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The Cynics: München
Sunday, 04 November 2007 17:25

the_cynics_in_mnchen_www.laxmag.de

Drei Finger breit Wodka - mit einer sehr beiläufigen, sehr lässigen Geste bestellt Michael Kastelic von The Cynics noch einen Drink vor seinem Auftritt. Dieser private Einblick in die Getränkevorliebe eines Rock'n'Roll-Bandleaders ist der intimen Atmosphäre des Atomic Cafés in München geschuldet. Und Wodka ist eine gute Wahl, steht der Abend doch unter dem Motto „Get primitive". Und mit Kamillentee bekommt man das einfach nicht hin.

Zum Aufwärmen gibt es, neben Hochprozentigem, denn das ist ja nicht jedermanns Sache, ein Programm, das unmissverständlich unter dem Motto „Zeitreise" steht. Die vier heiteren Mods von Sonic Flowers aus Nürnberg orgeln, was ihre Vorbilder aus den sechziger Jahren hergeben. Klingen dabei hübsch retro, covern schon mal The Kinks und machen gute Laune. The Dadds aus Frankreich sind mit Einstecktuch und Zigarre eindeutig die Punk-Dandys des Abends. Eine Nummer härter schon als das Easy-Listening der Nürnberger, prallen ihre Achtelnoten in provokantem Kontrast auf das französische Idiom.

 

Und dann der Mann mit dem Wokda. Kastelic braucht seine Volumenprozente wahrscheinlich für das, was nun folgt. In Sachen exzentrischer Bühnenshow macht man dem schmächtigen Lockenkopf und seinem stoischen Counterpart Kostelich an der Gitarre nämlich nichts vor. Seit 1983, als noch viele der heute hippen Retro-Rocker flüssig waren, feiern The Cynics den 60er-Jahre-Stil. Gnadenlos frönen sie dem Sixties-Punk, und das heißt verzerrte Gitarren, jagendes Schlagzeug, schnörkellose Songs. Willkommen in der Garage, wo der Rock'n'Roll nie gestorben ist. Der kompromisslose Zwo-Drei-Vier-Sound des Quartetts aus Pittsburgh, Pennsylvania, lodert auch nach fast 25 Jahren noch, aber er wäre nur halb so scharf ohne den exaltierten Frontmann Kastelic. Exzess ist für den Mann mit Knast-Erfahrung kein Fremdwort. Er ist das Rock-Ekel mit der hageren Gestalt eines Rumpelstilzchens und der Seele einer Ballerina. So jedenfalls sehen seine Veitstänze im Atomic aus. Energetischer als der junge Iggy Popp und kompromissloser als Mick Jagger, der zu den musikalischen Vorbildern der Cynics gehört.

 

Mit Rumba-Nüssen und Tambourin schlägt sich Kastelic blaue Flecke auf die spindeldürren Arme, während er süffisant geziert von einer Bühnenseite auf die andere tänzelt. An seinen Beinchen beult selbst die engste Röhrenjeans aus. Er rollt epileptisch mit den Augen, verrenkt obszön die Zunge, befingert sich selbst und wenn er nicht gerade singt, heult er wie eine Sirene. Wem dieses Spektakel keine Angst einjagt, der kann den Blick gar nicht mehr davon abwenden. The Cynics prügeln unverschämt viele und schnelle und kurze Songs durch das kleine Atomic: Baby What's wrong mit Dylanesken Mundharmonika-Begleitung, das brutal eingängige What she said von der aktuellen Platte Here we are und, ganz selten, eine alte Ballade wie Blue Train Station. Die Übergänge sind fließend, Zeit zum Luft schnappen bleibt nicht. Braucht's auch nicht, denn Luft ist sowieso keine mehr da. Wer braucht schon Sauerstoff, wenn er Rock'n'Roll haben kann? (Petra Schönhöfer)


(März 2003)




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