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Dear Reader: Musik hat etwas Magisches
Dear Reader aus SüdafrikaSie kommen aus Südafrika und sind gerade mit ihrem Album Replace Why With Funny auf erfolgreicher Club- und Festivaltour durch ganz Europa. Dear Reader bringen mit ihren poppig-melancholischen Songs das Publikum zum Schmunzeln und Nachdenken - und sind dabei einfach überaus sympathisch. Im Interview beim Taubertal-Festival sprachen Cherilyn, Darryl, Jean-Louise und Michael mit uns über Eisbären, das Tourleben und ihre Heimat.

"Replace Why With Funny" ist das erste Album der Band Dear Reader - aber es ist nicht euer erstes Album.

Cherilyn: Richtig. Wir (zeigt auf Darryl und sich) waren vorher in einer Band namens Harris Tweed, aber wir waren gezwungen, den Namen der Band zu ändern, wegen der Bekleidungsfirma Harris Tweed. Also mussten wir einen neuen Namen finden - Dear Reader. Und wir haben jetzt auch zwei neue Mitglieder, Michael und Jean-Louise.

Brachte das auch Veränderungen für eure Musik mit sich?

Cherilyn: Ein wenig. Ich denke, die Richtung ist die selbe geblieben - wir machen einfach  ehrliche und emotionale Musik. Aber wir haben definitiv mehr experimentiert, als wir die neue Platte gemacht haben. Wir haben mit Brent Knopf von Menomena zusammengearbeitet, die eine wirklich, wirklich alternative Band sind. Seine Einflüsse sind sehr deutlich. Man könnte unsere Musik also als alternativen Pop bezeichnen, denke ich. Es ist wirklich Pop, aber es ist auch recht ungewöhnlich.

Euer Album ist in Europa recht erfolgreich, ihr seid viel auf Tour und spielt auch auf einigen größeren Festivals - habt ihr erwartet, dass es so gut laufen würde?

Cherilyn: Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommt. Wir haben zu Hause nie etwas dergleichen kennen gelernt wie innerhalb des letzten Jahres. Es ist wirklich eine großartige Erfahrung für uns. Es ist toll, dass die Leute es tatsächlich mögen. Wir wollten immer im Ausland touren, denn zu Hause gibt es nur ein kleines Publikum für unsere Art von Musik. Wir hatten uns das immer erhofft.

Was ist das Beste am Touren?

Cherilyn: Ich genieße es einfach, Konzerte zu spielen und neue Gesichter zu sehen. Das Beste am Touren durch Europa ist wahrscheinlich das gute Essen (alle lachen).

Michael: Die Organisation. Man kommt an und jeder weiß, was er tut. Die Clubs sind sehr gut ausgestattet, für große wie für kleinere Bands. Das ist sehr erfrischend. Man muss sich nur darum kümmern, seine Show zu spielen, anstatt alles zu organisieren.

Darryl: Das Beste am Touren sind definitiv die Menschen, die wir treffen. Wir haben so tolle Leute kennen gelernt. Es ist etwas eigenartig, weil man anfängt, immer wieder die selben Leute zu treffen.

Jean-Louise: Ich würde auch sagen, die Menschen, das Publikum. Sie sind sehr.. bewundernd, kann man das so sagen? Sie sind sehr aufmerksam, sie hören wirklich zu, wenn wir spielen, anstatt nur zu reden und zu trinken.

Cherilyn: Man kann das nicht mit Südafrika vergleichen. Zu Hause wird Kunst nicht so sehr geschätzt, die Menschen sind damit noch nicht so vertraut. Wir hatten nicht diese lange Geschichte, in der Kunst wirklich einen Stellenwert hatte. Gerade deshalb ist es wirklich etwas Besonderes, durch Europa zu touren. Aber allgemein lieben wir es einfach, Konzerte zu spielen. Es ist das Beste, was man tun kann. Musik kann die Stimmung auf der Stelle verändern. Man fühlt sich schrecklich, geht auf die Bühne oder auch nur in den Proberaum und mir geht es sofort besser. Wir hoffen, dass es den Leuten genauso geht, wenn sie zuhören.

Was vermisst ihr auf Tour?

Cherilyn: Tausend Dinge.

Michael: Ich vermisse die hässlichen Stellen in der Landschaft (lacht).

Cherilyn: Ich glaube, ich vermisse mein Bett. Wir haben langsam die Nase voll von merkwürdigen Kissen.

Darryl: Ich vermisse meine Hunde.

Cherilyn: Oh (seufzt), ja, die Hunde. Jedes Mal, wenn wir einen Hund sehen.. (seufzt wieder und schneidet Grimassen).

Jean-Louise: Ich verpasse Unterricht. Ich studiere, oder besser, ich sollte studieren.

Cherilyn: Offensichtlich mag sie ihr Studium - sie studiert Musik.

Auf eurer Homepage kann man die Texte lesen und herunterladen - ist es euch wichtig, dass die Zuhörer sich wirklich damit beschäftigen?

Cherilyn: Naja, sie sind natürlich der zentrale Gegenstand - für mich sind sie sehr wichtig. Ich weiß, dass die Leute unterschiedlich reagieren. Er (zeigt auf Darryl) hört überhaupt nicht auf die Texte. Im Endeffekt muss jeder die Musik auf seine eigene Weise genießen. Sobald man etwas veröffentlicht, gibt man es an andere weiter und muss sehen, was sie daraus machen.

In eurer aktuellen Single "Great White Bear" geht es um einen Jungen, der sich im Bauch eines großen Eisbären versteckt - wie kommt man auf solche Ideen?

