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Atomic: "Bei Pete Doherty war ich nicht nervös"
Sunday, 25 May 2008 16:52
Bleiben immer cool: Atomic
Atomic haben mit ihrem im April erschienenen zweiten Album Coming Up From The Streets ein angenehm trendverachtendes Britpop-Spätwerk veröffentlicht, das ihnen prompt einen Support-Slot für die Österreich-Tour der Babyshambles einbrachte. Im Interview erklärt Sänger Thomas Marschel, wie es seine Band vom tiefsten Bayerischen Wald bis in den CD-Wechsler von Noel Gallagher schaffte.

Ihr spielt heute Abend im Atomic Café, dem Club, nach dem ihr eure Band benannt habt und wo ihr bereits unzählige Auftritte gespielt habt. Welche Erinnerungen verbindet ihr mit dem Atomic-Café?

 

Marschel: 1997, als das Atomic Café erst zwei, drei Woche auf hatte, waren wir im Münchner Stromlinienclub beim Konzert von Ocean Colour Scene. Dort hat uns ein Mädel erzählt: „Hey, da gibt's einen neuen Club, da wird nur Brit-Pop aufgelegt. Das ist genau euer Laden." Wir sind hingegangen, und da war eine riesige, 100 Meter lange Schlange, bis ganz runter zur Polizei. Natürlich sind wir nicht reingekommen an diesem Abend, aber wir haben uns davor hingesetzt und eine geraucht. Wir suchten zu der Zeit gerade einen Bandnamen. Unser damaliger Bassist las das Schild „Atomic Café" und schlug den Namen „Atomic" vor. Wir fanden den Namen gut, weil er kurz war, einfach zu merken, und cool klang. In den Wochen danach sind wir immer öfter reingegangen. Die haben eben damals unsere Musik gespielt: Oasis, Blur, Suede, Pulp. Deshalb ist das Atomic für uns und für unser Leben der wichtigste Club. In meinen Augen ist es auch der beste in ganz Deutschland.

 

Euer aktuelles Album „Coming Up From The Streets" habt ihr - was mittlerweile ungewöhnlich ist - auch auf Vinyl veröffentlicht...

 

Marschel: ...wir Angeber.

 

Wieso habt ihr darauf Wert gelegt?

 

Marschel: Für uns ist das ganz klar: Jeder Musiker, der ein Album rausbringt, denkt sich immer: „Mensch, wär das geil, unser eigenes Album auf Vinyl draußen zu haben." Dann haben wir einfach mal ein paar Labels angeschrieben, ob sie Interesse hätten , und Rookie Records aus Köln hatten Lust dazu. Wir sind natürlich total stolz, jetzt die Vinyl-Platte in der Hand zu halten. Es ist auf jede Fall eher eine private Vorliebe aber auch eine Prestige-Sache. Es geht uns natürlich auch um den Klang. Als ich das neue Album bekam, hab ich zuerst die Platte aufgelegt, nicht die CD.

 

Seit dem letzten Album gab es große personelle Veränderungen in eurer Band. In welche Richtung haben die drei neuen Mitglieder an Bass, Gitarre und Schlagzeug eure Musik auf der aktuellen Platte beeinflusst?

 

Marschel: Unsere Band ist jetzt viel eingeschweißter als vorher, viel mehr beeinander. Die neuen drei sind viel professioneller. Die sind pünktlich, die stehen hinter dem Ganzen ohne Ende. Früher hatten wir einen Schlagzeuger, der ständig Red Hot Chilli Peppers hörte, und der Bassist war ein totaler Punkrocker, der immer im Punkschritt auf der Bühne stand, was mir nicht wirklich gepasst hat, wenn ich ehrlich bin. Den drei neuen Jungs hast du auch nicht sagen müssen: „Zieh dir doch mal `ne Lederjacke an." Die waren schon so. Die haben wir schon so perfekt gekauft.

 

Wenn ihr auf eure Einflüsse angesprochen werdet, nennt ihr einerseits Bands aus den 90er Jahren wie Oasis oder Stone Roses andererseits aber auch britische Bands einer jüngeren Generation wie die Arctic Monkeys oder Babyshambles. Was sind eurer Meinung nach die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Generationen und wie hat das eure Musik beeinflusst?

