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Ein Tag mit Nick Cave and The Bad Seeds
Thursday, 12 November 2009 13:51

Das LAXMag verbrachte ein Tag mit Nick Cave & The Bad Seeds Ein Tag heftete sich das LAXMag an die Fersen einer Ikone: Unsere Gastautorin Aurélie Montfrond begleitete die Band um den charismatischen Frontmann Nick Cave...

 

Halb zwölf Uhr am Vormittag. An diesem Samstag Morgen machte ich mich auf den Weg in das luxuriöse Fitzwilliam Hotel in Dubin. Nick Cave & The Bad Seeds waren hier in der Nacht zuvor angekommen. Es war sehr ruhig. Ich ging direkt zur leeren Bar und entschied, mich an einem Tisch in der Ecke niederzulassen und mich dort vorzubereiten.

An der Rezeption stand Mick Harvey, der nach mir suchte. Wir waren verabredet. Ich wollte ihm gerade die Bar zeigen, als Mick sagte: "Ich glaube, Nick Cave ist in einem abgelegenen Raum...irgendwo da drüben." Ich beruhigte ihn und sagte, dass das Hotel ohnehin leer sei und ich in einer verlassenen Ecke an der Bar sitzen würde. Die Szenerie sah nett aus.

Er folgte mir an die Bar, sah etwas müde aus, war aber gut gelaunt. Ich fragte ihn, ob er einen Kaffee wolle. Er lächelte: "Ja, ich brauche einen Kaffee. Und etwas zu essen, wenn das okay ist." Mir war das recht. Die Bedienung kam und nahm unsere Wünsche auf. Ich bestellte einen Cappucchino und etwas Wasser, Mick hatte seinen Blick noch in der Karte. Dann sah er zu mir auf: "Das wird das einzige Essen des Tages bleiben." Ich lachte: "Geht mir auch so. Meistens frühstücke ich nur und das war's dann." Kurz darauf hatte er sich für ein Menü entschieden und ich entschuldigte mich für das fehlende Drahtlosnetzwerk. "Ich kann's kaum glauben. Was ist dies BT-Netzwerk für ein Ding? Es scheint so, als ob das Hotel gar keinen eigenen freien Zugang hat. Mick reagierte gelassen: "Ich weiß, das ist schon seltsam. Man darf immer ein Ethernet-Kabel benutzen, aber dafür haben sie dann keine Anschlüsse." Ich antwortete lächelnd: "Mein Modem ist im Laptop integriert. So weit ich weiß brauche ich gar keine Kabel. Aber der Punkt ist: Es gibt hier gar kein Internet, das ist zum Verrücktwerden."

Mick ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: "Ich denke auch, Internet sollte heute wirklich überall verfügbar sein." Gefragt, wo ich gerade wohne, sagte ich ihm, dass ich zur Zeit zwischen Dublin, Dundalk und Belfast pendele. Ich hatte ein paar gute Freunde in Dundalk, die mir ein Haus mit drei Schlafzimmern ganz für mich alleine und fast ohne Miete überlassen hatten, so dass ich dort einigen Raum hatte und mich dort eine Weile niederließ. Mick sagte, das sei ja mal nicht schlecht. Wie bei unserem letzten Gespräch begann er wieder, mich über Dundalk auszufragen. Ich erklärte, wo Dundalk liegt und erzählte ein bisschen etwas über die Stadtgeschichte, als ich plötzlich losbrusten musste und Mick ebenso. Wir rekapitulierten kurz unser letzten Interview und ich leitete über zu einem leidenschaftlichen Gespräch über Musik und Reisen.

Ich wollte herausfinden, wie die Tour mit Nick Cave & The Bad Seeds bis jetzt gelaufen ist. Ich erkundigte mich zunächst nach dem kürzlichen Auftritt in Paris. Er selbst habe es auf der Bühne genossen, wolle aber nicht für das Publikum urteilen. Er wünschte, er hätte mehr Zeit zwischen den Bühnenstopps und könnte sich die Städte etwas näher kennenlernen. In Paris habe er dazu etwas Zeit gehabt. Die Oper und "Passage de...something", oder so. An den vollständigen Namen konnte er sich nicht erinnern.