Cherilyn (lacht): Ich weiß es nicht. Die Inspiration für diesen Song war, dass man mir erzählte, Eisbären könne man nicht per Infrarot sehen. Manchmal, wenn ich einen Song schreibe, höre ich ihn danach auch an und weiß überhaupt nicht, wo das eigentlich herkommt. Oft sprudeln die Texte ziemlich schnell aus mir heraus. Es passiert einfach. Ich singe einfach, und die Dinge kommen heraus. Ich weiß nicht, wie das kommt. Es fühlt sich an, als würde jemand anders schreiben. Andere Künstler sagen, die Songs sind schon da und man greift sie sich einfach von.. irgendwo. Manchmal fühlt es sich wirklich so an.

Ein anderer Song auf eurem Album namens "The Same" handelt von der Situation in eurer Heimat Südafrika..


Cherilyn: Dieser Song ist sehr persönlich. Als ich ihn geschrieben habe, war es keine Botschaft oder so - ich dachte nicht daran, dass ihn irgendwann jemand hören würde. Es hat mich wirklich beschäftigt. Die Situation ist ziemlich komplex. Ich denke, dass gerade Deutsche das vielleicht ein wenig verstehen können: Als Weißer aus Südafrika zu stammen, bedeutet, sich für etwas schuldig zu fühlen, für das man nichts kann. Man fühlt sich schlecht dafür, weiß zu sein. Es ist wirklich komplex. Ohne Zweifel ist es mein Zuhause - es ist unsere Heimat, wir haben eine starke Verbindung zu ihr. Aber gleichzeitig fühlt man sich dort auch fremd und so anders, als würde man nicht hingehören. Naja, ich habe aber auch eine Weile in England gelebt und habe mich dort auch sehr fremd und alleine gefühlt. Es ist ein schwieriges Thema, aber ich denke, die Situation verbessert sich über die Jahre hinweg. Sogar ein Land wie Amerika hat noch diese Probleme. Jetzt, wo wir so viel gereist sind, sehe ich das überall. Sei es in London, oder in Berlin, es ist immer da. Es ist eine Art menschliches Problem.

Denkt ihr, dass Musik in diesem Zusammenhang eine Möglichkeit sein kann, Verbindungen zu schaffen?


Cherilyn: Ich hoffe es. In unserer Heimat hören die Leute eher die Musik aus ihrem kulturellen Umfeld. Die Schwarzen hören Gospel, die Weißen hören eben weiße Musik, aus Südafrika oder England. Natürlich ist das blöd, natürlich gibt es auch Austausch, aber eben wenig. Ich hoffe, dass sich das ändern wird. Musik entstammt eben oft einem gewissen Kontext. Und ich werde nie afrikanische Musik in einer anderen Sprache hören und wirklich das Gleiche fühlen und verstehen, wie jemand, der diese Sprache spricht. Ich glaube aber auch wirklich, dass Musik die Menschen auf eine andere Weise ansprechen kann, nicht nur im Kopf, sondern dass sie einfach so etwas Magisches hat.

Welche Erfahrungen habt ihr diesbezüglich auf euren Konzerten in Südafrika gemacht?

Cherilyn: Die traurige Wahrheit ist: Zu unseren Konzerten kommen weiße Menschen aus der Mittelschicht. So ist das. Gerade in Johannesburg findet zwar langsam ein wenig mehr Austausch statt, an den Schulen und Universitäten. Aber wie es wäre, einen Song wie The Same vor Menschen aus Sowato zu singen und zu merken, wie sie das aufnehmen- ich kann es mir nicht vorstellen. Ich würde es liebend gerne ausprobieren - vielleicht sollten wir das tun und einfach sehen, was passiert.

Wie sehen eure Pläne nach der Festivalsaison aus? Arbeitet ihr schon an eurem nächsten Album?


Cherilyn: Noch nicht, aber das werden wir bald. Wir kommen im Herbst für eine allerletzte Tour in diesem Jahr noch mal nach Europa, zusammen mit Ramona Falls, das ist ein Projekt von Brent von Menomena. Wir werden seine Band sein. Er wird mit Dear Reader spielen, und wir werden mit Ramona Falls spielen. Darauf freuen wir uns wirklich. Danach sind wir fertig. Wir werden ein paar Shows zu Hause spielen und dann Pause machen, um Songs für das nächste Album zu schreiben.

Was war für euch der beeindruckendste Moment mit Dear Reader?


Darryl: Für mich war das unsere erste eigene Show in Berlin, im Lido. Einfach dort reinzukommen, dieser Club ist ganz schön groß - es war so ein tolles Gefühl, dass die Leute uns zuhörten.

Cherilyn: Für mich war es die Tatsache, dass die Leute wirklich gekommen sind. Vorher hatten wir nur Shows als Supportband gespielt. Wir hatten nicht mit so ein Publikum, so einer Reaktion gerechnet. Natürlich gibt es Shows und Ereignisse, die im Gedächtnis bleiben. Mit Brent zu arbeiten, mit City Slang zu arbeiten - das ist wunderbar. Insgesamt haben wir einfach großes Glück. Ich meine, das bedeutet nicht, dass wir wirklich Erfolg haben und damit reich werden. Aber wir konnten eine Platte veröffentlichen und sie in unseren Händen halten, sie in den Läden sehen und Konzerte spielen. Darüber sind wir sehr glücklich.


Bei Cherilyn, Darryl, Jean-Louise und Michael von Dear Reader bedankt sich für das Interview: Sara Haußleiter


(2009)



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