| Reingehört Spezial: Platten für den Herbst |
| Wednesday, 11 November 2009 21:26 | |||
|
Viele Musiker scheinen aus dem melancholischen Abschied vom Sommer Inspiration zu ziehen. In den letzten Wochen landeten viele Platten im Briefkasten der LAXMag-Redaktion, die eines gemeinsam haben: sanfte, melodische Klänge und eine traurige Grundstimmung. Unsere Redakteure Flo und Tina haben sich ausgiebig mit der musikalischen Herbstdepression zwischen Chanson, Pop und Country befasst und sagen euch, zu welchen Platten ihr euch entspannt aufs Sofa kuscheln könnt, und bei welchen ihr euch lieber die Decke über die Ohren ziehen solltet.
Rumen Welco: I Never Learned to Raise My Fist "Wir lieben Amerika und Amerika liebt uns." Sollen unlängst Rumen Welco aus Dresden behauptet haben, und wenn man die Musik der fünfköpfigen Band hört, kann man zumindest der ersten Hälfte des Satzes zustimmen. So sind manche Songs der Band beispielsweise nach Denver oder Arizona benannt und schon bald drängt sich dem Hörer ein Gefühl auf, dass hier etwas bemüht nach Texas-Country-Sound klingen soll. Das reicht aber noch nicht um die zweite Hälfte der wagemutigen Aussage zu legitimieren. "Bemüht" ist hier ohnehin die richtige Beschreibung. Die ersten drei Lieder hören genau dort auf, wo man vermutet, dass es jetzt vielleicht doch spannend werden könnte, wohingegen andere Lieder sich selbst viel zu viel sind. Da wird geklimpert und geklirrt, aber nicht aus der sympathisch-avantgardistischen, sondern aus der unmusikalischen Schublade. Der "Hit" der Band - Mary Lou - macht dabei noch den besten Eindruck, wäre aber vielleicht noch besser geworden, hätte man auf die Synthesizer bei dieser Countryballade verzichtet. Im Gesamten ist bei dieser Band sicherlich Potential vorhanden - Hingebung zur Musik und große Ambitionen scheinen gegeben - und könnte eine schönere nächste Platte abgeben, wenn sich die Band zwischen "zu viel" und "zu wenig" eingependelt hat. Florian Tenk
Die Geschichte von The Boxer Rebellion liefert Stoff für ein klassisches Rock'n'Roll-Märchen: Nach einem viel gelobten, aber nicht allzu oft verkauften Debütalbum geht das Label der Band pleite, und The Boxer Rebellion nehmen das Nachfolgewerk zwangsläufig komplett in Eigenregie auf. Dieses wird zunächst nur als Download angeboten, und erobert prompt Platz 1 der iTunes-Downloadcharts. Plötzlich wird die Plattenindustrie wieder auf die Londoner aufmerksam, und wir können uns Union nun endlich auch ins CD-Regal stellen. Kaum dreht sich Union im CD-Player, drängen sich sofort zwei Vergleiche auf: Coldplay und Radiohead. Nicht ohne Grund waren The Boxer Rebellion Vorgruppe der Editors, denn sie produzieren vielschichtige, anspruchsvolle Musik mit einem starken Hang zur Melancholie. Mit schwelgerischen Gitarren und traurigem Gesang baut die Band Klangwände und türmt düstere Wolken zu so hohen Türmen auf, bis schließlich ganz oben doch wieder die Sonne zu sehen ist. Der dichte, komplexe Sound der Band wird immer wieder durch kleine musikalische Spielereien und unerwartete Tempo- und Rhythmuswechsel aufgelockert, die den Songs eine unerwartete Wendung verleihen. Da bleibt nur eins: zurücklehen, Augen schließen und sich von The Boxer Rebellion tragen lassen auf einer sanften Reise durch eine welkende Herbstlandschaft von bezaubernder Schönheit. Bettina Koch
Es gibt viele Gemeinschaftsaktivitäten, die man auch alleine ausführen kann, in einem Chor zu singen gehört aber sicherlich nicht dazu. Hinter dem irreführenden Bandnamen versteckt sich nämlich das Soloprojekt des 24-jährigen Jannis Noya Makrigiannis. Der junge Däne klingt dabei ein bisschen wie der frühe Maximilian Hecker auf einer Jamsession mit Sigur Ros, mit weniger Dramatik und etwas mehr herbstlicher Gelassenheit. Schon beim ersten Hören lässt sich also eine typische Platte zu dieser Jahreszeit erkennen, die sich wie wolkiger Indie-Folk-Pop anfühlt. Doch Wolken müssen nicht immer weich sein. Gleich zu Beginn erwartet den Hörer bei Hollow Talk die typische Ruhe vor dem Sturm. Ein langgezogenes Crescendo aus diesem stetig opulenter werdenden Arrangement, ein klagendes Klavier, Streicher, Chorgesang - als würde man Gewitterwolken beobachten, hält man den Atem an, bis sie sich genau rechtzeitig entladen, schließlich