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Fest van Cleef 2008: Mannheim
Saturday, 26 July 2008 22:42

Das Grand Hotel zu Gast in Mannheim
Dem anspruchsvollen Individualisten ist Mannheim nicht unbedingt als das Mekka des Indie-Rock’n’Rolls bekannt, oder vielleicht sogar überhaupt nicht. Aber neben dem Spongebob Schiff, das im Rahmen der Nickelodeon Ahoi Tour am Mannheimer Rheinufer angelegt hatte, gab es am letzten Juli Wochenende noch ein paar andere Gründe sich auf den Weg in diese Stadt zu machen. Die da wären: Ghost of Tom Joad, Niels Frevert, I am Kloot, Robocop Kraus, Tomte und Kettcar – zusammengenommen das Lineup der diesjährigen Tour des Hamburger Labels Grand Hotel van Cleef.

 

Tagesfestivals a la MTV Campus Invasion finden mitunter an nicht ganz so einladenden Locations statt. Doch die erste Station des Fest van Cleefs 2008 auf dem Alten Messplatz in Mannheim trumpfte mit einem gewissen improvisierten Charme auf. Der betonierte Platz mit diversen Springbrunnenquellen und dünnen Bäumchen war zur restlichen Stadt hin blickdicht umzäunt und so schufen die Veranstalter eine in sich geschlossene kleine Indie-Oase. Zur Freude aller war das Wetter an diesem Freitag auch noch bestens, aber Matsch hätte es auf dieser Steinwüste ja ohnehin nicht gegeben. Auch die Musikpausen ohne Zelt und eigenen Grill im Hintergrund ließen sich gut verbringen. Wie auf einem Stadtfest eben mit Schauen, Essen und Chillen. Vor allem um das leibliche Wohl wurde sich geradezu liebevoll gekümmert (wann und wo bekommt man eigentlich auf einen Nutella-Crepes auch noch Puderzucker gestreut?!).

 

Die großen „Verlierer“ dieses Festivals unter treuen Freunden waren leider die Jungs der Starterband Ghost of Tom Joad. Pünktlich um halb vier nachmittags ging es los mit ihren eigentlich sehr dynamischen Songs, nur leider unter mäßiger Aufmerksamkeit von ein paar wenigen Frühangereisten. In der guten halben Stunde ihres Auftritts wurden die Jungs weder richtig warm noch kamen sie musikalisch auf den Punkt. Man hofft auf eine zweite Chance!
I am Kloot

 

Niels Frevert mit Band hatte es als Folgeact schon etwas leichter. Seine Musik mit den stimmungsvollen deutschen Texten passt ohnehin besser zu einem gelassenen Nachmittag. Der Singer-Songwriter hat sich ja auch quasi über die Hintertür ins deutsche Musikleben geschlichen. Von ihm erzählt jeder nur Gutes oder kann zumindest davon berichten, schon viel Gutes über Frevert gehört zu haben. Mit seiner fast unauffälligen Understatement-Sexyness in Hemd und Stoffhose und so schönen Momentaufnahme-Zeilen wie „Snickers-Reste zwischen den Zähnen“ (aus Tag ohne Namen) liegt er wohl auch bald im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Jens Friebe vorn. Auf jeden Fall bescherte er der übersichtlichen Menge bei der Hitze des Tages doch noch den ein oder anderen Gänsehautmoment.

 

Zu I am Kloot taute das gut gemischte Publikum dann so langsam auf. Bei den Briten aus Manchester handelte es sich um den einzigen Import des Abends und um den Ersatz der verhinderten Texaner von Voxtrot. Manch einer war nicht unbedingt traurig, um den Tausch von trinkfesten Rockern für seichte Indiemelodien. Vor allem da die schon etwas älteren Herren seit Band-Gründung Ende der Neunziger nur recht selten auf deutschen Bühnen zu sehen waren. Der Einstieg von Kloot hörte sich noch etwas verschroben rotzig nach AC/DC an und die entsprechende Attitude hatten sie natürlich dabei. Zur zweiten Hälfte hin gab es allerdings gedämpftere Songs, die man schon fast „Balladen“ nennen möchte. Sänger John Bramwell übertitelte diesen Part mit „drinking, love and disaster“.


Robocop Kraus

Daraufhin war die Bühne frei für Robocop Kraus, die mal wieder mit neuem Bassisten erschienen. Die Nürnberger mischten mit und ohne digitale Verzerrung Titel des aktuellen Albums Blunders and Mistakes mit den alten All-Time-Favorits im Talking Heads Stil. Munter und Energie geladen übertrug sich die gute Stimmung schnell auf die nun schon recht ansehnlich große Menge. Immerhin war nun die alternative Partycrowd rund um Mannheim (Heidelberg inklusive) ausgehfertig gestylt und anwesend und spätestens nach You don’t have to shout auch voll dabei.

 

Die Chefs des Grand Hotels, Thees Uhlmann (Tomte) und Marcus Wiebusch (Kettcar) hatten sich ihre eigenen Shows verständlicherweise für den Schluss aufgehoben. Die Anzahl der jeweiligen Band-Fans (an den T-Shirts ablesbar) hielten sich auch in etwa die Waage. In diesem Fall waren es schließlich Tomte, die als erste bei einer langsam sinkenden Sonne auftragen. Gewohnt gut, gewohnt unterhaltsam. Mit den Teaser-Songs der im Herbst erscheinenden Platte hatten die nun Wahl-Berliner auf jeden Fall den entscheidenden Highlight-Bonus. Kostproben wie Wie ein Planet und Der letzte große Wal lassen schon mal auf ein wirklich gelungenes Album schließen. Am besten jetzt schon die Novembertour vormerken, denn Tomte bewiesen einmal mehr, dass sie eine absolute Liveband sind, lebendiger und eindringlicher von der Bühne herunter als aus den heimischen Boxen/Kopfhörern.

 

Mit dem etwas abruptem Ende von Tomte war dieses 1-Tages-Festival dann auch schon fast vorbei. Für viele stellten Kettcar zum Abschluss sicherlich den krönenden Abschluss dar. Es wurde auch viel von der gerade erschienen Platte Sylt gespielt, von der Hamburger Front und der Entstehungsgeschichte des Liedes Nullsummenspiel erzählt und zu alten Bekannten wie 48 Stunden mitgegrölt. Aber Kettcar bleibt eben Kettcar und zwei Band-Shirts gleichzeitig tragen, geht nicht.

 

Insgesamt war Mannheim ein wirklich überzeugender Auftakt der drei Tage Tour, auf den noch Köln und Großfehn (mit den Zusatzbands Computer und Home of the Lame) folgten. Und trotz der anfänglichen Skepsis erwies sich die Messplatz-Kulisse mit Steinambiente und Aussichten auf Wohnungsblocks als recht passend für diesen Einblick ins aktuelle deutsche Musikgeschehen. Auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen ruppig und verschlossen, aber dann doch noch überraschend vielfältig und sehr herzlich. (Mirjam Miethe)


(25.07.2008)




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