Riesenluftballons, Papierschmetterlinge und zum Schluss noch ein Feuerwerk: Coldplay haben in München mit einem nahezu magischen Konzert bewiesen, dass sie völlig zu Recht als eine der besten Live-Bands der Gegenwart gelten. Tina vom LAXMag hat sich verzaubern lassen.
Große Ereignisse werfen bekanntlich ihre Schatten voraus. In diesem Falle heißt das: Schon auf der Autobahn wird der Weg zum Coldplay Open Air ausgeschildert. Wenn das Auto dann für sieben (!) Euro auf dem Parkplatz abgestellt ist, geht es mit dem Shuttlebus weiter zur Reitarena München Riem. Dort gibt die imposante Bühnenkonstruktion bereits einen ersten Hinweis darauf, dass hier heute Großartiges zu erwarten ist. Hier findet nicht einfach ein Konzert statt, sondern eine Band inszeniert ein überwältigendes Rundum-Erlebnis. Selbst die Pfandbecher sind mit dem Coldplay-Logo bedruckt. Ein Blick in den Himmel, vorbei an den überall auf dem Gelände angebachten riesigen Luftballons, lässt hoffen, dass Petrus den Musikfans an diesem Augustabend ausnahmsweise einmal wohlgesinnt ist.
Eine angenehme Spätsommersonne scheint über Riem, als sich eine Band aus Nordrhein-Westfalen bereit macht für das vermutlich größte Konzert ihres jungen Lebens: Um kurz vor 18:00 Uhr eröffnen die Kilians den Abend. Falls die Jungs nervös sind, so lassen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Stattdessen bewegen sie sich auf der Bühne, als würden sie jeden Tag vor Zuschauern im fünfstelligen Bereich spielen. Mit ihrem Britrock sorgt die Band aus Dinslaken für ausgelassene Stimmung in den vorderen Reihen und kann das Publikum sogar zum Mitklatschen bewegen, was für eine Vorband in München schon eine bemerkenswerte Leistung ist.
Schade nur, dass die Organisatoren sich aus unbekannten Gründen entschieden haben, den auf den Tickets mit 19:00 Uhr angegebenen Veranstaltungsbeginn um über eine Stunde nach vorn zu verlegen. Zum Glück haben sich viele Fans dank des schönes Wetters schon am Nachmittag die besten Plätze in der Arena gesichert, denn wer vermeintlich pünktlich zum Konzert kam, verpasste nicht nur die Kilians, sondern auch einen Großteil des Auftritts der australischen Howling Bells.
Für das Quartett um Sängerin Juanita Stein haben sich die englischen Medien den Begriff "Indie Noir" einfallen lassen. In Riem präsentieren sich die Howling Bells bei immer noch strahlendem Sonnenschein jedoch alles andere als düster. Gutgelaunt stellt die Band hauptsächlich Songs aus ihrem aktuellen Album vor. Los geht's mit der Single Cities Burning Down, am Ende steht der Titelsong Radio Wars, bei dem Juanita mit sichtlicher Begeisterung auf ihre Trommel eindrischt. Dazwischen sorgt die Band mit Low Happening vom Debüt-Album für Gänsehaut, und Juanita erobert die Herzen des Publikums, als sie sich an der Bühnenkante niederlässt und eine kurze Geschichte über die Band erzählt. Bleibt zu hoffen, dass dieser außergewöhnlichen Band mit der Unterstützung durch Coldplay jetzt endlich die Aufmerksamkeit zuteil wird, die sie schon längst verdient hätte.
Über mangelnde Aufmerksamkeit brauchen sich Coldplay natürlich schon lang nicht mehr beklagen, hat die Band doch unter anderem das meistverkaufte Album des letzten Jahres eingespielt. Punkt 20:00 Uhr betreten Chris, Johnny, Will und Guy die Bühne, die an ein überdimensioniertes Wohnzimmer erinnert. Besonderes Gimmick ist ein Fernseher auf der Bühne, auf dem immer wieder Live-Bilder von der Show gezeigt werden.
Überraschenderweise spielen Coldplay mit Violet Hill und Clocks zwei ihrer größten Hits gleich am Anfang. Wer denkt, dass das Beste damit jetzt schon vorbei ist, irrt jedoch gewaltig, denn die Band übertrifft sich nahezu im Fünf-Minuten-Takt selbst. Mit übergroßen Videoleinwänden hinter und seitlich der Bühne sowie Laserstrahlen wird ein buntes Lichtspektakel erzeugt, die riesigen Kugeln über der Bühne verwandeln sich dabei mal in Himmelskörper, mal in Erdbälle. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Zu Yellow fliegen gelbe Ballons ins Publikum. Bei Lovers In Japan regnet es farbenfrohe Papierschmetterlinge, was im Publikum zu lustigen Hüpf- und Ruderbewegungen führt, während Chris Martin mit einen japanischen Sonnenschirmchen über den Laufsteg tanzt.
Die Bühnenkonstruktion ist äußerst publikumsfreundlich gestaltet: Mehrere Laufstege reichen bis weit ins Publikum hinein, die Leinwände übertragen nahezu jede Bewegung der Band und immer wieder auch Bilder vom begeisterten Publikum. "Lights out und Handys bitte, Handys bitte!", ruft Chris Martin, als er mit seiner Band auf einem kleinen Podest mitten zwischen den Zuschauern angekommen ist. Das Licht geht aus, und die Reitarena Riem verwandelt sich in ein blinkendes Meer aus Handylichtern, als Coldplay eine erstaunlich unpeinliche Akustikversion von Billie Jean zum Besten geben.
Trotz allem Bühnenbombast zeigt sich die Band bodenständig und publikumsnah. Den Herren ist deutlich anzumerken, dass sie mit großem Spaß auf der gigantischen Bühne stehen. Besonders viele Sympathiepunkte sammelt Chris Martin, als er kurzzeitig seinen Text vergisst und unter Lachen spontan weiterdichtet: "I wanted to sing a song, but didn't know how to go on". Superstars sind eben auch nur Menschen.
Die Band überzeugt musikalisch und menschlich auf voller Linie. Hier stehen Vollblutmusiker auf der Bühne, die nicht vergessen haben, dass sie ihren Ruhm den Fans zu verdanken haben. Coldplay bedanken sich dafür mit einem beeindruckenden Konzert, das nicht der Selbstdarstellung der Band dient, sondern die Fans glücklich machen soll. Und das gelingt ihnen an diesem Abend in München ganz außerordentlich gut!
Nach zwei Stunden, die sich wie dreißig Minuten anfühlen, endet der Ausflug ins Coldplay-Wunderland standesgemäß mit einem Feuerwerk. Viva La Vida-Chöre hallen aus Tausenden Kehlen über das Gelände. Am Ausgang erhalten die Fans noch eine kostenlose Live-CD als Andenken. Danke, Coldplay! Bettina Koch/Fotos: Sara Haußleiter
(29.08.09)
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Schulzkowski is super unbedingt mehr davon
Noch was zum Thema: http://likeitis93.blogspot.de/2012/03/save-olli-schulz.html
diese kritik ist sehr schön, weil sie sich ausnahmsweise mal nicht schema f<...
und was war besonders? Welche Songs in der Setlist? Wie viele Instrumente
Für diejenigen, die es interessiert: Ich hab auf meinem privaten Blog noch e...