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Fleet Foxes: Dachau
Friday, 27 May 2011 07:29

Fleet FoxesEs war mal wieder so weit: Hundertschaften pilgerten trotz Regen- und Unwetterwarnung nach Dachau um die Fleet Foxes bei ihrem ausverkauften Konzert auf dem Rathausplatz spielen zu sehen. Auch wir waren vor Ort und haben miterlebt, wie die Band aus Seattle das schlechte Wetter regelrecht weggesungen hat, denn während des gesamten Konzert fiel fast kein einziger Tropfen Regen. Drei Redakteure, drei Erlebnisberichte.

Der personifizierte Folk ist in den Augen der meisten ein bärtiger Mann mit Gitarre, gerne auch mit Holzfällerhemd, Wollmütze und großer Brille. So wunderte es auch fast nicht, dass es in Dachau am Merch-Stand ein T-Shirt des Vorsängers Josh T. Pearson zu kaufen gab, auf dem einzig und allein in klassischer Folk-Manier ein bärtiger Mann abgebildet war.

Folk ist gerade richtig angesagt und hip, weshalb es zum Konzert der Fleet Foxes vor allem den Münchner Indie-Chic raus nach Dachau auf den Rathausplatz zog, um die teils bärtigen Mannen an Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard und diversen Blasinstrumenten zu belauschen.

Die Fleet Foxes sind trotz ihres weltweiten Erfolges dankbarerweise nach wie vor unprätentiöse und nette Musiker, denen man statt auf der großen Bühne eigentlich noch viel lieber im tiefsten Wald beim vertraulichen Lagerfeuer gebannt an den Lippen hängen möchte. Der Erfolg sei ihnen aber natürlich aus vollem Herzen gegönnt, denn die schönen, hymnischen, warmen, leichten und gitarrengetragenen Melodien sind zu großartig, um im Wald zu verhallen.

Solche gab es auch am gestrigen Abend von der Band um Leadsänger Robin Pecknold zu hören, als sie ihre musikalischen Perlen wie Blue Ridge Mountains, White Winter Hymnial oder den Tiger Mountain Peasant Song vom Debüt-Album, aber auch neueres Material wie The Shrine/An Argument und als letzte Zugabe Helplessness Blues - mit meist mehrstimmigem Gesang - zum Besten gaben.

Der Ausflug hat sich definitiv mehr als gelohnt, gab es doch ein wunderbares Konzert, wider erwarten keinen starken Regenguss ("Thanks to the clouds") und auch die Apokalypse blieb aus. Christine Bulla


"Thanks to the people who live around here", bedankte sich Bassist Christian Wargo während des Konzerts und ließ den Blick über die Fassaden des Dachauer Rathausplatzes schweifen. Sänger Robin Pecknold stimmte zu: "Right, thanks to the ... no, actually, fuck them." Ob man's glaubt oder nicht, auch mit ihrer Musik sagen Fleet Foxes ziemlich oft "Fuck them", auch wenn ihr gemeinhin als sanftmütiger, schwelgerischer Folk verklärte Sound nach ihrem zweiten Album Helplessness Blues auch "Brigitte"-Leserinnen als CD-Tipp des Monats ans Herz gelegt wird. Dass Fleet Foxes keine glattpolierte Schönspieltruppe sind, zeigte sich vor allem live. Vor der Kulisse der regenschweren Dachauer Wolken ließ das Sextett ein gewaltiges Grollen und Poltern enstehen. Oft ausgehend von einem Flüstern der Stimme, Zirpen der akustischen Gitarre, Anschwellen der dreistimmigen Gesangsharmonien bis hin zum Donnern der von J. Tillmans mit Schlägeln bearbeiteten Trommelfelle.

