle anderen werden diese Schreibe wohl eher anstrengend finden.

Das sind auch die, die einen Kracherwitz als Buch erwarten. Doch wie schon ihr Debütroman Mängelexemplar ist Wachstumsschmerz tieftraurig. Da passt es, dass der erste Teil mit einem Zitat von Gisbert zu Knyphausen eingeleitet wird. Klar, witzig wird es auch. Zum Beispiel bei Luises genialen Diskussionen mit ihrer kleinen Schwester Jana.

Hauptfigur Luise ist 32 und in einer Modelagentur für Faces. Aber eigentlich ist sie Schneiderin. Eine genügsame, wie sie selbst findet, denn sie schneidert keine Theaterkostüme. Die Berlinerin arbeitet meistens mit älteren Herren. Einer davon sagt den salbungsvollen Satz: "Filme enden immer in dem Moment, wenn die ganze Arbeit erst losgeht."

Sie und ihr Freund Flo wollen zusammenziehen. Doch Luise fühlt sich schnell eingeengt von der neuen Wohnung. Der „Wir“-Zeit. Dass das Zusammenleben scheitert, merkt man am Prolog und an den Memos zwischen den Kapiteln. Und auch, als sie für sich etwas Richtiges tut – ihren Vertrag mit der Modelagentur aufkündigen -, macht sie sich Vorwürfe, warum sie nicht mehr will vom Leben („Ach, ich möchte so gerne eine eigene Kollektion wollen.“). Und nicht nur sie tut das – ihr Vater, ein nüchterner Kerl, tut das ebenso.

Die Quarter-Life-Crisis in Luises Leben passt mit den Luxusproblemen unserer Zeit zusammen, auch, wenn Sarah in „3 nach 9“ betonte, dass sie „Luxusproblem“ als doofen Begriff empfindet, da es ja immer jemanden gibt, dem es schlechter geht. Für uns sind die eigenen Probleme aber eben sehr schlimm, dementsprechend am Puls der Zeit ist Wachstumsschmerz – genauso wie Meredith Haafs Heult doch oder mein Ganz entschieden unentschieden.

Sarahs ehemaliger Job bei Viva ist im Übrigen auch das Einzige, das sie mit Charlotte Roche verbindet (außer der Erwähnung im Buch: „Man kann gar nicht mehr gegen das Establishment sein, wenn … Charlotte Roche Schluppenbluse und Omafrisur trägt.“). Denn obwohl die Handlung nachdenklich und melancholisch ist, sich manchmal um Schweiß oder Masturbation dreht, ist daran nichts provozierend. Es ist alles authentisch. Auch, wenn der Roman weniger autobiografisch ist: Die Probleme sind nachvollziehbarer. Für eine ganze Generation. Simone Bauer

Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz

Erschienen im Fischer Verlag (25.11.2011)




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