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Papalagi im Portrait
Sunday, 18 April 2010 10:14
Experimentierfreudig: Papalagi

Die vier Köpfe von Papalagi beschreiben sich selbst als ein „entspanntes Projekt freidenkender Musiker“, fernab jeder Szene zwischen Freiburg und dem tiefen Schwarzwald, wo Gutach und Wolf in die Kinzig fließen. Das klingt beschaulicher als das musikalische Produkt zunächst vermuten lässt: eine komplexe Mischung aus Prog-Rock-Elementen, Hardrock und Elektronik, zerbrechlich wie Radiohead, treibend wie Pearl Jam und melancholisch-emotional wie die Isländern von Sigur Rós. Eine genauere Betrachtung dieser ideenreichen Grenzüberschreitung mit einer bereits beachtlichen Bilanz von 13 Jahren eigenwilliger Musikgeschichte  ist lang überfällig, meint die LAXMag-Redaktion.

Ein Bandportrait ist meist eine recht gradlinige Angelegenheit. Biografische Daten, Discografie, Konzerte, etwas aufschlussreiche Trivia nebenbei… Alles in allem lässt sich das für den Musikjournalisten ohne Anstrengung zusammenfassen. Doch was, wenn man auf Papalagi stößt und sich plötzlich so viele Ideen, Thematiken und musikalische Seitenwege auftun und ein Portrait im herkömmlichen Sinne bei weitem nicht adäquat erscheint? Man nennt die sich ergebenden Ansätze „eine Annäherung in drei Teilen“, eine Annäherung an eine Formation aus dem Süden Deutschlands, aus dem Herzen des progressiv eingestimmten Musikmachens, mit dem Blick über die Grenzen einer einzelnen Kunstform hinaus – und wünscht eine bereichernde Lektüre.

Zur Band-History

Im April 1997 formieren sich Philip (Schlagzeug), Chris (Bass), Marco (Gitarre) und Thilo (Gesang) als Band. Dabei werden die Wochenenden auf einem altem Hof („Proberaum, Lebewelt und Partylocation“) zur wichtigen Basis des musikalischen Näherkommens, das die Musiker als ein „magnetisches Zusammensein“ bezeichnen. Mit viel Enthusiasmus, Freunden und guten Connections wird nun stetig am Aufstieg und Bekanntheitsgrad gearbeitet. In den kommenden Jahren bleiben sie sich die Vier trotz bewegter Zeiten und Krisen durch Studium und beginnendes „Settling“ hindurch treu, treten 13 Jahre später noch in der Originalbesetzung auf und halten am Freiraum für Experimente fest.

1998 gibt es mit O lado de la – Live-Mitschnitten eines Konzertes während einer Portugal-Reise – eine erste offizielle Zusammenstellung von Tondokumenten. „Rau“ nennen sie diese CD der Gründerzeit. Schon deutlich ausgefeilter wird es 2001 mit der Vier-Song-Scheibe Park'n'Ride. Kernstück ist der Track Tatooine, ein Favorit nicht nur der Band. Sympthomatisch ist schon hier, was den Sound von Papalagi prägt und wiedererkennbar macht: sehr sphärisch und losgelöst von Ort und Zeit klingt diese Musik, mit Tempowechseln und steter Veränderung, Prog-Rock-typischer „Überlänge“ der Tracks und komplexer Konstruktion. Auch der Titel Five4tune nimmt schon vieles vorweg: ungewöhnliche Soundelemente wie Vogelgezwitscher, das sich durch den ganzen Song zieht, dann Countrygitarren-Klänge, die aufhorchen lassen, auch wenn sie passend scheinen. Mit diesen Klang-Experimenten verwischt der „Schwarzwald-Vierer“ die Grenzen eines gewöhnlichen Musikrepertoires nicht nur, sondern öffnet sie sperrangelweit.

Live geht es, wie schon der Portugal-Trip zeigte, für die Herren auch gern über die deutschen Grenzen hinaus, u.a. ins benachbarte Frankreich (z.B. das Straßburger Fete de la musique), die Schweiz (Montreux Jazz Festival) oder nach Einhoven in die Niederlande. In Deutschland werden sie auch nicht müde, in und um Freiburg herum aufzutreten, bespielen das Saarbrücker, Frankfurter, Leipziger und Hamburger Publikum ebenso wie sie sich auf Musik-Events wie dem Mountainbike Musikfestival und dem Emergenza Music Festival blicken lassen.

