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Chelsy: Sweet Medicine
Chelsy: Sweet MedicineBisher war das Ruhrgebiet vor allem für Bergbau und Herbert Grönemeyer bekannt. Als europäische Kulturhauptstadt muss sich Deutschlands größter Ballungsraum da natürlich etwas mehr einfallen lassen. Dabei sollten die Verantwortlichen den Blick mal in Richtung Mülheim an der Ruhr schweifen lassen. Denn mit ihrem neuen Album Sweet Medicine machen Chelsy das unscheinbare Städtchen zur Musikkulturhauptstadt und zeigen, dass unter dem Kohlenstaub doch der eine oder andere Popdiamant verborgen liegt.


Aus jedem Ton, den Chelsy anschlangen, klingt eine unendliche Liebe zur Musik. Hier wird nicht für das Radio oder die Tanzfläche komponiert, sondern die Band möchte ihr Leben mit uns teilen. Berührend wird da in First LPs beschrieben, wie ein kleiner Junge die Musik für sich entdeckt, zunächst noch unschuldig und ohne einen Gedanken an die Industrie zu verschwenden, die hinter all diesen Klängen steht. "Spending hours on analysing, telling friends about the hottest shit." Lagen wir nicht auch alle mal andächtig mit dem großen Englisch-Wörterbuch vor der Stereoanlage und haben versucht, die Worte zu den Melodien zu begreifen? "Making plans to continue with it, for the future kids" träumt der Junge von einer Musikerkarriere, um seine Gefühle irgendwann auch ausdrücken zu können. "Could there be any easier way to express what you feel?"

Dieser Gedanke scheint hinter jedem Song von Chelsy zu stehen. Ehrliche Gefühle, Träume und Hoffnungen werden in Klanggewänder gekleidet, die durch ihre schmucklose Schlichtheit bestechen. Ohne ablenkendes Beiwerk zeigt sich die Musik in einer überwältigenden Intimität. Unmittelbar und unverkleidet stehen die Lieder vor dem Hörer und warten darauf, von ihm mit offenen Armen empfangen zu werden. Mit dieser entwaffnenden Ehrlichkeit spielen sich Chelsy unweigerlich in alle Herzen.

Jeder der 10 Songs auf dem Album ist sorgfältigst arrangiert, und diese Hingabe zum Detail macht Sweet Medicine so unwiderstehlich. Die wunderschönen, eingängigen Melodien sind Balsam für unsere vom Winterblues geschundene Seele und erinnern uns daran, dass es tatsächlich auch wieder einen Sommer geben wird. Einen Sommer, in dem wir im Gras liegen und vor uns hin träumen werden. So intensiv, wie Gefühle nur an einem lauen Sommerabend sein können, ist jede einzelne Sekunde auf Sweet Medicine. Wie dezent glänzende Pop-Perlen erscheinen die Lieder im ersten Moment, dann verwandeln sie sich in schillernde Seifenblasen und laden den Hörer ein, die Gedanken auch einfach ziehen zu lassen.

Mal unterstützt durch ein Akkordeon, mal mit Streichern, mal reduziert auf die Gitarre finden Chelsy in ihren Songs immer die richtige Balance zwischen Purismus und Perfektion. Denn trotz aller songschreiberischen Meisterlichkeit und der hervorragenden Produktion haben die Musiker darauf geachtet, dass das Album nicht zu glattpoliert wird, sondern so rauh und unberechenbar bleibt, wie das Leben eben manchmal ist. Bettina Koch

 

VÖ: 29.01.10



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