Die Band bediente sich einer extrem breiten musikalischen und instrumentalen Palette: Mandoline und Geige, zwei zwölfsaitige Gitarren, ein achtsaitiger Bass, gedoppelt von einem Kontrabass, durchgehende Bassdrum, Fuzz-Gitarren. Beim schrägen Bassklarinetteneinsatz in The Shrine/An Argument hielt sich ein angegrauter Konzertbesucher die Ohren zu. Auf einem Fleet-Foxes-Konzert hält sich einer die Ohren zu. Dann wieder das leise Knistern der Saiten auf dem Holz der Gitarre wie bei Montezuma oder Blue Spotted Tail. Nur möglich dank der tollen Tontechnik, die es schaffte, den charakteristischen Hall des Bandsounds zu bewahren und die Musik gleichzeitig nicht verwaschen, sondern transparent und nah klingen zu lassen, selbst in den dynamischsten Passagen. Und so erlebte Dachau an diesem Abend doch noch ein Gewitter. Ein musikalisches - mit sehr leisen Zwischentönen. Christian Schober


So ein Konzert in Dachau ist immer auch eine kleine Landpartie. Man fährt mit der S-Bahn raus.  Man steigt aus der Bahn und schlendert durch ein gemütliches Städtchen vorbei an lustigen Gassennamen und skurrilen Wasserspielchen. Man kehrt traditionsgemäß noch kurz in der italienischen Eisdiele auf der Straßenkreuzung ein und holt sich eine Stracciatella-Wegzehrung vorm "Aufstieg" zur Altstadt. Und wenn man die ehrwürdige Kulisse zum Marktplatz hinaufschnauft, nimmt man sich jedes Mal aufs Neue vor, vorm nächsten Open Air in Dachau das Schloss zu besuchen und bei Föhn bis nach München zu blicken.

Und wenn man dann den Marktplatz erreicht hat, staunt man einmal mehr, was für eine schöne Location es doch ist, für ein Open Air Konzert, wie jenes, das man freudig erwartet. Und gleichzeitig ist klar: Hier kann nicht jeder spielen. Die Fleet Foxes können da spielen. Und als der erste Ton von The Cascades erklingt, ist das wie ein Sog, der einen mit jedem weiteren Song (Grown Ocean, Battery Kinzie, Simsala Bim, Tiger  Mountain Peasant Song, Ragged Wood, White Winter Hymnal, Montezuma und und und) tiefer in eine Traumwelt zieht, die aus Gewitterwolken, Schlosskulisse, Altstadtromantik, und folkigen Akustikgitarrenklängen besteht. Und wenn die schräg-schönen (Dis-)Harmonien der zum kaputt gehen talentierten Band ertönen und Mütter erschrocken ihre Teenkids anschauen, ob das jetzt so gehört, dann breitet sich eine Weisheit über dem Publikum aus: Auch die bedrohlichen Wolken werden sich nicht trauen, diese Atmosphäre zu zerstören. Eva Deinert / Fotos: Rebekka Schwarz




Andreas 2011-05-27 23:15:05

Spiegel online schrieb vorgestern über ein Konzert der Fleet Foxes in Berlin
und bediente reichlich Klischees - von Wollmützen und zotteligen Bärten bis
hin zum Publikum, in dem der Autor allerlei von der Wirtschaftskrise gebeutelte
Selbstfinder wähnte. Kommentare im SPON-Forum berichten offenbar von einem ganz
anderen Konzert und zwar ohne den dort sonst so üblichen Welterklärer-Duktus,
was die Einträge nicht nur sympathisch sondern auch glaubhaft macht.
Klischees
erfüllt auch dieser Text. Da tauchen auch wieder die Wollmützen auf und die
Bärte, statt arbeitsloser Medienleute aber der Münchener Indie-Chic. Es ist
vielleicht chic, den Chic herbeizuschreiben, aber hey, Christine Bulla, da waren
allerhand angegraute Damen und Herren, sogar ein Schulkind (das mit Tränen in
den Augen sachte von der Mama aus dem Auditorium geschoben wurde, als es nach
dem ersten Song etwas lauter wurde). Um mich herum erstaunlich text- u...
Dominik 2011-05-28 10:15:31