Zehn Jahre Bandsein krönt schließlich das Album Einsnull (2007) mit sechs Tracks – inclusive dem genialen Glanzlicht Plusminus Complex mit einprägsamen Gitarreneinsatz. Noch mehr Raum nimmt der facettenreiche Gesang von Leadsänger Thilo ein, mit einer vollen, melodischen Stimme so dehnbar wie die eines Musicalsängers plus beinahe verströrendem Tiefgang. Besonders interessant wird es z.B. bei dem groovigen Sandy & Ashley, wenn der etwas langsamere Gesang mit ganz eigenem und vor allem selbstbewusstem Tempo der schnellen Gangart der Musik hinterher zu schlendern scheint. Während der Aufbau gewohnt komplex bleibt, der Sound ebenso munter wie bewegend, spiegeln die Texten viel Selbstreflektion und Stationen auf dem Weg der Selbstfindung („You don’t know what it is like to me - you wanted to search in you, you get it now?“ aus Plusminus Complex), aber nie klingt das schwer, sondern stets beschwingt.

Das aktuelle Album

Papalagis Aktuelle: EinszweiAuf dem in kräftigen Farben gestalteten Cover der aktuellen CD Einszwei aus dem Jahre 2009 kehrt das Motiv der Vorgängerplatte zurück: Ein Reiter, der entgegen der Laufrichtung auf seinem Pferd sitzt. Nur handelt es sich diesmal nicht um einen Jockey sondern um einen Springreiter mit weißem Turnierpferd, das gerade zum Sprung ansetzt. Vorwärts reiten, aber nach hinten blicken. Eine dynamische Bewegung, die gleich zwei Richtungen einschließt. Ein Bild das eine gewisse Anfangsirritation hervorruft, mit der Musik im Hinterkopf bzw. Hintergrund jedoch absolut Sinn macht.

Mit neun Songs ist Einszwei ein ausgewachsenes Album, das intensive Klangfarben einer breiten Palette mit ungewöhnlichen musikalischen Motiven kombiniert, die oft aus mehr als einer Richtung zu kommen scheinen: Von sanft über treibend, in sich ruhend bis getrieben, säuselndes Gänsehautfeeling, slow und sexy (Three Letter Word) bis zu heißem, herausfordernden Beat zum sich im Takt mitgehend verlieren (Into the Rush). Als Hörer wird man so mit ein paar ungewöhnlichen (Tempo-)Wechseln und Gefühlsschwankungen konfrontiert, die sofort die komplette Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das bereichert, Schicht auf Schicht. Nur Stillstand und Rast gibt es keine, denn die sind bekanntlich dem (musikalischen) Tod zu nahe.

Bereits der schöne Auftakt mit Artist Creating a Myth und später Quotes of Quotes verdeutlicht das Selbstverständnis von Papalagi – Künstler sind hier am Werk, die sich eingebettet sehen in kulturelle Traditionen, diese reflektieren, kritisieren und durch sie hindurch ihren eigenen Weg bahnen, ohne sich noch auf althergebrachte Erfolgsrezepte als Rettungsanker verlassen zu wollen. „Truth hides outside the frame.“ Hier preschen keine jungen Wilden los, hier entfalten sich Konzept und Gedankenwerk. Das mag verkopft klingen, kommt aber mit so eingängigen Melodien und groovigen Elementen daher, dass es beinahe Staunen macht.

Cascade ist ohne Frage der Favorit und Höhepunkt der Platte, etwas komplexer gebaut und daher vielleicht auch etwas sperriger als die anderen Titel. Hier überlagern sich stimmliche und instrumentale Ebenen, werden zu einem sehnsüchtigen Ganzen und teilen sich wieder, die Stimmung geprägt vom Gefühl des Auf- und Ausbruchs. Auch die eingesetzten Rhythmen verdeutlichen einmal mehr die Leistung des trockenen Schlagzeugsounds mit vielen Ghostnotes gegen den Takt. Und weil der Text so viel über Papalagi verrät, sei er hier in Auszügen widergegeben: “How far… How far have you already come? Are you patient? Are you bold? How far are you willing to go?” “My boundaries are like walls of my skull. Facing up the basic quest. The deepest sense of who you are is banished running into circles.” So altmodisch es klingen mag, der Schlussschrei nach “So many ways that I could be a start of. Continuing the end.” geht daraufhin dann wirklich durch Mark und Bein.

