| ...Trail Of Dead: "Wir beißen die flauschigen Scheiß-Hasen" |
| Tuesday, 04 September 2007 20:46 | |||
|
Reece: Interessant , dass du das sagst, denn erst vor Kurzem hab ich so etwas zum ersten Mal erlebt und zwar mit Bloc Party. Ich las in verschiedenen Zeitschriften einige Interviews mit den Jungs, in denen sie über uns sprachen. Ich hätte nie gedacht, dass sie von uns beeinflusst sind. Und für mich ist das einfach perfekt. Ich liebe die Vorstellung, einflussreich zu sein. Wenn ich die Gesellschaft irgendwie positiv beeinflussen kann, ist das großartig. Ich weiß, dass wir nicht unbedingt einfach zu konsumieren und kategorisieren sind, denn wir sind zeitweise sehr Punk-Rock, andererseits aber auch sehr musikalisch und Anti-Punk-Rock, denn Punk-Rock ist sehr minimalistisch, und das sind wir manchmal eben nicht....
...Es ist einfach eine spezielle Art von Musik, die ihr macht....
Reece: Ja, ich glaube, wir bewegen uns durch die gesamte musikalische Welt; uns gefällt einfach, was uns gefällt, und wir schrecken nicht vor bestimmten Genres zurück, sondern bleiben für alles geistig offen. Und ich glaube, das gefällt Bands mit einer ähnlichen Einstellung.
Ich dachte, ihr hasst es, wenn jeder sagt, diese Band klingt wie diese und jene andere Band? Wie würdest du also eure Art von Musik beschreiben?
Reece: Im Großen und Ganzen würden wir’s einfach Rock’n’Roll nennen. Wir sind eine Rock-Band – aber darüber hinaus kann man uns nicht in eine Kiste, wie zum Beispiel 50er-Jahre-Rock’n’Roll mit den selben drei Akkorden stecken. Im Endeffekt ist Rock’n’Roll mehr eine Einstellung, eine Überzeugung – genau wie Punk-Rock: Es ist eine Einstellung, weißt du, Beethoven war Punk-Rock, Patti Smith ist Punk-Rock, auch Bob Marley. Normalerweise denkst du an all diese Leute wie The Clash, aber auch The Clash schrieben Musik, die nicht unbedingt immer Rock’n’Roll war, aber im Herzen, in der Essenz war es Rock’n’Roll, immer mit dieser Energie, die aus dem Drang nach Rebellion kommt. Der Drang gegen die ganze typische Scheiße zu sein, etwas zu sagen, zu reagieren, Teil einer Idee zu sein und zu versuchen, Menschen zu bewegen. Es gibt zur Zeit jede Menge Musik, die einfach nur auf Geld basiert und nichts mit Kunst zu tun hat. Die Kunst ist verloren. Tatsache ist, dass wir, obwohl wir bei einem Major-Label sind, immer dagegen gekämpft haben ein Produkt zu sein. Denn wir sind kein Produkt, sondern versuchen ein künstlerisches Statement abzuliefern.
Ihr legt also großen Wert auf eure Musik. Aber zu eurer Musik gehören auch eure Fans! Wie eng ist die Beziehung zu euren Fans?
Reece: Es gibt auf jeden Fall eine sehr persönliche Beziehung zu unseren Fans. Ich hab überhaupt keine Probleme mit allen möglichen Leuten zu sprechen. Ich rede mit jedem. Ich hab zwar schon einige Scheiß-Psychos getroffen, bei denen du Angst bekommst, sie stehlen dir gleich deine Seele. Aber ich bin ein erwachsener Mann und weiß mit Menschen umzugehen. Ich nehm die Menschen ernst und behandle sie einfach so, wie sie mich behandeln. So gehe ich generell mit den Leuten um. Ich liebe Menschen, sonst würde ich das hier nicht machen. Es geht um Kommunikation, Liebe und Mitgefühl für den Anderen. Auch wenn unsere Musik manchmal düster und böse klingt (lacht), geht es uns darum, die Menschen zusammenzubringen. Und wenn Fans mit uns sprechen wollen, werd‘ ich verdammt noch mal gerne mit ihnen sprechen. Ich bin nicht elitär und werd’s nie sein.
