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Teitur: München
Saturday, 29 March 2008 17:56

Minimalisitisch großartig: Teitur
Wie sagt man so schön: „It's the singer not the song". Teitur scheint sich diese gute alte Rock ‘n' Roll-Binsenweisheit zu Herzen genommen zu haben und hat sein eben erschienenes Album The Singer mit sparsamen Kompositionen und Riesenraum für Stimme gefüllt. Im Ampere zeigte der Färinger, wie schön minimalistisch die frischen Songs auch live funktionieren.

 

 

Helgi Jónsson, ein schmaler blonder Isländer aus Reykjavík , spielt nicht nur Posaune und Gitarre in Teiturs Band, sondern supportet seinen Chef auch gleich mit seinen eigenen Songs. Mit getragenen, weiten Melodiebögen in Zeitlupe herausgehaucht von einem zerbrechlichen Falsett liefert er genau das, was man sich seit Sigur Rós so gerne unter isländischer Popmusik vorstellt. Damit's dem Publikum nicht zu melancholisch um's Herz wird, präsentiert Helgi noch sein astreines Österreichisch, das er sich während seiner Studienjahre in der Alpenrepublik drauf geschafft hat, und freut sich „dass da Teitur mir immer seine Instrumente ausborgt." Ein perfekter isländischer Eisbrecher.

 

Auch als Teitur mit seiner fünfköpfigen Band die von zwei weißen 2,50-Euro-Ikealampen eingerahmte Bühne betritt, fühlt man sich zunächst an Sigur Rós erinnert. Mit weißem Hemd, dunklen Hosenträgern und einer 30er-Jahre-Gitarre schlurft der Sänger wie ein amerikanischer Hobo scheu auf die Bühne, greift zu einem Geigenbogen und kratzt die ersten Takte von Guilt by Association aus seinen Basssaiten. Die dunkle Moritat von zwei gelangweilten Freunden, die eines nebelverhangenen Tages vermeintlich auf einen Hund schießen und einen Menschen töten, legt gleich mal die Themen und Stimmungen der neuen Songs fest. Wie in dieser Geschichte, die Teitur seit seiner Kindheit im Kopf hing, geht es jetzt mehr um die großen existenziellen Erfahrungen zwischen Leben und Tod, statt um die kleinen, emotionalen „Morde" durch Liebeskummer oder Selbstzweifel wie in den Songs auf seinen ersten Alben.

 

Noch drastischer und tragischer trifft der Tod in Legendary Afterparty, einer autobiografischen Erinnerung an Chris Whitley. Der texanische Bluessänger, der es in Europa nie über den Kultstatus hinaus schaffte, starb vor drei Jahren mit 46 Jahren. Teitur erzählt von einem letzten bierseligen Abend mit Whitley auf einem versifften Hotelflur, wo er seinem Freund attestiert: „You rolled those cigarettes like you've been to war", eine Zeile, bei der sich gleich doppelte Gänsehaut einstellt, wenn man sich daran erinnert, dass Whitleys Todesdiagnose Lungenkrebs war.

 

Einem anderem seiner Musikhelden, nämlich Louis Armstrong, huldigt der Sänger im swingenen Louis, Louis von seinem letzten Album. Auch weitere alte Favourites wie I Run the Carousel, Josephine, One And Only und I Was Just Thinking - angekündigt als "the most famous of all Teitur songs" - holt er noch mal raus. Zwischendrin rockt's auch mal ganz ordentlich wie mit Catherine the Waitress und Hitchhiker. Neben den Songs des neuen Albums wirken viele dieser bekannten runden kleinen Melodien im ¾-Takt wie knallbunte, zuckersüße amerikanische Kaubonbons. The Singer dagegen ist genau wie diese steinharten, bitteren dänischen Lakritzbrocken, an denen man sich erst mühsam abkauen muss, bevor sich eine Fülle von faszinierenden Aromen entfaltet. Atmosphärisch dicht ziehen sich Teiturs neue Geschichten rhythmisch frei dahin, oft nur getragen von einem gestrichenen Kontrabass oder wie im Albumtiteltrack The Singer gleich komplett a capella. Als „nordic sounding", „theatrical" und „dramatic" beschreibt der Künstler selbst seine Songs, die in diesem Kammerkonzert so extrem sparsam, zart und vor allem leise erzählt werden, dass man am Ende des Abends genau sagen kann, wieviele Bierflaschen im Club zu Bruch gingen. (Christian Schober)


(28.03.2008)




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