So mitreißend Sänger Thilo seine Stimme auch einzusetzen weiß, Papalagi verlassen sich glücklicherweise nicht darauf. Instrumentale Teile und neben dem Intro noch zwei Interludes umrahmen das ganze Album und setzen Akzente zwischen einzelnen Songs. Weniger teilt dieses geschickte Mittel das Ganze in abgegrenzte Kapitel, vielmehr verbindet es die einzelnen Songs wie zusammengehörige Elemente und entschleunigt den Abfolge-Rhythmus der ganzen Platte auf angenehme Weise. Ebenso gibt es innerhalb der einzelnen Tracks immer wieder lange instrumentale Phasen, eingangs wie bei p-a-c-k oder am Schluss des loungig-zärtlichen Three Letter Word. Ein schöner Entschluss, der Musik ihre Zeit zu lassen und sie in einen beinahe schwebenden Rahmen einzubetten. Dem entsprechend ist auch der letzte Song Incommunicator ein feiner, beinahe etwas mittelaltermusikmäßiger Ausklang, der kurz verharrt, beinahe abzubrechen scheint und dann sehr elegant in die Stille entlässt.

Die Übertragung der Gedankenwelt aus Kulturkritik und Selbstreflektion auf eine musikalisch anspruchsvolle und Energie geladene Ebene ist hier also voll geglückt. Jeder einzelne Song, aber auch insgesamt die ganze Platte sind runde Werke, an denen jeder Takt, jeder Instrumenteeinsatz und jede gesungenes Wort stimmen. Sehr präsent und gegenwärtig. Wer also jenseits der Spaßgesellschaftsmusik auf Anhaltendes setzt, Musik, die sich nicht schnell abnutzt, sondern auf der eigenen Suche begleitet und neue Impulse gibt, ist mit Einszwei richtig beraten.

Experimente und kein Ende

„Papalagi“, das ist ein samoanisches Wort, das bereits 1920 vom deutschen Maler und Schriftsteller Erich Scheurmann in den fiktiven Reiseberichten eines Südseehäuptlings dem interessierten Kulturellen vorgesetzt wurde. Übersetzt heißt es wörtlich der Himmelsdurchbrecher, im Übertragenen der Weiße, der Fremde. Man lernt doch nie aus. Nach allen bereits preisgegebenen Facts über Papalagi – die Band – ist schon klar, welche Assoziationen der Name, seine ungewöhnliche interkulturelle Bedeutung und die Musik hervorrufen (können).

Mut zur Veränderung und ein ungebrochener Willen zur Überraschung durchziehen das Werk von Papalagi von Anfang an – sei es der unorthodoxe Einsatz von Instrumenten wie Digderidoos und Percussion oder der von ungewöhnlichen Soundelementen. Aber Musik allein scheint den Viern nicht genug der Kunst. So begleiten die erschienen Alben z.B. graphisch gestaltete Liedtextdokumente und natürlich abwechslungsreiche Videoclips zu ausgewählten Songs, die mit Video-Installationskunst gleichziehen. Aggressiv abstrakt (Superbooster) oder spielerisch-unterhaltsam (Quotes of Quotes) – und auch hier: immer mit konsequentem Konzept.

Sicherlich ein Zeichen unserer Zeit, in der kaum eine ambitionierte Bühnenshow oder ein hip-modernes Theaterstück noch ohne Videoinstallationen auskommt, kein Elektro-Club mehr ohne angesagte VJ-Illustrationen. Doch Papalagi treiben das Ganze mit Ausflügen in ungewöhnliche Klangräumenoch einen entscheidenden Schritt weiter. So ging es von der Musikbühne und unprätentiösen Openair-Einlagen mit vorbeiziehenden Straßenbahnen im Hintergrund bis tief hinein in den magischen Raum des bewegten Bildes. Im Herbst 2009 eroberte die Band mit zwei ausverkaufen Konzerten einen Kinosaal in Haslach, neben ihrer Musik auch mit einer Kombination aus ausgewählten Film- und Bildsequenzen. Ungewöhnliche und exklusive Spätvorstellungen - in gewisser Weise noch intimier als ein kleiner Club, denn hier wird das Publikum von den Zuschauern noch viel mehr zu Zuhörern, die sich in bequemen Kinosesseln dem Sound hingeben, ohne Bierholen und Zwischenquatschen an der Theke. Statt Bewegung zur Musik fordern Papalagi hier das Bewegtsein von der Musik ein und stellen erneut ihr durchaus beeindruckendes Selbstbewusstsein als Künstler zur Schau.

"Erweiterte Hörgewohnheiten" - das kann man wohl sagen! Mirjam Miethe

 

Papalagi im Netz:

www.papalagi.de

www.myspace.com/papalagide




HALLO
Nadja und Percy 2010-04-20 19:38:47

Toller Beitrag!
Und da wir euch ja persönlich
kennen,ist es noch
interessanter
über Papalagi zu lesen!
Lieber Gruss und weiter so....
Viel
Spass und Erfolg
guter Beitrag!
Beitzi 2010-05-30 14:20:20

hey,
finde ich ein sehr gelungenen Beitrag!! passend!
lg stefan
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