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The Horror The Horror: "Ich habe heute einen kaputten Fernseher fotografiert"
Sunday, 04 May 2008 23:06

Verlieren auch mal Zähne: The Horror The Horror
Um The Horror The Horror zu einem Interview zu treffen, können auch schon mal mehrere Telefonate am Tag nötig sein. Und Geduld. Da wird es schnell mal später Abend. Es sind nur noch zwanzig Minuten bis zu ihrem Auftritt im Atomic Café, als die schwedische Indie-Band den Backstageraum betritt. Petra Schönhöfer hatte die Ehre, die Jungs zu treffen.

 

Der erste Eindruck: Fünf ziemlich dünne, blasse und nette Jungs, eher abgehetzt als kapriziös. Stehen erst etwas zögerlich herum und nehmen dann in der Polstersitzgruppe Platz. Der nachdenklich wirkende Frontman Joel Lindström hat das Wort, während sich Mattias, Jakob, Johan und Patric ein Bier genehmigen und freundlich lächeln.


Zum Reinhören: Wired Boy Child

 

Ihr ward wohl ziemlich beschäftigt heute in München?

 

Lindström: Ja, es war ein chaotischer Tag. Wir hatten noch einen Termin in einer Radiosendung und es gab viele Verspätungen, alles geht gerade drunter und drüber.

 

Dann machen wir doch am besten gleich weiter: „Wired Boy Child" ist Euer zweites Album. Zweite Alben werden ja meist als neuralgischer Punkt in der Karriere einer Band betrachtet...

 

Lindström: Aha?

 

...ja, so sagt man. Habt Ihr den Druck bei der Produktion gespürt?

 

Lindström: Anfangs eigentlich nicht. Der kreative Teil, das Songschreiben, war nicht besonders problematisch. Probleme traten auf, als wir die Songs aufnehmen wollten, und waren ganz praktischer Natur: Mitten in unserer Arbeit wurde das Studio renoviert, Leute wurden krank, Termine gestrichen. So entstand durch all die Verzögerungen vor allem der Druck, endlich mal fertig zu werden. Das mit den Verspätungen scheint uns ja in letzter Zeit öfter zu passieren...

 

... liegt vielleicht an kosmischen Einflüssen?

 

Lindström: Vielleicht ...! (allgemeine Heiterkeit)

 

Aber zurück zur neuen Platte: Die Kritik ist sich einig darin, dass „Wired Boy Child" melancholischer klingt als der Vorgänger. Sehr Ihr das auch so, war das Eure Absicht?

 

Lindström: Jeder sagt uns das, aber eigentlich war das nicht unser Konzept. Es ist vielleicht die Produktionsart, die sich auf den Sound ausgewirkt hat, und der Unterschied im Songwriting, in den Arrangements. Das ist jetzt alles mehr auf der Pop-Seite, während das erste Album vielleicht rockiger war.

 

Und wenn ich mir die Texte so anschaue, fällt mir auf, dass die meisten Songs ziemlich persönlich sind, nicht unbedingt globale Themen behandeln?

 

Lindström: Ich habe eine sehr egozentrische Art, Songs zu schreiben. Ich habe nicht die Fantasie, mir Geschichten auszudenken, also benutze ich das, was mir im Kopf herumspukt.

 

Also keine Botschaften für die Masse?

 

Lindström: Für mich nicht, nein. Wenn ich Botschaften an die Massen hätte, wäre ich eher Wissenschaftler oder Journalist oder Politiker geworden.

 

Sein Gitarrist ergänzt: Vielleicht kommen ja auch die besten Botschaften für die Menge aus dem Inneren des Herzens.

 

Hast Du denn jemals darüber nachgedacht, ein komplett schwedisches Album zu schreiben?

 

Lindström: Eigentlich nicht. Ich werde das relativ häufig gefragt, aber ich glaube, es liegt daran, dass ich keine Bezugspunkte in der schwedischen Musik habe, ich habe nie besonders viel schwedische Musik gehört. Die musikalischen Idole meiner Kindheit waren aus England oder Amerika.

 

Apropos, diese Idole hört man Eurer Musik angeblich an: Talking Heads, Velvet Underground etc. Jeder Band muss ja solche Vergleiche über sich ergehen lassen. Nervt es nicht, wenn jeder diese Einflüsse zitiert, statt die Eigenständigkeit Eurer Arbeit zu betonen?