Kannst du dich an eine bestimmte Fan-Situation, besonders positiv oder negativ, erinnern?
Reece: Viele Leute, die du triffst, sind sehr cool und entspannt. Sie verstehen, dass du als Musiker auch nur ein Mensch bist. Andererseits gibt es Leute, die dich auf ein Podest setzten und denken, du seist Gott. Ich tu mein Bestes, diesen Leuten klar zu machen, dass ich das nicht bin. Ich bin ein Niemand, nur ein Typ, der seine Meinung sagt, mit den Leuten abhängt, einfach ein normaler Mensch ist.
Jetzt, da ihr immer populärer werdet, gibt es negative Aspekte daran, immer diesem Publicity-Druck ausgesetzt zu sein. Es gibt ja einige negative Beispiele von Michael Jackson bis Kurt Cobain, die extrem unter dem Druck der Medien und der Presse litten. Hast du manchmal Angst, so etwas könnte euch passieren?
Reece: Nein, überhaupt nicht, denn es ist absolut ausgeschlossen, dass ich jemals ein Michael Jackson oder Kurt Cobain werden könnte, denn unsere Band ist einfach nicht für diese Art von Popularität bestimmt. Es wird einfach nicht passieren. Die Popularität, die wir erfahren, ist mehr vorübergehend und passiert in kurzen Zeitabschnitten. Was wir versuchen zu kultivieren, ist eine lang anhaltende Beziehung zu unseren Fans, unseren Freunden. Unsere Musik ist kein Wegwerfprodukt, die Leute kommen immer wieder zurück zu unserer Musik, weil wir uns einfach für sie interessieren. Es ist ja nicht so, das Michael Jackson oder Kurt Cobain ihre Fans egal gewesen wären, denn die beiden sind großartig, ich wünschte ich könnte so sein. Aber es wird nicht passieren, wir werden sowas nie erreichen. Aber abgesehen davon, ich mache mir absolut keine Sorgen, dass mich unsere Popularität verrückt machen könnte, denn ich hab meine Lektionen gelernt, ich mache das hier seit zehn Jahren und ich versteh, was das alles bedeutet. Worüber ich mich stattdessen sorge, ist in die Unbedeutsamkeit abzustürzen, ohne dass irgendjemand Notiz von uns nimmt. Ich will ein Einfluss auf die Rock’n’Roll-Kultur sein, Teil einer Gruppe von Leuten, die wirklich versucht haben, etwas auszudrücken, und nicht nur die Leute anlügen. Ehrlich zu sein, immer ehrlich. Wir tun unser Bestes, ehrlich zu sein.
Aber es gibt genügend Bands, die den Eindruck machen, nicht mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein. Es scheint, dass viele denken, es sei eine gute Idee, Musik nur wegen des Geldes zu machen.
Reece: Worauf es letztendlich ankommt, ist die Seele. Auf das Herz kommt es an. Wir haben’s nie des Geldes wegen gemacht, sondern wegen etwas, das wir nicht genau erklären können. Es ist unerklärlich, bizzar, es ist einfach eine Art zu leben. Das ist einfach unsere Existenz auf diesem Planeten. Manche sind dafür bestimmt, im Büro zu arbeiten und manche dafür, Kriege zu kämpfen oder politische Führer zu sein. Und ich weiß das irgendeine höhere Macht mich auswählte, um Musik zu machen, das ist das Einzige, was ich wirklich kann. Ich kann mir gar keinen anderen Sinn in meinem Leben vorstellen, als mir für eine Stunde lang auf der Bühne die Seele aus dem Leib zu spielen, auch wenn’s nur zehn Leute im Publikum sind.
Ist das für dich wie eine Art Therapie?
Reece: Es ist einfach ein Moment, in dem du all deine Probleme und alles Schlechte vergisst und du denkst nur nach an die Verbindungen zwischen der Musik und den Songs, den Geräuschen und Tönen, wie die Noten ineinander verlaufen. Und du denkst daran, wie du deine Stimme auf eine Gruppe von Menschen loslassen kannst und sie damit bewegst. Es geht nur darum, die Menschen zu bewegen, und darum, sich auszudrücken. Und wenn du in diesem reinen Moment des kreativen Ausdrucks bist, vergisst du alles, deine Probleme, und das ist der Grund, warum ich es mache.
