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Jonas Goldbaum: "Von Abba bis Zappa"
Tuesday, 27 November 2007 22:08

Die wirken aber schon cool für ihr Alter: Jonas Goldbaum
Es ist Herbst in München und früher Nachmittag. Wir sind mit Jonas Goldbaum in einem kleinen, tristen 70er Jahre Cafe verabredet in einer etwas trostlosen Gegend der bayrischen Landeshauptstadt. Irgendwie geraten sie immer in solche melancholischen Locations, als würden sie das anziehen, erzählen sie. Da gibt es tausend Bars, wo das Leben pulsiert, aber wir sitzen hier als einzige Gäste in einem Cafe, das so gar nicht nach München aussieht.

 

Trotzdem versinken die Jungs nicht in melancholisches Schweigen, sondern lachen selbstironisch über den Lauf des Lebens, den sie so hinnehmen, weil er nicht zu ändern ist. Nach einigen Promotionterminen sind sie zwar recht müde und sehnen sich nach den anschließenden freien Tagen in ihrer Heimatstadt Wien, aber plaudern dann doch mit unserer Redakteurin Eva Deinert und Kamerafrau Nina-Carissima Schönrock über ihr neues Album Unsere Welt braucht dich, die Tour mit den Weakerthans Ende November und schöngeistige Literatur.

Ihr seid in Österreich schon ziemlich bekannt. Nun wollt Ihr auch den Rest der Welt erobern. Wie kam es dazu?


Thorsten Mahr: Im Prinzip ist das ja ein logischer Schritt, weil Österreich einfach zu klein ist. Oder vielleicht gibt es zu viele Bands in Österreich, oder zu wenig Publikum - je nachdem wie man's sieht. Oder zu wenig Bühnen. Keine Ahnung. Auf jeden Fall ist Österreich zu klein. Ist auch irgendwie logisch. Auf jeden Fall will man ja auch weiter und na klar, Deutschland ist der große Nachbar, liegt also auf der Hand, dass man zumindest versucht irgendwie in Deutschland was zu reißen.


In Deutschland ist ja in den letzten Jahren eine Flutwelle an Deutsch singenden Bands hereingebrochen.

Thorsten Mahr: Echt? Scheiße! (lacht) Ja, du hast wahrscheinlich recht.

Wo seht Ihr da Euren Platz?

Thorsten Mahr: Ist witzig, ich seh eigentlich gar keine. Na, die gibt's sicher. Ich weiß nicht, wenn man selber Musik macht, hat man eh einen anderen Blickwinkel zu dem Ganzen. Und wie jeder sagt - das ist eh eine blöde Floskel - „Man will ja nicht schubladisiert werden und schon gar nicht mit den anderen deutschsprachigen Bands". Und das sag ich jetzt natürlich auch. Die Musik hat ja mit den Weakerthans und Jimmy Eat World genauso viel zu tun, rein musikalisch, oder eigentlich mehr zu tun als wie mit Tomte oder whatever. Rein von der Musik her. Zufälligerweise sind halt die Texte auch auf Deutsch, oder besser Österreichisch. Aber das ist ja dasselbe. Wir sind schon auf der härteren Seite, würde ich sagen, eher auf der attackierenden Seite. Will da jetzt keinen Namen nennen.

Euer Album spricht immer von Weite und verbindet damit alle Elemente: von den Sternenparties, vom Mond, Taucher im Meer und von Bodenpersonal. War Euch das bewusst? War das so geplant als Ihr die Titel zusammengestellt habt? Oder was ist die Grundaussage Eures Albums?


Arne Lechner: Wie du das sagst, höre ich das zum ersten Mal. Finde ich aber auch legitim und ok, dass da jeder seine anderen... oder das da jeder in den Texten was anderes sieht. Ich glaube aber nicht, dass man das Album jetzt über einen Kamm scheren kann, wo wir textlich hingehören. Texte schreibe ich. Und ich sag mal es gibt zwei, drei rote Fäden, die durchgehen.


Und die wären?

Arne Lechner: Der eine ist, dass es ein gewisses Anliegen von mir ist oder von Leuten unseres Alters, dass man nicht mehr wie als Teenager vielleicht in den Tag reinlebt, sondern dass man das Leben etwas bewusster anlegt, dass man sich bewusst ist: Was will ich eigentlich? Wo gehör ich überhaupt hin? Was ist scheiße, was würde ich gern ändern? Und was ist toll? Und das was toll ist, genieß ich auch sehr bewusst.

Das nächste ist - was auch sicher altersspezifisch ist - dass man zurückschaut und sagt: Ich mach eine gewisse Zwischenbilanz. Ich weiß wie ich vor 10 Jahren drauf war, wie meine Freunde vor 10 Jahren drauf waren, welche Sachen mir wichtig waren - ob das jetzt der Beginn einer Ausbildung war oder eine große Sauferkarriere hinzulegen oder mit allen möglichen Frauen verkehren - diese Ideale wandeln sich im Laufe der Zeit. Das war für mich ein sehr interessanter Punkt, den ich den letzten zwei, drei Jahren gespürt habe: Ich fühl mich im positiven Sinn nicht mehr so jung, wie ich das vor zehn Jahren habe. Und das ist in sehr vielen Songs drin. Dieses „Es ist gut wie's ist, aber ich möchte es nicht unthematisiert lassen." Ich weiß, dass es anders war und dass es im näheren Umfeld Leute gibt, die es anders sehen.