@Andreas: Danke für deine ehrliche Meinung. Bei Konzerten, die der
Redaktion sehr am Herzen liegen, machen wir für gewöhnlich einen kleinen
Familienausflug und lassen alle Redakteure schreiben. Auch hier wieder: drei
Redakteure, drei Meinungen. Als du dein Kommentar in die Tasten gehauen hast,
haben noch zwei Texte gefehlt, die nun drunter hängen - vielleicht sprechen sie
Dich ja mehr an
Max 2011-05-31 16:39:56

Fand es eher respektlos gegenüber der Band, dass die meisten Zuschauer
ununterbrochen geredet haben und man extrem abgelenkt wurde.
Warum geben diese
Menschen 30€ für ein Ticket aus, nur ihm zu palavern? Muss doch nicht sein.
Judith 2011-05-31 18:47:27

Christian, toller Bericht!

ABER: Was ist denn mit der Seite passiert???Hier
findet man ja gar nix mehr!
Dominik 2011-05-31 21:37:46

was findest du nicht mehr?
Andreas 2011-06-01 00:56:05

Ups, jetzt sehe ich ja erst, dass mein Kommentar abgeschnitten ist. Bloß gut,
dass der Rest noch in der Cloud liegt - kopiere ich hier nachher noch rein. Ich
halte es mit Christian Schober, der wirklich eine sehr hübsche und treffende
Konzertkritik verfasst hat, die glücklicherweise die chicen Indies und die
lustigen Gassennamen (sorry, Ladies!) außer acht ließ. Was MAx im Kommentar
schreibt ist mir tatsächlich auch aufgefallen - hatte ich wohl nur verdrängt:
Etwas viel Geplapper. Vielleicht doch zu viel chic in Dachau!?
des ganz oben begonnen Kommentars 2. Teil
Andreas 2011-06-01 00:58:03

Um mich herum erstaunlich text- und tonsichere Mannsbilder, deren offensichtlich
tiefe Kenntnis des Fleet-Foxes-Werkes in mir das Gefühl maximal möglicher
Unvorbereitung wachsen ließ – und damit auch eine gewisse Scham, denn mehr
als sachtes Mitwippen konnte ich beim besten Willen nicht bieten. Also vergesst
das mit dem Indie-Chic, das waren zum Teil kulturbeflissene Dachauer, die
meinten, ihrem Nachwuchs was gutes zu tun oder wirkliche Fans, die genau wissen,
was sie bei einem Fleet-Foxes-Konzert erwartet.
Diese Erwartungshaltung wurde
voll bedient – und das fehlt mir leider völlig in dieser (und auch in der
SPON-) Einschätzung. Die Fleet Foxes geben in ihren Konzerten ihrer Musik den
Druck, das Schroffe und die Energie, die beim Abspielen ihrer CDs oder LPs unter
normalen Umständen der Zimmerlautstärke zum Opfer fällt: Der niedliche
Harmoniegesang der Konserve geriet in Dachau (und wahrscheinlich auch in Berlin)
und der dritte Teil ...
Andreas 2011-06-01 00:59:02

Der niedliche Harmoniegesang der Konserve geriet in Dachau (und wahrscheinlich
auch in Berlin) zum eigentlichen Statement. Wenn die glasklare Stimme Robin
Pecknolds an ihren Grenzen eine Andeutung von Kratzen hinterlässt, reißt es
das Publikum spontan zu Applaus hin. Die akustische Gitarre wirkt live
regelrecht ungezogen, die Drums in ihrer Dynamik aggressiv, selbst der
Schellenkranz weiß, wie er dem ganzen wohltemperierten Krach noch eine Spitze
mitgeben kann. Das erstaunlichste aber ist, dass Pecknold live noch klarer und
verständlicher rüberkommt als auf Studio-Aufnahmen.
Dass die dunklen Wolken
rund um Dachau ihr drohendes Unwetter erst lange nach dem Konzert entluden, hat
in der Tat etwas Magisches. Sie haben wohl auch einfach mal zugehört und
darüber ganz vergessen, was ihre eigentliche Bestimmung ist. Ganz ohne chic.
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