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Jochen Bonz, Juliane Rytz, Johannes Springer: Lass uns von der Hamburger Schule reden
Monday, 09 January 2012 11:10

Jochen Bonz, Juliane Rytz, Johannes Springer: Lass uns von der Hamburger Schule redenDas Problem mit Büchern über den Feminismus ist ja stets, dass oft Männer sie herausgeben. Da ist Lass uns von der Hamburger Schule reden keine Ausnahme. Die beiden Herren und die eine Dame fassten die Interviews, die im Rahmen eines zweisemestrigen Studiumsprojektes an der Universität Bremen mit zehn Vertreterinnen der Hamburger Schule entstanden sind, zusammen. Warum Vertreterinnen? Jochen Bonz: „Ich stellte mir vor, dass es aufschlussreich wäre, sich die Kultur eben nicht von den prominenten männlichen Vertretern erzählen zu lassen … sondern in einer anderen und ungekannteren Weise.“


Man wünschte sich bei den ersten Seiten fast, auf eines der anderen feministischen Büchern des Verlags zurückgegriffen zu haben, Hot Topic. Popfeminismus heute zum Beispiel oder Riot Grrrl Revisited. Doch dann landet man endlich bei den Interviews – teilweise sogar geführt von Studentinnen – und man versöhnt sich sofort wieder mit dem Buch. Die Gespräche bringen die Dreh- und Angelpunkte der Hamburger Schule auf den Punkt: Wie wichtig die politische Haltung war, der Zusammenhang mit dem Indie, und dass man sich beinahe täglich in Räumen wie dem berühmten „Pudel“ traf. Aber man findet auch zu den Beginnen dieser Musikrichtung in den 1980ern zurück, ausgehend von Bernd Begemann bis Rocko Schamoni und Fanny van Dannen, die den Lassie Singers unter die Arme griffen. Die haben sich mehr an deutschen Schlagern orientiert als an rockigen Sachen. Ein weiteres Problem der Frauen in der Hamburger Schule: Die Männer interessierten sich intensiver für Musik, waren auch immer einen Ticken politisch aktiver. Da war es schwer, sich durchzusetzen.

Die Position der Frauen war dadurch oft, „dass die Frauen eher das Administrative gemacht haben, die Logistik und die Biereinkäufe und so was.“ - so Almut Klotz von den Lassie Singers. Die meinte im Übrigen über die enge Gemeinschaften und das Aushelfen untereinander: „Das Bekanntere Unbekanntere featuren … sehr anstrengend und nervig.“ Zu den Interviewten gehört auch Bianca Gabriel. Diese erscheint zwar am Anfang unsympathisch, erzählt aber auf interessante Weise vom Leben abseits der Bühne. Sie war Cover-Illustratorin für unter anderem Die Sterne. Zwischen Journalistin, Bookerin und selten einmal Musikerin (Elena Lange von Stella: „Jeder hat in drei bis vier Bands gespielt.“) gab es laut Bernadette la Hengst nur eine andere Berufsbezeichnung für Frauen: „Die meisten anderen Mädchen in Hamburg waren Groupies.“

Mittlerweile ist die Politik von damals ins Private gerutscht. So Bernadette la Hengst über die Kollegen von Kettcar: Die „singen nur noch über Zustandsbeschreibungen aus der Mittelschicht.“ Diese Entwicklung nach zu verfolgen, macht die Lektüre dieses Buchs sehr spannend. Auch, was mit den Heldinnen aus der Hansestadt passiert ist. Einige der Mädels, die in diesem Buch zu Wort kommen, leben nämlich gar nicht mehr in Hamburg. Christiane Rösinger beispielsweise, die ohnehin die meiste Zeit in Berlin gewirkt hat. Manche trug ihr Schaffen aber auch nach Zürich und Japan.

Heute arbeiten viele der portraitierten Musikerinnen am Theater. Und Bernadette la Hengst beispielsweise immer noch an ihrem vierten Soloalbum. Von ihr stammt auch ein Satz, der die männliche Oberhand in der heute eigentlich fast ausgestorbenen, aber immer noch präsenten Hamburger Schule thematisiert: „Es gibt auch Frauen mit Pathos, aber diesen männlichen Pathos, ihr Leben so zur Schau zu stellen ...“ Aber um es mit Thees Uhlmann zu sagen: „Du nennst es Pathos und ich nenn’ es Leben.“ Simone Bauer

Jochen Bonz, Juliane Rytz, Johannes Springer: Lass uns von der Hamburger Schule reden. Eine Kulturgeschichte aus der Sicht beteiligter Frauen
Erschienen im Ventil Verlag (28.10.2011)




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