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New Radio
New Radio: St. Etienne
Monday, 28 September 2009 15:34
Sprechen bald fliessend Französisch: New Radio.20.09.09, Sonntag. Folge 12. Bushido‘s Friseur.

Im Halbdunkel erblicke ich eine unscharfe Silhouette an der Wand. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Fensterläden, meine Augen sind noch verklebt. Wer...wo...wie...? „Je suis le Colonel“, haucht die Stimme. Oh Gott, ein Alptraum! Miro wippt im schwarzen Bürostuhl, die Beine übereinander geschlagen, die Hände an die Lehnen getackert. Ich schaudere. Im Gang begrüßt uns der wahre Colonel. Seine Struwelpeter-Frisur bekommen nur Stefan und Domi zu Gesicht, die draußen bei „Edeltraud“ versuchen den Zigarettenanzünder zu reparieren.

Mow gönnt sich mal wieder eine endlose Dusch-Parade, bevor wir die Hufe schwingen. „Il y a café dans la salle des fetes!“, will uns der majestätisch anmutende Colonel locken. Aber wir wissen genau, worauf das hinauslaufen soll... Le Colonel steht auf seinem gestutzten Vorgarten-Rasen wirklich wie ein Kolonie-Besitzer mit Kontakten zur Tabakmafia und obersten Schicht von Chappes.

Selbst beim Schlafen träumt Miro von den Auftritten auf  Tour.Uns klappen die Kinnladen herunter, als er eine dicke Zigarre paffend sein Haupt mit dem Hut vor der Morgensonne schützt. Stolz verkündet er uns, dass der Präsident höchst selbst in seiner Straße (wirklich: „La rue de la bière“!) residieren würde - wir fühlen uns endgültig wie in einem B-Movie. Ein Platz an der Sonne.

Die Flucht nach Saint (gesprochen: „sa“, nicht „son“!) Etienne glückt. Das L‘ASSOMOIR ist eine urige Bar mit Backsteinmauern, hat aber noch zu. Stundenlang traben wir die hügeligen Straßen und Gassen von St. Etienne entlang auf der Suche nach Internet-Cafés, Bankautomaten und zentral: Essen, das wir schon lange nicht mehr auf unseren Gaumen fühlten (le gout!). Heute ist Sonntag: gefühlte Apokalypse (dicke Wolkenwand) und Lindenstraße, die uns hier erspart bleibt. Zahllose Hundehaufen und Zwanzigjährige, die aussehen wie Bushido, ersetzen das düstere Die-Welt-Geht-Zu-Ende-Feeling.

Die Gesichter ähneln sich verdammt, so wie die Frisuren (hier gibt es scheinbar nur einen Friseur). Topf auf, abrasieren und oben ein kleiner Teppich. Ansonsten begegnen wir ausschließlich älteren Damen und Herren, wo sind all die Studenten?! Schlafen wohl noch oder sind in Bordeaux hängen geblieben. Im Paradiso errät der Döner-Mann sofort unsere Herkunft: Münich! Ribery sei Dank. Auf Stefans Alufolie steht „MUSIC“ statt „Mayo“, Clemens weint. Zuviel Mayo, zuviel Pommes! Ach was. Ich finde es lecker und es macht vor allem satt... Aber jetzt schnell den Berg zurück hinauf.

Aufbau, Abbau, Aufbau, Abbau... ja, das gehört alles zur Tour mit dazu, liebe New Radio.Im L‘Assomoir bauen wir zuerst auf. Die älteren Jungs von MADE IN NOWHERE sind wiedermal überaus gastfreundlich - und verdammt gute Musiker, wie sich später herausstellt. Kurz vor dem Bandwechsel, geht mir ein wenig die Muffe. Alle Gäste des Konzerts sitzen und lauschen den fein abgestimmten Klängen der Franzosen, die eher an Richtung ruhige Radiohead und Sigur Ros erinnern. Leider haben wir nicht genügend Balladen im Gepäck. Was sich bald ändern wird, denke ich mir. Ich will Songs schreiben.
Beim Aufbauen witzeln wir noch herum, doch vor Beginn gehen wir kurz von der Bühne und schauen in unsere Gesichter. Los geht‘s.

Spätestens nach den ersten acht Takten Sample sind wir drin. Und lassen nicht mehr ab. Auch wenn das Konzert eher zu den kleinen der Tour zählt (Sonntag), ist es ein feines. Die dreißig Leute klatschen - „encore!“. Merci.

Bei dem Keyboarder und seinem Bruder, der musicologie studiert, verbringen wir die Nacht. Mow und ich landen in der Studenten-WG. Es gibt Wasser, Sprachen-Mischmasch, dazwischen peinliches Schweigen, wir lachen unsicher. Ich versuche ein wenig Französisch, ca marche. Dann verschwinden die zwei Freunde. Boiler an und Blitzdusche. Bonne nuit! Basti / New Radio


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