Home icon Home»Laut»Rezensionen»Adam Green: Minor Love
Adam Green: Minor Love
Friday, 08 January 2010 22:22
Adam Green: Minor LoveIn seltsam verdrehter Körperhaltung springt uns Adam Green auf dem schwarzweißen Album-Cover von Minor Love an. Die Haare sind kürzer, das Tweed-Jacket ist einer lässigen Lederjacke gewichen. Aber es sind ja auch fünf Jahre vergangen, seit der New Yorker mit seinem Album Gemstones den Status als Geheimtipp verlor und Plattenläden plötzlich ein Regal mit der Aufschrift "Anti-Folk" einrichten mussten. Die Optik hat sich zweifelsfrei geändert - doch wie klingt Adam Green 2010?

Das Jahr 2005 war DAS Jahr für Adam Green. Mit seiner Single Emily schaffte er es nicht nur in die Charts, sondern auch zu Harald Schmidt und Stefan Raab und somit vor ein Massenpublikum. Ein seltsames Phänomen ließ sich beobachten: Musikalische Anspruchslosigkeit an der Grenze zum Dilletantismus wurde zu einem innovativen Genre erhoben, komplett sinnfreie Texte über Taubenscheiße und Kaugummiberge wurden plötzlich als tiefsinnige Lyrik interpretiert. Der Wahnsinn gipfelte in einem Gedichtband von Adam Green und einer ausverkauften Tour durch bestuhlte Konzertsäle, bei der man mit etwas Glück (oder Pech) sogar die eigenen Eltern treffen konnte. Der Junge mit den verstrubbelten Haaren und dem abgetragenen Sakko galt als verkanntes Genie mit ungeahntem Potenzial. Trotzdem konnte Adam Green mit den nächsten beiden Alben nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen.

Fünf Jahre nach dem Hype legt Adam Green mit Minor Love nun ein überraschend reifes, überraschend anderes, überraschend vielseitiges Album vor. Zwar reimt Green immer noch alles, was sich nicht bei drei auf der letzten Seite des Wörterbuchs versteckt ("castles and tassels and flatulent assholes"), doch Nonsense und Albernheit sind weitestgehend aus seinen Lyrics verschwunden. Stattdessen erzählt der Sänger mal witzige, mal anrührende Geschichten, die teilweise durchaus dem Begriff "poetisch" gerecht werden.

Auch musikalisch befreit Adam Green seine Songs endlich wieder von allem überflüssigen Beiwerk. Minor Love knistert und knackt wie eine zerkratzte Schallplatte. Vorbei sind die Vaudeville-Ausflüge seiner letzten beiden Alben, auf denen Adam Green den Indie-Anti-Entertainer gab. Stattdessen lässt er nun Erinnerungen an Lou Reed und Leonhard Cohen wach werden. Kein Song überschreitet die Drei-Minuten-Grenze, doch in dieser kurzen Zeit schafft Adam Green perfekte Spannungsbögen und lässt vor dem inneren Auge unweigerlich Bilder entstehen. Bilder von leeren Flaschen, vollen Aschenbechern und einsamen Menschen. Minor Love ist der vertonte Kater am Sonntagmorgen.

Der Sänger wollte seiner eigenen Aussage nach ein bündiges, in sich stimmiges Werk aufnehmen. Das ist ihm mit Minor Love in jedem Fall gelungen. Lediglich Oh Shucks und Lockout heben sich eher lärmig von den ansonsten ruhigen und melodiösen restlichen Stücken des Albums ab. Bei aller Reduziertheit hat Adam Green das Kunststück vollbracht, ein vielseitiges und berührendes Album zu schaffen. Ob er damit an den Erfolg von Gemstones anknüpfen kann, ist freilich fraglich. Minor Love beweist jedoch, dass Adam Green vielleicht tatsächlich über ein nahezu geniales Potenzial verfügt, das er jetzt, mit mehr Reife und Erfahrung, endlich voll nutzen kann. Bettina Koch

 

VÖ 08.01.10




Kommentar schreiben
Name:
Email:
 
Titel:

3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved."

 

Kommentare