Von Zeit zu Zeit baute Mick mit lustigem Akzent eine französische Vokabel in seine Ausführungen ein. Ich war wirklich überrascht, dass er einige französische Wendungen verstand, die ich ihm vorgab. Er nickte: "Qui." Ich sah in an: "Aber du verstehst alles, was ich auf Französisch sage und gibst trotzdem vor, die Sprache nicht zu sprechen?!" Er lächelte: "Nein, ich spreche kein Französisch, aber ich kenne ein paar Wörter." Ich konnte nicht aufhören zu grinsen: "Du scheinst ein paar mehr als die paar Wörter zu verstehen!" Er grinste zurück.

Das ging es Musik und um das, was seit unserem letzten Zusammentreffen so los war. Vergangenen Februar hat er im Vorprogramm von PJ Harvey auf deren Australien-Tour gespielt. Er fragte, ob ich neues Solo-Album kenne. Ich mag PJ Harvey wirklich gerne. Sie ist eine sehr talentierte und respektierte Musikerin. Nach seinen eigenen Soloplänen gefragt, sagte Mick, er habe darüber noch nicht nachgedacht. Er würde sich dann Gedanken machen, wenn es konkrete Aussichten gibt. Momentan sei er erst einmal auf Tour mit Nick Cave & The Bad Seeds in Europa und nächsten Herbst in den Vereinigten Staaten. Etwas später, als wir über unsere Reisepläne sprachen, erzählte ich ihm eine Geschichte über Touristen. Ich kann nicht verstehen, dass es Leute gibt, die Reiseführern Schritt für Schritt folgen, als wären sie Roboter. Sie rauschen umher und beobachten die Landschaften nur durch die Objektive ihrer Kameras. Ich dagegen verbringe lieber einige Zeit an einem Ort und entdecke ihn ganz für mich selbst. Das hat mehr Charme und Magie.

Er stimmte mir zu und gestand, dass er eine solche Haltung auch nicht verstehen könne. Er berichtete von seinen Erfahrungen und wie sich die Australier bei ihm nach Europa erkundigen würden. Ich sah Mick an und musste lachen: "Ich verstehe, was du meinst. Die würden selber gerne nach Europa fahren, tun es aber nie." Er antwortete: "Genau so ist es. Ich verstehe sie nicht. Sie projezieren ihre Wünsche auf auf mich. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die alle normal sind." Australier seien eben alle Schafe.

Mick ist beinahe schon überall auf dem Globus mal gewesen - mit und ohne Nick Cave & The Bad Seeds. Ob da wohl ein Land übrig ist, das er noch gerne sehen würde? Er sah mich einige Augenblicke an bevor es vor Lachen schallend aus ihm herausbrach: "Die Mongolei. Da war ich noch nicht." Argentinien mochte er nicht, das schien im Europa zu ähnlich. Er erzählte von seinen letzten Ausflügen nach Hawaii und Französisch Polynesien. Sein Sohn habe so viel Nahsicht mit ihm, dass er reisen könne, woimmer er auch hin wolle. Dieses Jahr dies Japan. Mit Nick Cave & The Bad Seeds habe er den Aufenthalt in Ägypthen sehr genossen. Er sei in Kairo und Luxor, wolle zudem gerne weitere Länder in Afrika besuchen. Für drei Wochen im Jahre fahre er nach Frankreich und besuche Freunde in Paris. Dort hänge er gerne im "Le Luxembourg" und "Saint-germain-des-pres" ab.

Ich fragte ihn nach Dubin, doch leider hatte er nie Gelegenheit, in der Stadt umherzulaufen - weder als Solokünstler, noch als zusammen mit Nick Cave & The Bad Seeds. Er erinnerte sich lediglich an einen Auftritt im "Olympia theater" in Dublin und ich war kurzzeitifg verwirrt, hatten wir uns doch kurz zuvor über das "Olympia" in Paris unterhalten. Am liebsten seien ihm in Irland Cork und Kerry. Dorthin fahre er ab und zu, um Freunde zu besuchen. Zu Australien befragte ich ihn ebenso. Ich konnte mir vorstellen, dass sich die Menschen dort isoliert und abgeschnitten vom Rest der Welt vorkommen. Das sei verständlich, sagte er. Das sei ein kulturelles Problem. Einige Leute würden sich dort fühlen, als würden sie feststecken und von allen Dingen entfernt sein.

