Er gilt als Großvater des Punkrock, mit unbändigem Mundwerk und dem Sexappeal einer Gottheit: Billy Idol. Doch seit den Achzigern sind viel Zeit und Drogenexzesse vergangen, Musiker wie Fans sind älter und scheinbar anständiger geworden. Was das für ein Konzert des Altpunkers bedeutet, weiß Petra von LAX. Sie war beim Konzert auf dem Tollwood Festival in München mit dabei und schafft Spekulationen Klarheit.
Zum Reinhören: White Wedding
In millionen kleiner Bahnen rinnt das Kondensat an den Zeltplanen hinunter. Draußen Sommerregen, drinnen die Leiber vieler erhitzter Rockfans, das schafft ein einzigartiges Klima in der Saturn Musik Arena auf dem Münchner Tollwood Festival. Es ist stickig, und wir warten. Warten auf den „rude dude“, auf den Mann mit der gekräuselten Oberlippe, auf Billy Idol. Mainstream-Punk und Popikone der achtziger Jahre, der zur Zeit mit seiner Best-of-Tournee durch die Lande tingelt.
Da man sich in der Menge mittlerweile sowieso nicht mehr rühren kann, vertreibt man sich am besten die Zeit damit, das umstehende Publikum zu beobachten und zu belauschen. Irgendwie ist es merkwürdig, dass hier tatsächlich einige Menschen mit weißen Hemden, in Cashmere und mit Perlenketten ihren Platz gefunden haben. Ziemlich weit vorne steht eine Frau im Bürochic mit neckischen weißen Fellbommeln im Haar, die aussehen wie die Genitalien eines Kaninchens. Haben all diese Menschen in jungen Jahren schon mal mehr Rock’n’Roll gesehen? Unter vierzig ist im Zelt auf jeden Fall kaum jemand.
Wo wir beim Alter wären: Direkt neben mir wird diskutiert, wie alt denn der ewige Prinz des trashigen Party-Punks sei. Er könne altersmäßig wahrscheinlich der Sohn von Tina Turner sein, so mein Nachbar. Schlagfertiger Einwand von irgendwo weiter hinten: „Aber dann wär’ er ja ein Neger!“ Die Schätzungen gehen von 46 bis etwa 60 Jahre. Ich bin vorbereitet und weiß es: Jahrgang 55 ist Billy Idol, der „Wasserstoff gebleichte Alptraum eines Rockers“, wie ihn eine Musikzeitschrift mal nannte. Außerdem hat er ein Philosophiestudium abgebrochen, bevor er seine erste Punkband Generation X gründete. In den Achtzigern war er zuverlässiger Hitfabrikant in Sachen Eigenmarke, die neunziger Jahre haben ihn trotz schwerem Motorradunfalls und Heroin-Überdosen nicht umbringen können. Letztes reguläres Album mit Titel „Devil’s Playground“ erschien 2005.
Nun betritt er die Bühne, viel unscheinbarer als man sich ihn vorgestellt hat: kleiner, nicht eben schrill gekleidet und vor allem: weniger blond! Erwartet hatte ich einen platinblonden Paradiesvogel. Die Realität ist eher straßenköter-hellbraun in schwarzer Standard-Stretchhosen. „Tonight is all about hits,“ hört man ihn noch mit beeindruckend tiefer und rauer Stimme sagen, und wie er so los legt, ist das kein falsches Versprechen. Der Einstieg mit Cradle of love ist noch sanft gewählt, schnell steigert sich die Dramaturgie jedoch zu Dancing with Myself und White Wedding. So geht es von Flesh for Fantasy über To be a lover zur Ballade Eyes without a face. Nicht minder erfolgreich waren seine Cover wie LA Woman von den Doors und Mony Mony von einer längst vergessenen Beatband. Vorläufiger Höhe- und Endpunkt des regulären Konzerts nach etwa zwei Stunden ist Rebel yell. Die Sache wird fast unheimlich. Wieviel Top-Ten-Gassenhauer kann ein menschliches Wesen eigentlich produzieren?
Zu sagen, dass der alternde Billy Idol wie ein Orkan auf die Bühne stürmt, wäre übertrieben. Vor allem am Anfang seiner Show wirkt er zurück genommen, reckt nur zögernd die rebellische Faust und muss aufpassen, dass er sich nicht von Gitarristenlegende und Wegbegleiter Steve Stevens die Schau stehlen lässt. Auffällig sind auch die Pausen, die ihm die Soli seiner Band immer wieder bescheren und in denen er hinter die Bühne verschwindet. Haben die Drogenexzesse und der beinah tödliche Verkehrsunfall doch ihre Spuren hinterlassen? Einen etwas anderen Eindruck gewinnt frau, als die ersten Kleidungsstücke fallen. Beachtlich muskulöse Oberarme im Muscleshirt, ein tadelloser Waschbrettbauch, der nicht geschminkt sein kann. Über fünf Mal wechselt Billy Idol an diesem Abend die Klamotten. Die beste Figur macht er im weit aufstehenden roten Hemd, Blondinen können eben gut Rot tragen. Bis zu seinen frenetisch gefeierten Zugaben schafft Billy Idol es dann doch, ein bisschen die Rock’n’Roll-Sau raus zu lassen. Er hüpft und springt und besteigt die Monitore, um den Fans seinen verschwitzten Luxuskörper zu präsentieren. Das ist der Moment, wo Zurückhaltung völlig fehl am Platz wäre und das ganze Zelt selig mitsingt: „Hot in the city, hot in Munich tonight.“ (Petra Schönhöfer)
Schulzkowski is super unbedingt mehr davon
Noch was zum Thema: http://likeitis93.blogspot.de/2012/03/save-olli-schulz.html
diese kritik ist sehr schön, weil sie sich ausnahmsweise mal nicht schema f<...
und was war besonders? Welche Songs in der Setlist? Wie viele Instrumente
Für diejenigen, die es interessiert: Ich hab auf meinem privaten Blog noch e...