weiterziehen und man den Blick vom Fenster abwenden kann. Aber diese Wolken tragen nicht nur Trauer, und so reißt der Himmel schnell wieder auf und lässt vereinzelt Sonnenschein auf die Pop-Lichtung fallen, wo sich Next Summer und Action/Reaction versteckt halten. Gerade Ersteres spricht uns so sympathisch Mut zu, dass - ob der gewissen Ähnlichkeit zu A-ha - man hier gerne ein Auge zudrücken kann. Die Frage ob dieser Ein-Mann-Chor ganz so gläubig ist, stellt sich zum Schluss, wenn von Optimismus keine Spur mehr zu hören ist und man im stetig ruhiger werdenden Finale alleine mit Jannis' geisterhaftem Gesang gelassen wird, der verhallt, wie auch der Blick im dichtesten November-Nebel verschwindet. Florian Tenk
The Bird And The Bee: Rayguns Are Not Just The FutureVÖ 02.10.2009 Am Anfang wird man erst mal auf eine paradoxe Art und Weise an diese Band heran geführt. Das Cover im monochromen Design erinnert stark den Film Noir der 60er Jahre, der Bandname könnte genauso gut aus der Feder eines Kinderlieder-Produzenten stammen, und schließlich werden mit dem Titel auch noch Laserpistolen in die Gegenwart verfrachtet. Doch dann drückt man auf Play und wird mit allem konfrontiert, was man nicht erwartet hätte. Von Inara Georges angenehmer Stimme getragen, plätschern die ersten Songs im allertypischsten und durchaus fröhlichen Easy-Listening-Stil dahin. Ms. George und Bandkollege Greg Kurstyn haben dafür sogar mit Harfen, Glockenspielen und Spinnettklängen tief in die Musikkiste gegriffen und eine interessante, instrumentale Vielfalt geschaffen. Aus dem Korsett, welches schon Au Revoir Simone oder Frou Frou ziemlich abgetragen haben, können sie damit vorerst aber nicht ausbrechen. Wenn dann auch noch Titel vergeben werden, wie My Love oder Baby, entstehen solch zuckersüße Songs, dass selbst der Raum kandiert. Dann wird es spannend bei The Witch. Endlich aus dem Zuckerwatteland ausgebrochen, kommt die selbst auferlegte Referenz zu Motown Jazz zum ersten Mal richtig zu tragen. Leider nur viel zu kurz, denn das Verruchte und Geheimnisvolle steht beiden nämlich wirklich gut und passt auch zum ersten Mal stimmig zu Cover und Albumtitel. Vielleicht kann Rayguns Are Not Just The Future mit seinen solide produzierten Titeln, die fast alle entspannt und oft sogar fröhlich grundiert sind, für den einen oder anderen auch eine rosa Wolke auf dem grauen Herbsthimmel aufgehen lassen. Florian Tenk
Bei Airpeople scheint es sich um eine sehr kosmopolite Band zu handeln, das beginnt schon damit, dass die vier Mitglieder in Trier, Hamburg und Köln verteilt leben, und endet damit, dass jeder Song, außer The Golden City, einer anderen Stadt gewidmet ist. Man könnte sogar soweit gehen und den Bandnamen mit ihrer Reiselust, ihrem internationalen Gefühl zu interpretieren - oder sind doch eher die Sphären gemeint, in denen diese Musiker schweben? Man weiß es nicht so genau, und direkt Aufschluss geben auch die einzelnen Stücke nicht, denn hier wird man auf weiter Flur alleine mit seinen Interpretationen gelassen. Die neun Songs sind nämlich rein instrumental produziert und kommen somit ohne lyrische Anhaltspunkte daher. Die lokale Vielfalt und Undurchschaubarkeit wird auch auf musikalischer Ebene weiter getragen. Anfangs hat man vielleicht schnell den Postrock-Stempel zur Hand, doch mischen sich zu den progressiven Gitarrenläufen immer mehr auch genre-untypische Instrumente in die weiten Klangteppiche. An manchen Stellen klingen Airpeople dann sogar wie Indierock zur Jahrtausendwende, bevor dieser mit Tronic fusioniert wurde. An anderen wiederum erwartungsgemäß opiumgeschwängert. Für wen es dieser Tage etwas gehaltvoller sein darf, der sollte sich auf einen Kurztrip nach Amsterdam oder Mombasa begeben und sich von der kompositorischen Qualität selbst ein Bild machen. FlorianTenk
|
Kommentare
Suche
Ähnliche Artikel
- Rezensionen
- Interviews
- Portraits


















Schulzkowski is super unbedingt mehr davon
Noch was zum Thema: http://likeitis93.blogspot.de/2012/03/save-olli-schulz.html
diese kritik ist sehr schön, weil sie sich ausnahmsweise mal nicht schema f<...
und was war besonders? Welche Songs in der Setlist? Wie viele Instrumente
Für diejenigen, die es interessiert: Ich hab auf meinem privaten Blog noch e...