Melancholie und ein gewisser Pessimismus, verschwendete Zeit, Beziehungsenden. Wie sieht eine perfekte Welt für Euch aus?


Arne Lechner: Politisch will ich dazu gar nichts sagen. Im Sinne Frieden überall und Essen überall ist natürlich ein näheres Anliegen. Aber einiger Maßen unrealisierbar und auch naiv, nicht wahr? Die perfekte Welt muss in seinem Umfeld jeder selbst definieren. Meine perfekte Welt ist die, in der ich mit mir selbst zufrieden bin und früh aufwache und sage: So ein toller Tag!


Unsere Welt braucht dich. Heißt der Titel. Was braucht Ihr in der Welt? Worauf könnt Ihr nicht verzichten?

Florian Frankl: Ich glaub das ist bei jedem verschieden, auf was man nicht verzichten will. Ich glaub bei mir sind es in erster Linie Freunde, auf die ich nie verzichten wollen würde, Musik auf jeden Fall und einfach im Grunde Sachen, die einem einfach Spaß machen, die bei jedem komplett individuell sind. Arbeit ist was, worauf, glaub ich, jeder gern verzichten könnte.

Ihr begleitet die Weakerthans auf Ihrer Tour und schreibt auf Eurer Internetseite „Und trotz seines verwirrendes Titels geht Reunion Tour schnurstracks ins Herz und umarmt dort sofort alles!" Klingt, als seid ihr wirklich überzeugt von der Band?

Thorsten Mahr: Na ja, der Text ist ja so eigentlich nicht von uns, aber der hat für uns aber auch den Punkt getroffen. Das war von einem Bekannten von denen, der hat das über die neue Platte geschrieben. Aber der hat's auch getroffen, deshalb steht er auch auf unserer Website, weil wirklich stimmt. Ich persönlich bin auch Fan der ersten Stunde von den Weakerthans, weil die Texte so leicht verständlich sind, obwohl es Englisch ist. Na, ich hab da normal auch keine Probleme, aber die Weakerthans versteht man wirklich leicht. Und die Musik ist einfach total nett. Bei ihnen sind Alltagsphänomene und Emotionen und Beziehungskisten total schön umschrieben eigentlich. Die Musik passt meistens perfekt immer genau zu den Wörtern, die im Text vorkommen. Deswegen trifft es der Text so gut.

Gibt es noch andere Bands, die Euch beeinflussen?

Thorsten Mahr: Da hat eigentlich jeder von uns, glaub ich, andere Einflüsse. Ich bin mir nicht sicher, ob man es hört, bei unserem Sound. Aber wahrscheinlich nicht wirklich. Nur wenn man's weiß... Na, wir kommen ja alle aus verschiedenen Richtungen: von ganz softer Musik bis ganz harter Musik. Wir haben eigentlich kaum gemeinsame Nenner. Es gibt ein paar und eins davon ist das Produkt, was am Ende rauskommt: Jonas Goldbaum. Aber sonst gibt es wahrscheinlich eher weniger Bands, weil wir uns in verschiedenen Stilen bewegen, was wir privat hören und jeder einen anderen Einfluss in Jonas Goldbaum einbringt mit seinem Instrument. Aber es geht von Abba bis Zappa.

Wie sieht Euer Soundtrack des Lebens aus?

Thorsten Mahr: Lieblingssongs? Hm, was unvergesslich immer ist, ist die Zeit als wir jünger waren. So die Grungezeit, was ich persönlich miterlebt habe. Die Songs bleiben mir persönlich für die Ewigkeit. Soundtracks for life, da ist eben die Grungezeit gewesen: Rage against the machine und Pearl Jam oder so. Das war's für mich persönlich, weil es damals irgendwie meine Welt verändert hat. Man ist damit älter geworden und erwachsen geworden. Das war damals ein irrsinniger Hype, die Grunge-Ära, möchte man fast sagen. Das wär ich in 40 Jahren auch noch hören.

Martin Kaser: So wie es der Torsten eben gesagt hat, sind es, glaub ich, sehr viele Songs von der Teenagerzeit, die einfach hängen bleiben. Die hat man irgendwie immer Ohr, die vergisst man einfach nie. Und wenn man es dann irgendwo hört, ist man auch gleich wieder gefühlsmäßig zurückgesetzt in die Teenagerzeit. Bei mir ist es eigentlich so, dass dann wenig Neues dazugekommen ist, wo ich gedacht hab „Das ist mein Lieblingssong!" Ist einfach schwer zu sagen und vor allem das zu reduzieren auf zwei, drei Songs ist total schwierig, weil sich auch das Leben stets verändert und Geschmäcker. Das würde ich für mich persönlich jetzt auch nicht einschränken wollen. Definitiv ist der Soundtrack meines Lebens immer der Zeit unterworfen.

