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Juli Zeh und Slut: München
Friday, 26 March 2010 12:49

Autorin Juli ZehSlut aus Ingolstadt haben schon bei ihrer Neuvertonung der Dreigroschenoper Theaterluft geschnuppert. Nun wagten sich die fünf Herren erneut auf mittlerweile nicht mehr so unbekanntes Terrain und inszenierten mit Autorin Juli Zeh die Schallnovelle Corpus Delicti. Live durfte man das Kunstwerk am Donnerstag im Münchner Volkstheater bestaunen. Sara vom LAXMag war für euch mit dabei.

Zuallererst: Das, was wir im gut gefüllten Volkstheater an diesem Abend geboten bekommen sollen, ist kein Konzert, keine Lesung und auch kein Theaterstück. Es ist die Aufführung einer Schallnovelle - so zumindest nennen die Ingolstädter Band Slut und die studierte Juristin und Autorin Juli Zeh ihr gemeinsames Werk. Corpus Delicti erschien ursprünglich als Theaterstück, später als Roman. Dann trafen Juli Zeh und Slut anlässlich der Leipziger Buchmesse aufeinander und entschlossen sich zur Zusammenarbeit. Die Band erschuf sieben neue Songs, die um die Thematik des Plots kreisen. Die Autorin arrangierte die Texte neu, kürzte und stellte um. Live dargeboten und visuell begleitet ist Corpus Delicti ein Spektakel, das Grenzen aufbricht und in der deutschen Musiklandschaft seinesgleichen sucht.

Mit einem Hinweis zu Beginn entführen uns Juli Zeh und Slut in die Szenerie von Corpus Delicti: Nur wer körperlich gesund sei und nicht unter dem Einfluss berauschender Mittel stehe, sei erwünscht. Das Mitbringen gefährlicher Gegenstände wie Messer, Bakterien oder Viren sei untersagt. Handys seien lautlos zu stellen, aber nicht abzuschalten, damit der Landesverfassungsschutz die Besitzer weiterhin orten könne. "Alles, was hier geschieht, geschieht zu Ihrem Besten." - Wir befinden uns in der totalitären Gesundheitsdiktatur des Jahres 2057. Mia Holl - verkörpert durch Autorin Juli Zeh selbst - zweifelt nach dem Selbstmord ihres zu Unrecht wegen Mordes verurteilten Bruders Moritz - dargestellt von Slut-Sänger Chris Neuburger - am allmächtigen System, hier die Methode genannt, und wird zur Staatsfeindin.

Diese Geschichte, die schon als Roman fesselnd und beeindruckend ist, wird von Juli Zeh und Slut auf der Bühne in eindringlicher Weise inszeniert. Gelesene - Erzähler aus dem Off ist hier übrigens der langjährige Toningenieur im Hause Slut - und gespielte Passagen, oft durch die Klänge der Band untermalt, wechseln sich mit den englischsprachigen Songs ab und ergeben ein absolut rundes und überzeugendes Gesamtkunstwerk. Die Musik der Ingolstädter ertönt im gewohnt rockig-sphärischen Slut-Stil, der wie gemacht dafür scheint, die klinisch-kalte Negativutopie und das emotionale Chaos der Mia Holl zu vertonen. Mit diesem Sound passen Slut hervorragend auf die große Theaterbühne und klingen - sicher auch dank der großartigen Akustik des Raumes - besser als je zuvor. Auf den Leinwänden laufen Bilder, die manchmal einfach nur dazupassen und öfter aber das Gesagte und Gesungene nochmals verdeutlichen. Eine weitere Hauptfigur des Plots, der moralfreie und systemtreue Journalist Heinrich Kramer, erscheint gar nur als Projektion im Stück.

Mit dieser vielschichtigen und auf allen Ebenen ansprechenden Darbietung schaffen es Autorin und Band, die beängstigende Vision, die in Corpus Delicti beschworen wird, sowohl intellektuell als auch emotional packend zu transportieren. Spätestens als Juli Zeh mit bebender Stimme das Pamphlet der Mia Holl vorträgt, müsste auch dem letzten Zuschauer klar sein, dass es sich hierbei keineswegs um Science Fiction handelt: "Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat." Dieses Thema ist aktueller denn je. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf lässt die Verklangbildlichung der Folter, welche die Protagonistin erdulden muss, durch alle nur denkbaren schmerzhaften Geräusche tatsächlich das Blut in den Adern gefrieren. Corpus Delicti will aufrütteln, will schockieren - und das gelingt dank der klanglichen Unterstützung noch um ein Vielfaches besser als alleine durch die Sprache.

Zum Funktionieren dieses einmaligen Projekts trägt sicher bei, dass Juli Zeh und Slut ganz offensichtlich eine Menge Gemeinsamkeiten haben. Etwa eine gute Portion Zynismus, einen gewissen Hang zum Unangepasstsein und gleichzeitig die Begabung, all das mit der nötigen Portion Verzweiflung emotional mitreißend zu verpacken. Vor allem aber beweisen Autorin und Band die Fähigkeit und den Mut, Grenzen zu übertreten und aus dem gewohnten Kontext auszubrechen. Das Ergebnis weiß zu überzeugen. Applaus für Juli Zeh und Slut. Sara Haußleiter


(25.03.2010)

 




ARTiBerlin 2010-06-07 13:06:24

Oh ja. Juli zeh und Slut: Eine schöne Symbiose!!!!
Verehrung
pur!!!

www.artiberlin.de
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