 

Marschel: Die sind einfach nur jünger (lacht). Nein, eigentlich finde ich die neuen Bands ein bisschen mehr punkig angehaucht, schneller als die 90er-Jahre-Brit-Pop-Bands, aber im Großen und Ganzen sehe ich da keinen großen Unterschied. Eigentlich sind für mich die Babyshambles, Mando Diao und Arctic Monkeys die härtere Fortführung des Brit-Pop. Denn ich bin mir sicher: All diese Bands, die wir gerade aufgezählt haben, hätte es ohne Oasis nie gegeben. Denn Anfang der 90er war der Gitarren-Rock oder Gitarren-Pop tot, wenn man ehrlich ist. Natürlich gab's Nirvana, aber der Rest war Schrott. Für mich gibt's da jedenfalls eine klare Kontinuität zwischen den aktuellen Bands und denen der 90er.

 

Wie wichtig ist euch die Anerkennung seitens britischer Bands, Musiker und Fans?

 

Marschel: Natürlich baut uns das immer noch ein bisschen mehr auf, als wenn jetzt beispielsweise der Sänger von Tocotronic sagt, wir wären geil. Das freut uns natürlich ohne Ende, weil Tocotronic eine tolle Band ist. Aber es baut mich mehr auf, wenn meine Vorbilder wie Paul Weller oder Noel Gallagher, denen ich nacheifere, sagen, Atomic wär cool. Oder wenn der NME über uns schreibt, find ich's auch genial, was bei unserer Demo-Ep „Big Issue" der Fall war. Die CD wurde mit Foto und allem drum und dran besprochen, die haben uns zwar voll fertig gemacht, aber das war mir scheißegal. Der NME gab ja schließlich auch „Morning Glory" von Oasis nur drei von zehn Sternen. Es ist uns auf jeden Fall wichtig, dass wir auf der Insel auch Anerkennung haben, wir freuen uns auch, dass unser neues Album bei einem britischen Label rauskommt. Wir sind stolz, dass wir da jetzt einen offiziellen Release haben.

 

Du hast schon deine Vorbilder wie Paul Weller und Pete Doherty angesprochen. Im Gegensatz zu vielen Bands, die sich auch auf diese Künstler beziehen, habt ihr sie teilweise schon persönlich kennen gelernt, beispielsweise auf der Supporttour für die Babyshambles in diesem Jahr. Wie waren denn diese Begegnungen?

 

Marschel: Mit den Babyshambles auf Tour war's natürlich voll gigantisch, denn der Typ ist zur Zeit der Indie-Gott. Aber wenn ich das mit Paul Weller vergleiche: Als wir den supportet haben, war ich richtig nervös, bei Pete Doherty war ich, wenn ich ehrlich bin, nicht nervös. Weil für mich als Musiker Paul Weller natürlich viel viel mehr wert ist und einfach viel mehr gerissen hat. Pete Doherty muss sich erst noch über Jahre hinweg beweisen, ob er wirklich diese Rocklegende ist. Er macht zwar geniale Musik, „Shotter's Nation" ist ein Hammer-Album, was ich anfangs gar nicht so gedacht hätte, ich hatte nur die Singles gehört, die geil waren. Erst als der Support reinkam, hab ich mir seine Alben wirklich angehört, und Pete Doherty ist wirklich ein genialer Musiker. Aber Paul Weller ist in meinen Augen einfach eine viel geilere Sau. Mit Doherty war's dafür witziger. War echt gigantisch, könnt ich jede Woche haben.

 

Ihr kommt aus der Kleinstadt Furth im Wald. Hat es diese Herkunft für euch schwerer gemacht?

 

Marschel: Überhaupt nicht. Klar hat man viele Vorteile, wenn man aus der Großstadt kommt. Man geht in den Club, gibt dem DJ die CD und wird so viel schneller wahrgenommen. Wenn du in irgendeinem Gasthof im Bayerischen Wald ein Konzert gibt's, kräht natürlich kein Hahn danach. Aber wir haben das als Motivation gesehen. Es hieß immer, nur Bands aus München, Berlin und Hamburg könnten's schaffen, aber wir haben gezeigt, dass man aus dem letzten Bauernloch auch was reißen kann, sogar teilweise mehr als die Bands aus der Großstadt. Sag mir eine Band, die Babyshambles und Paul Weller supportet hat, die im NME war und über die Noel Gallagher gesagt hat: „Ich hab die CD zuhause im meiner Küche im CD-Wechsler." Unsere Herkunft empfanden wir also nicht als Hinderniss, sondern vielmehr als zusätzliche Motivation.

 

Bei Thomas Marschel von Atomic bedankt sich für das Interview: Christian Schober

(2008)




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