 

Lindström: Um ehrlich zu sein, nervt das natürlich. Aber es ist bequemer, zu sagen, die Musik klingt wie die und die Band, die jeder kennt, als etwas Neues zu formulieren. Damit müssen wir leben. Manche Vergleiche sind natürlich schmeichelhafter als andere... (bedeutungsvolles Ausschweigen)

 

Irgendwer hat über das neue Album auch geschrieben, dass es junge Leute dazu animieren würde, eine Gitarre zu schnappen und eine Band zu gründen. Würdet Ihr nach Euren Erfahrungen dazu raten?

 

Lindström: Dazu muss man niemandem raten, es ist ja bekannt, dass es nicht das Problem der Welt ist, dass es zu wenig Musiker gibt. Aber wenn du es nun mal in dir hast, dann machst du damit weiter. Denn du endest verbittert, wenn Du nicht Deinem Herzen folgst. Das ist meine Botschaft an die Kids da draußen.

 

Na, da haben wir doch die Botschaft, auf die ich gewartet habe! Hat es eigentlich einen speziellen Grund, warum Ihr bei dem deutschen Label Tapete Records unter Vertrag seid?

 

Lindström: Nicht wirklich, das war eher zufällig. Sie haben uns gefragt: „Wollt Ihr ein Album machen oder nicht?" Wir haben ja gesagt und unterschrieben.

 

Sprichst Du denn mittlerweile auch deutsch?

 

Lindström: Nein, aber ich verstehe immer mal wieder etwas. Das heißt, ich glaube, manches verstehen zu können. Vielleicht ist es auch weniger.

 

Könnt Ihr einen Unterschied zwischen schwedischen und deutschen Fans ausmachen?

 

Lindström: Schwer zu sagen. In Deutschland haben wir schon so viele Konzerte gegeben, wir haben quasi eine eigene Fangemeinde. Auch, wenn es nicht Tausende sind, gibt es doch viele, die unsere Platten schon mal gehört haben, unsere Songs kennen und interessiert sind an dem, was wir tun. In Schweden sind wir längst nicht so bekannt. Entweder, wir spielen da für unsere Freunde oder für komplett Fremde. Wenn wir mehr Konzerte gespielt hätten, würden wir dort sicher auch ein nettes Publikum antreffen. So treffen wir dort auf ein ziemlich steifes Publikum.

 

Schwedische Musik ist ja mit vielen Klischees behaftet, melancholisch, düster, nachdenklich und so weiter. Gibt es umgekehrt in Schweden auch Klischees über die deutsche Musik?

 

Lindström: Soweit ich weiß, haben deutsche Bands immer sehr teure Ausrüstung, im Vergleich zu dem, mit dem wir herum reisen. Und viele effect pedals. Nein, Spaß beiseite, die deutsche Musiklandschaft erscheint mir schon sehr breit gefächert, von Metal über Punk bis hin zu vielen verschiedenen Formen von Indie-Rock.

 

Jetzt bist Du diplomatisch...

 

Lindström: Nein, im Ernst. Wir haben wenig Erfahrung mit deutschen Bands. Oder, wie seht Ihr das? Irgendeine Meinung zu deutschen Musikern?

 

Mattias: Nicht wirklich...

 

Jetzt kommt schon!

 

Patric: Sie waren immer sehr freundlich zu uns!

 

Womit wir beim Stichwort wären: Die meisten Journalisten beschreiben Euch als die netten schwedischen Jungs von nebenan, eine Kritikerin wollte Euch gar heiße Schokolade und Kekse anbieten. Habt Ihr angesichts solcher Aussagen nicht mal Lust, ein Hotelzimmer zu zertrümmern?

 

Lindström: Doch, eigentlich schon. Ich habe heute einen kaputten Fernseher fotografiert. Ich werde ihn auf unsere Myspace-Seite stellen und behaupten, dass wir das waren, um unser Image aufzumöbeln. Hm... lass mal überlegen. Ich hab mal mein Handy auf einer Tour kaputt gemacht. Aus Versehen.

 

Johan: Das nenn' ich Rock'n'Roll.

 

Lindström: Oh, und ich hab mal auf einem Konzert ein Stück von meinem Zahn verloren.

 

Wie das?

 

Lindström: Ich habe mir das Mikrofon etwas zu hart dagegen geschlagen. Ich bin nämlich ein ziemlicher verrückter Typ!

 

Dann bin ich mal gespannt, was heute Abend passiert und wünsche eine gute Show.

 

Bei Joel Lindström von The Horror The Horror bedankt sich für das Interview: Petra Schönhöfer

(2008)




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