Eine solche Abgeschiedenheit hätte eine gehörige Wirkung auf die nationale Mentalität. Einige Leute wären aber glücklich damit, die ganze Nacht Fernsehen zu schauen. Dazu gehörten aber nicht die Kulturschaffenden, wie sie selber, die gerne Musik machen. Man könne sich schon so vorkommen, als würde man dort festsitzen und nicht zu der Welt dazugehören. Mick bat um einen Espresso und um ein Glas Wasser. Es war mittlerweile halb zwei Uhr nachmittags, als ich das Hotel verließ. Ich übergab Mick noch eine große Tasche voller Süßigkeiten und Schokolade und bekam im Gegenzug seinen Bühenpass, so dass ich in der Zwischenzeit in die Stadt gehen und um drei Uhr wieder beim Soundcheck dabei sein konnte.

Viertel nach drei am Nachmittag. Als ich um Dublin Castle herumlief konnte ich keine Eingänge finden und entdeckte erst eine Weile später, dass ich mich am falschen Tor befand. Schließlich fand ich doch Einlass und erkundigte mich bei einem Sicherheitsmann nach der Bühne. Er zeigte mir den Eingang zu einem kleineren Hof. Ich ging ein Gewölbe entlang bis ich an den Backstage-Bereich gelangte. Dort trat ich in den ersten Raum zu meiner Rechten ein, es war der Produktionsraum. Ich konnte die Neugierde spüren, mit der mich ein lokaler Promoter musterte, als ich auf Mick Harvey wartete. Ich sprach mit niemandem und man fragte sich bestimmt, wer ich wohl sei. Der örtliche Tour-Manager kam zu mir und erklärte freundlich: "Nick Cave und Co. sind gerade auf der Bühne für den Soundcheck." Ich könne später wieder kommen und den Pass zurückbringen. Ich wunderte mich kurz über diesen Typen und ging nach draußen. Der Hof war komplett leer. Die Band begann auf der Bühne mit dem Soundcheck.

Ich setzte mich in die Sonne und zündete mir eine Zigarette an. Nick Cave sah mich an, als er sein Mikrophon überprüfte. Ich schielte nur ab und an zur Bühne hinüber. Der Blick mancher Fans würde an meiner Stelle wohl an der Bühne kleben. Ich konnte spüren, dass sich Nick Cave für meine Anwesenheit interessierte. Ich sah mich ein bisschen um und lauschte der mächtigen Geräuschkulisse, die ein herausragendes Konzert versprach. Ich blickte zum Himmel. Es war abwechselnd sonnig und bewölkt. Hoffentlich würde es beim Konzert nicht regnen. Der Umstand, dass ich hier alleine in diesem verlassenen Hof saß während Nick Cave & The Bad Seeds auf der Bühne ihre Instrumente einrichteten, gefiel mir. Und obwohl ich regelmäßig Wasser trank, fühlte ich mich 40 Minuten später benommen und wie betäubt. Ich entschied mich, meine Beine für eine paar Minuten zu bewegen.

Nick Cave warf mir einen flüchtigen Blick zu als ich ausstand. Ich ließ Leonhard Cohen in meinem MP3-Player für mich spielen und verließ kurz die Burg. Als ich zurückkam war die Bühne wie leer gefegt und ich dachte, ich könnte meinen Augen nicht trauen. Da saß ich für Stunden hier und kaum war ich einmal fünf Minuten weg, schon waren alle verschwunden. Überall, wo ich hingehe, nehme ich meine Musik mit. Als ich mit den Kopfhörern in den Ohren auf die einsame Bühne zuging, konnte ich schon aus einer gewissen Entfernung Mick Harvey sehen. Er wartete auf mich und kam mir plötzlich entgegen.

Ich entschulidgte mich: Hoffentlich habe er nicht zu lange auf mich warten müssen oder habe sich gefragt, wo ich nun stecken würde. Er machte kein großes Aufsehen, irgendwie habe er gewusst, dass ich zurückkomme. Er fragte, wie viele Freunde ich später mitbringen würde. Ich hatte mir das noch nicht überlegt, er bestand aber auf einer Antwort und so sagte ich ihm, es würden zwei Freunde sein. Ich folgte Mick zum Produktions-Raum, wo schon Nick Cave und seine Band warteten. Mick stellte mir den vom vorherigen Zusammentreffen schon bekannten lokalen Tourmanager vor: "Das ist Aurelie, sie kommt später nochmal her, deshalb braucht sie eine Backstage-Karte." Nick Cave stand währenddessen ohne etwas zu sagen neben mir. Mick reichte meine Personalien für die Gästeliste weiter. So stand ich da zwischen den Bandmitgliedern und hörte den Anweisungen des örtlichen Promoters zu: Ich solle mit niemandem sprechen und nur antworten, wenn jemand auf mich zukäme.

