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Young Knives: München
Saturday, 26 April 2008 03:12

Young Knives in Aktion
Spricht man oft von "verkannten Filmen" und möchte so extrem gute, aber für das große Publikum doch uninteressante Streifen loben, so kann man definitiv von einem verkannten Konzert sprechen, wenn es um den Auftritt der Young Knives an diesem Aprilwochenende im Backstage Club geht. Glücklich, wer sich an die Outskirts der Münchner Innenstadt gewagt hat, um die Lieder des neuen Albums der Briten live zu erleben, viele waren das allerdings nicht.

 

 

 

Viertel vor acht stehen sieben Leute im kleinen und pornomäßig rot ausgeleuchteten Backstage Club. Vor lauter Verwirrung, ob hier heute wirklich ein Konzert statt findet oder das ganze doch verlegt wurde, holen sich die meisten noch ein zweites Bier. Es läuft eine alte CD von den Refugees - das verwirrt noch mehr. Viertel nach acht ist dann schließlich genug Publikum anwesend, dass es sich für die spontan eingewechselte Vorgruppe Kafkas Orient Bazaar aus München lohnt, zu beginnen. Da die Jungs demnächst bei Pro7s "Das Model und der Freak" schüchternen Losern Coolness beibringen werden, ist klar, dass sie auch auf der Bühne ein gutes Bild abgeben. Ihre Musik ist ein ziemlich ansprechender Mix aus Indie mit viel Punk (also laut) und dem richtige Maß an „wild und unverfälscht“. Songs wie Festival oder Yazar überzeugen mit deutsch-englisch-türkischen Texten. Das Debütalbum It Could Be Dangerous gibt es übrigens bei Last.fm als Kostenlos-Download - nicht verpassen!

 

 

Diesen Charme von jungen Draufgängern brachte der Hauptact dann allerdings nicht mit. Auf den ersten Blick würde man vielleicht denken, die Jungs von Kafkas Orient Bazaar könnten bei den Young Knives gleich anfangen mit einem Kurs in Sachen „Rockstarlook“. Dabei haben die Briten bereits vor einiger Zeit ihre obligatorischen Tweedanzüge und auch das "The" vor ihrem Bandnamen abgelegt. Allerdings trugen sie auch für dieses Konzert pastellfarbenen Hemden und Krawatten. Die Bäuche von Sänger und Gitarrist Henry Dartnall und seinem Bruder Thomas alias "The House of Lords" (Gesang, Bass) schauten auch ein Stück über den Gürtel hervor, daher zogen sich die beiden auch während des kompletten Konzerts gegenseitig wegen ihres Gewichtes auf. Schlagzeuger Oliver Askew hingegen setzte sich bewusst durch seinen ziemlich langen und vollen Bart von den Brüdern ab, die manchmal ein bisschen wie das britische Künstlerduo Gilbert & George wirkten. In Interviews betont die Band auch des Öfteren ihre Abneigung gegenüber poshen Schickos, Standards wie den Beatles und London mögen sie eigentlich auch nicht. But: Never judge a book by its cover. Der Nerd-Style mag zwar genauso aufgesetzt sein, die Musik ist es jedenfalls nicht.

 

Vor einem Publikum von circa fünfzig Leuten – eine Mischung aus gemäßigten Exzentrikern, Briten, Indiekids und den Five Fast Hits - legten die Young Knives mit dem Song She’s attracted to von ihrem Debüt Voices Of Animals And Men (2006) los. Darauf tauchten sie mit den zwei großartig dynamischen Songs Counters und Light Switch tief in ihr brandneues Album Superabundance (VÖ: 28.04.08) ein. Von einem Highlight zum nächsten geht es dort, egal ob die Singleauskopplung Terra Firm, Turn Tail (in einer Kirche mit Orchester aufgenommen), Up All Night oder Fit4U, alle Lieder haben eine mitreißende Dynamik. Diese haben auch die ruhigeren Titel wie Dyed In The Wool und Current of the River, die live nicht mit weniger Elan vorgetragen werden. Man kann durchaus sagen, dass das "gefürchtete zweite Album" die hohe Qualität des Erstlings sogar noch übertrifft. Neben der Songentwicklung on Tour fanden die Aufnahmen selbst in einem ruhigen Studio in Schottland statt. Vielleicht sind daher die Melodien so gut durchdacht, einige Stücke sehr komplex und werden wohl aus diesem Grund auch oft "eigenwillig" genannt. Nicht immer klingt das harmonisch, die Young Knives kultivieren ihre (Stil-)Brüche, die aber immer sinnvoll sind und nicht nur for the sake of it. Superabundance ist ein Album zum immer wieder hören, aber vor allem zum live genießen.

 

Die Videos der drei ließen im Vorfeld bereits auf eine lockere und unterhaltsame Bühnenshow schließen. Diese Erwartung wurde dann auch nicht enttäuscht. Humor haben sie definitiv, ziemlich britischen noch dazu. Irgendwie will einem Monty Python da nicht so ganz aus dem Kopf gehen (auch wegen des Schlangenmotivs auf den Merchandiseprodukten). So meint Sänger Henry z.B. sehr lakonisch, sie würden sich ihre Songs ohnehin nur aus Erfolgsliedern zusammenklauen. Diese "haha, alles lustig und total egal“-Einstellung täuscht allerdings nicht wirklich darüber hinweg, mit welcher ernsthaften Leidenschaft die Briten Musik machen. Dazu ist diese auch viel zu authentisch und gut, auch wenn das Album ab und an nach The Coral klingt.

 

Bei soviel Amüsement, musikalischen Mut und Originalität kam natürlich schnell Stimmung auf und so ernteten die Young Knives am Schluss auch viel Beifall und Lob. Sänger Henry bestätigte dann leider, dass in keiner Stadt ihrer Deutschlandtour so wenig los war, wie an diesem Abend in München. Er habe aber trotzdem unglaublich viel Spaß gehabt, der Backstage Club auf jeden Fall auch. Die ungeheure Power hätten die drei Herren im Geek-Style auch für vier Leute entwickelt, daran besteht wohl kein Zweifel. Ein dankbares Publikum freut sich daher schon auf die Rückkehr der Young Knives im Oktober. Dann hoffentlich vor mehr begeisterten Liebhabern des erwachsenen Indierocks. Und das ist jetzt ein ernst gemeinter Aufruf! Wie auch Superabundance an dieser Stelle mit viel Nachdruck ans Herz gelegt sei. Mirjam Miethe


(25.04.2008)

 




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