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Einstürzende Neubauten: München
Monday, 19 May 2008 12:51

Klaut vom Bau: Blixa Bargeld
Wenn die Bühne des Münchner Muffatwerks ausschaut wie das Versuchslabor von Daniel Düsentrieb, wenn von den hohen Wänden der Bass zurück dröhnt, dass es unter der Schädeldecke kitzelt, wenn sich der apokalyptische Schrei einer tiefen Männerstimme über alle dem erhebt, sind sie in der Stadt: die Einstürzenden Neubauten, Berliner Industrial-Legende rund um den Hohepriester der deutschen Musik-Avantgarde, Blixa Bargeld.

 

 

Die Anekdoten um die Musik-Dadaisten von der Baustelle sind vielfältig. „Sei schlau, klau vom Bau!" sei die Devise der ersten Konzerte 1980 gewesen, die zu dem Markenzeichen der Neubauten, den aus Schrott selbst zusammen geschraubten Instrumente geführt habe. Diese Band hat in ihrem fast dreißigjährigen Bestehen trotz vehementer Experimentierfreudigkeit und kommerzieller Sperrigkeit dafür sorgen können, dass sich Name und Logo in die Musikbranche einbrannten. Das ist kein kleines Kunststück.

 

Die Ehrfurcht ob der deutschen Musiklegende wird einem mit Getöse und gehöriger Lautstärke aber schnell aus dem Leib getrieben. Das Spektakel nimmt bald gefangen, alle Wahrnehmungskanäle staunend weit geöffnet. Alles ist offen ist passender Weise auch der Titel des neuen Albums, das in dem Ruf steht, die bisher persönlichste Platte der Neubauten zu sein. Das hackende WeilWeilWeil, das sich im Hirn einnistet, und das wummernde Let's do it da da, das epische Unvollständigkeit, die zärtliche Ballade Sabrina, Die Befindlichkeit des Landes und Ich warte zeugen von einem Blick zurück, von Ortswechseln, Veränderung, Verlust und Vanitas als den Hauptmotiven des aktuellen Albums.

 

Obwohl sich die Band mittlerweile von ihrem anfänglichen Sensationalismus losgesagt haben will, ist der Bühnenaufbau in München durchaus sensationell zu nennen. Es geht tatsächlich zu wie auf einer Baustelle: Am Schlagzeug werden Kreissägeblätter statt Trommelfelle ausgewechselt, Metallspiralen und Nockenwellen zeigen computergenerierten Effekten, wo der Vorschlaghammer hängt. Umbauten wie auf der Theaterbühne machen schwarz gekleidete Helfer nötig, und als Höhepunkt des Songs Unvollständigkeit fallen hunderte Aluminiumstäbchen aus einer Baggerschaufel auf ein Klangblech.

 

Der Krach ist bisweilen kolossal, brachial, und doch auch gleichzeitig unter Kontrolle. Organisch, hypnotisch verweben sich die Soundeskapaden. Frontmann Blixa Bargeld wacht mit massiver Gestalt und charismatischer Bühnenpersönlichkeit darüber. Beim Singen schließt er die Augen oder spannt den beeindruckenden Stiernacken zum Schrei an, umschreibt mit schmeichelnden Handbewegungen die Texte seiner Songs auch gestisch. "Ich habe mit dem Urtext selbst einmal gebadet," heißt es da bescheiden, oder, humoristisch: "Ich lebe von der Belegschaft meiner Zunge." Bargeld ist und bleibt der Meister des verzwirbelten Erzählstils in der deutschen Musik.

 

Das Publikum in der Muffathalle setzt sich hauptsächlich aus Mitdreißigern bis Mitvierzigern zusammen, hoher Männeranteil. Viele Fans sind auf den ersten Blick den Klischees entsprechend einzuordnen: Sozialarbeiter, Kunstpädagogen, Aussteiger, Lebenskünstler. Die Einstürzenden Neubauten sind anscheinend Rammstein für Linksintellektuelle. Zuckender Ausdruckstanz ist deren Mittel, Begeisterung auszudrücken angesichts der großen Neubauten-Klassiker wie Halber Mensch. Die sporadisch anwesenden Punks, die Blixa aus Prinzip verehren, schauen eher gelangweilt aus der Wäsche, denn der Punk war eigentlich nur die frühe Wurzel der Band, aus der sie schnell in eigene kreative Sphären wucherte: Theater, Kunst und Hochkultur durften sich immer wieder über die musikalische Begleitung durch Blixa und Konsorten freuen. „Das ist schon ein bissl Mainstream," drückt ein junger Mann mit Irokesenhaarschnitt seine Ratlosigkeit am Ausschank aus.

 

Wie geläutert, mit großer Ruhe, geht man paradoxer Weise aus dieser wüsten Happening hervor, das der Wahrnehmung einiges abverlangt hat. Aber heißt es nicht auch, Gewitter reinigen die Luft? Gegen den Abend mit den Einstürzenden Neubauten war das anschließende Sommergewitter in München jedenfalls eine schwache Vorstellung. (Petra Schönhöfer)


(17.05.2008)




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