Halb sechs Uhr am frühen Abend. Nick Cave erkundigte sich noch nach den Kostümen. Dann verließ er den Raum und die restliche Crew folgte. Thomas Wydler, der Schlagzeuger, lächelte mich noch an, bevor er aus der Tür trat. Ich blieb mit Mick zurück. Die Show würde um halb neun Uhr beginnen und etwa zwei Stunden dauern. Ich würde ihn dann nach dem Konzert wieder sehen.

Acht Uhr abends. Ich war zurück backstage zusammen mit meinen beiden Freunden. Sie freuten sich und dankten mir, während mir bewusst wurde, dass ich eigentlich lieber allein gewesen wäre, ohne diese Ablenkung. Ich wusste nicht, das Mick auch meine Freunde mit After-Show-Pässen versorgen würde. Wir gingen in den VIP-Bereich vor der Bühne, der vom zahlenden Publikum abgetrennt war. Um die 200 Menschen waren in dieser VIP-Area, insgesamt 2000, vielleicht mehr.

Ich glaube, dass sich Nick Cave & The Bad Seeds kein bisschen verändert haben. Immer noch dieselbe Energie und Qualität. Nick Cave zog ununterbrochen die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Zwischen den Songs sprach er mit den Leuten, forderte sie zum Mitgehen auf.

Die Ansagen klangen fast genauso wie sein Gesang, der gleiche Klang der Stimme. Und die Menge wurde davon angetrieben. Einige machten ständig Bilder, um sicher zu gehen, dass sie keinen von diesen Momenten vergessen. Andere forderten "The weeping song" noch während Nick Cave "The ship song" spielte. Sie mischten alte Stücke mit Songs aus dem neuen Album "Dig, Lazarus, dig!". Das Pianospiel von Nick Cave kam am besten an, so in "The Ship song", "Nobody's baby now" und "Into my arms". Das Publikum sang mit und wogte langsam im Rhythmus der Musik hin und her. Ein magischer Augenblick. Für das letzte Lied kam Shane McGowan auf die Bühne, um mit Nick Cave das berühmte Duett "Wonderful world" aufzuführen. Shane McGowan gab mehr als sein Bestes: Er versuchte sich vor Nick Cave so sehr zu beweisen, dass er fast ins Mikropho spuckte. Das war schon etwas übertrieben.

Halb elf Uhr abends: Nick Cave & The Bad Seeds gingen von der Bühne. Die Menschenmenge verschwand schnell, etwa 20 Leute blieben ab, ich inklusive. Ich schlug mich zum Backstage-Bereich durch und fand mich in einem Kellerraum wieder, von dem ich nicht glauben konnte, dass hier die Aftershow-Party stattfinden sollte. Hier sah es aus wie in einer kleinen Kantine, wie in einer Schulmensa oder im Wartezimmer beim Arzt. Nur ein paar Leute waren übrig, unter anderem die Bad Seeds. In einem kleinen Kühlschrank gab es Getränke. Ich nahm mir ein Soda und setzte mich an einen Tisch. Die Atmosphäre war komisch. Ich sah zu Mick hinüber, der sich mit ein paar Leuten unterhielt. Gelegentlich sah er auch zu mir. Dann kam er herüber. Er sagte mir, die Party sei in 20 Minuten vorbei. Er würde am nächsten Morgen nach Glasgow abreisen. Ich gratulierte zum Auftritt. Er sah mich überrascht an und sagte: "Oh, Danke." Ich verabschiedete mich von Mick und ging kurz nach ihm.

Eine viertel Stunde vor Mitternacht: Zeit nach Hause zu gehen. Die Aftershow war nicht besonders aufregend. Der Band dachte wohl ebenso. Das nahm aber nichts von ihrem fantastischen Auftritt und der eindrucksvollen Freundlichkeit von Mick Harvey. Aurélie Montfrond




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