Andererseits gibt es eine Menge Bands, die diese Absicht nicht haben. Was würdest du generell gerne am derzeitigen Musikmarkt verändern?
Reece: Ich kann ja nicht wirklich etwas verändern, ich kann nur kontrollieren, was ich selbst mache. Ich persönlich stehe mit der Musikindustrie nicht auf Kriegsfuß, aber was ich versuche ist, ein paar Kids auf Dinge zu bringen, die sie vielleicht sonst nie so erleben und fühlen würden. Das Zeug, das sie sonst so kriegen, ist industriell gefertigt, und wir wollen ihnen etwas anderes geben, was nicht der üblichen Art von Musik entspricht. Ich schätze Künstler wie Fantômas, die heute auch auf der Bühne standen. Mike Patton (Sänger von Fantômas) war in einer der größten Bands Amerikas, Faith No More, und hat sich dann dafür entschieden, Musik nicht aus kommerziellen Gründen zu machen, und bei Fantômas bekommt man den Eindruck, sie erschließen in ihrer Musik ihr eigenes Herz. Und angesichts solcher Bands befürchte ich manchmal, vielleicht können wir nie so den Mainstream infiltrieren, obwohl ich das immer wollte, aber vielleicht wir es nie funktionieren.
A propos Mainstream, Künstler wie Adam Green und Bright Eyes, glaubst du dass sie auch für die Zukunft Chancen haben, oder ist das nur ein Hype?
Reece: Nein, man muss daran denken, dass Bright Eyes von einem Indie-Label kommen, und Conor Oberst hat seine Integrität nie geopfert. Man muss für seine Musik gerade stehen, und Conor arbeitet mit seinen Freunden und war nie auf einem Major Label, seine Musik ist komplett unabhängig, und das finde ich eine großartige Sache. Ich glaube nicht, dass es ein Hype ist, die Leute sind einfach von bestimmten Dingen begeistert. Ich unterstütze alle Indie-Rock-Bands, die ihr eigenes Ding durchziehen.
Glaubst du, dass durch Bands wie eben Bright Eyes in den kommenden Jahren Popmusik intelligenter wird und ein höheres Level erreicht?
Reece: Wir sind folgendermaßen in der Popkultur einzuordnen: Wir haben uns damit abgefunden und sind uns sicher, dass wir nie Mainstream sein werden, und weiß du warum? Weil die Leute nicht nachdenken wollen. Sie wollen einfach nur feiern, denken, dass es mit der Welt bergab geht, und wollen nicht über das Leben und das Sein nachdenken oder sich um andere Menschen sorgen. Letztendlich wird es immer etwas Leichtes und Weiches geben, wie einen flauschigen kleinen Hasen, ein Haustier. Und dann gibt es die Wölfe, wie uns zum Beispiel, das verdammt Böse, Gerissene. Hast du schon mal in die Augen eines Wolfes gesehen? Was du darin siehst, ist Wahrheit. Wenn du einen kleinen Hasen siehst, hast du keine Ahnung, was er denkt. Meine Analogie ist also: Wir sind die Wölfe und wir beißen die kleinen, flauschigen Scheiß-Hasen.
Bei Jason Reece von ...Trail Of Dead bedankt sich für das Interview: Nina-Carissima Schönrock
|
Kommentare
Suche
Sprüche
Ich wäre gern bei einem Samstagsspaziergang von Andy Warhol und Truman Capote durch New York dabei, um sie dann abends bei ein paar trockenen Martinis Billie Holliday singen zu hören.
Ähnliche Artikel
- Rezensionen
- Interviews
- Portraits











Vielleicht lag das Problem auch hier begraben....
http://soundcloud.com/...
Ich kann hier wirklich nur sehr wenig nachvollziehen. Ich finde es unglaublic...
http://www.youtube.com/watch?v=eCQNmFoz_dI&feature=related
Plüschtiere kann man nicht verpacken, Katzen aber schon ;)
http://www.y...
ah pardon, du hast sooo recht! danke für den hinweis!