Florian Frank: Bei mir ist es ähnlich, wie die zwei schon gesagt haben. Es sind großteils Songs, die man in seinen Teenagerjahren gehört hat. Das jetzt auf einzelne Songs zu reduzieren ist schwierig, wie schon gesagt. Aber es wären bei mir sicher Bands wie Kula Shaker und Jeff Buckley, Deus... Sachen, die ich von daher einfach kenn, die ein gewisses Gefühlsspektrum bieten und man sich wieder fühlt wie 16 und noch nicht konfrontiert ist mit den Alltagsproblemen, Existenzängsten, Geldnöte und den ganzen Scheiß.

Gleich noch eine Frage zu Euren Songs: Die sind ja oft sehr melancholisch und es geht um Beziehungsenden und das Schlechte in Beziehungen. Könnt ihr nur Songs schreiben, wenn ihr leidet oder könnt ihr auch darüber singen, wenn es alles toll ist und es läuft?

Arne Lechner: Die alte Textsache... Ich kann Texte nur dann schreiben, wenn ich gut drauf bin. Und ich schreib die besten Texte über Schluss machen und Unglück dann, wenn ich gut drauf bin. Wenn ich völlig fertig bin, geht gar nix. Dann ist der Kopf so zu, dass eh nix sprudelt.

Also schreibst du übers Schluss machen zeitlich versetzt.

Arne Lechner: Na klar. Das sind Sachen, die aufgearbeitet werden. In der Phase, wo es wirklich Scheiße läuft, hat der Kopf offensichtlich andere Sorgen als Songs zu schreiben. Da versucht er irgendwie klar zu kommen. Und wenn's gut ist, dann ist es wieder... ja... dann ist die Kreativität wieder da und die Freude an dem Ganzen.

Gibt es auch Songs von Euch über das Gute in Beziehungen?

Arne Lechner: Gibt es auch genug auf dem Album. Schon. Ich hab auch ganz andere Texte noch, die wirklich traurig und fies sind. Ich hab mir schon Mühe gegeben, dass der Grundton des Albums textlich ein positiver bleibt. Das sehen vielleicht nicht alle so, aber... (lacht) Es gibt aber schon Lieder, die wirklich sagen: Es passt!

Noch ne ganz andere Frage: Was lest Ihr gerade und welche Bücher haben Euch bisher am meisten geprägt?

Martin Kaser:Also es gibt sehr wenig Bücher, die ich zweimal lese. Eins davon war „Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco. Das find ich einfach spannend, wie er mit dem ganzen geschichtlichen Background ne wahnsinnige Story bastelt. Es gibt natürlich Bücher, die mich geprägt haben, die mich komplett fertig gemacht haben. Als ich die ganzen Existenzialisten gelesen hab, Sartre und so, bin ich danach in eine ziemlich heftige Depression gefallen. Bücher können schon ordentlich beeinflussen. Mir fällt auch gerade kein wirklich gutes Beispiel ein für ein Buch ein, wo man nachher ne wahnsinnig super Stimmung hat. Nein, vielleicht „Herr Lehmann". Irgendwie hat man immer Lust, wenn man das liest, hinterher Bier trinken zu gehen. (lacht)

Thorsten Mahr
: Ich eigentlich keine Leseratte, eher Muffel. Aber ich les immer dieselben Bücher. Ich bin auch nicht so literaturinteressiert. Ich les eigentlich drei Mal Nick Hornby, vier Mal „Herr der Ringe" und vier Mal „Harry Potter". Eben alles, was es gibt von Nick Hornby und „Herr der Ringe". Es ist halt irgendwie leichte Kost und es ist zum Entspannen. Für Kriminalromane brauch ich viel zu viel Energie. Das ist mir viel zu kompliziert. Ich brauch mehr Unterhaltung. Ich bin kaum literaturinteressiert. Vielleicht sollte ich es einfach mal ausprobieren. Aber ich les halt lieber „Herr der Ringe" noch mal bevor ich irgendwas Neues anfange. Ich versuch auch immer zu beginnen mit neuen Büchern, wenn ich welche empfohlen bekomme, aber die sind mir meistens zu langweilig und ich brech nach 70 oder 30 oder 100 Seiten ab und greif's nie wieder an. Und ein Jahr später versuch ich es wieder, komm wieder nur bis Seite 30 oder 70 oder 100 oder je nachdem und mir wird's wieder langweilig und ich hör wieder auf damit. Und greif wieder zu Herr der Ringe oder Harry Potter. Das ist immer dasselbe bei mir! Echt!

Arne Lechner: Also ich kann ein Buch wärmstens empfehlen. Macht aber nur Sinn, wenn man sich auch für Rockmusik interessiert, wovon wir jetzt hier mal ausgehen. Das Buch heißt „Lost in Music" und ist von Giles Smith geschrieben, der selbst Musiker war und Möchte-gern-Rocker in den 80ern und der inzwischen für alle möglichen englischen Musikmagazine schreibt.

Bei Jonas Goldbaum bedankt sich für das Interview: Eva Deinert

(2007)


Das Interview als Video:

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