| Lostprophets: The Betrayed |
Fast drei Jahre Lebenszeit der Bandmitglieder, zwei Produzenten und rund 750.000 Dollar haben die Aufnahmen zu The Betrayed verschlungen. Bei ihrem vierten Album wollten Lostprophets alles perfekt haben. Ein fast fertiges Album wurde wieder eingestampft, weil es der Band zu glattgebügelt klang. Am Ende nahmen sie die Produktion selbst in die Hand, und jetzt steht The Betrayed endlich in den Läden. Doch hat sich das Warten wirklich gelohnt?
Der ganz große Erfolg ist Lostprophets in Deutschland bisher versagt geblieben. Während sie in Großbritannien 2006 mit Liberation Transmission an die Spitze der Charts stürmten und mühelos an die 10.000 Tickets pro Konzert verkauften, tingelten die Waliser hierzulande durch die Clubs und spielten auf Festivals zu Uhrzeiten, wenn die meisten Besucher noch beim Frühstück sitzen. Die Fanschar war begeistert, aber eben vergleichsweise überschaubar. So richtig wusste man einfach nicht, wohin mit dieser Band: zu poppig für Emo, zu hart für Indie, dazu diese von Jared Leto abgeguckten, stets knitterfrei sitzenden Outfits und die sorgfältig gesträhnten und gestylten Frisuren - da will einfach keine Schublade passen. Das wird sich wohl auch mit The Betrayed nicht ändern. Von Stilwechseln und Trend-Anpassung halten Lostprophets offensichtlich gar nichts, stattdessen zieht die inzwischen zum Sextett gewachsene Band konsequent weiter ihr Ding durch. Allerdings wurden die poppigen Spielereien, die Liberation Transmission zu einem Mainstream-Erfolg verhalfen, wieder stark zurückgeschraubt. Stattdessen scheint es, als wollte die Band die bei den Aufnahmen verlorene Zeit unbedingt wieder gutmachen, so sehr wird bei The Betrayed aufs Gaspedal gedrückt. Dazu knallt der Sound derart fett aus den Boxen, dass es eine wahre Freude ist. Alle, denen das letzte Album von 30 Seconds To Mars zu verspielt, zu poliert und zu poppig ist, werden bei The Betrayed vor Begeisterung einen Handstand mit anschließender Rolle vorwärts hinlegen. „Kein Bullshit, keine Tricks, ungeschliffen, zornig und catchy wie Sau." So beschreibt Bassist und Co-Produzent Stuart Richardson das neueste Werk seiner Band. Dem ist wenig hinzuzufügen. Lostprophets verzichten auf Bläser, Streicher, Chöre und was sonst neuerdings alles zur Standardausstattung eines Aufnahmestudios zu gehören scheint. Stattdessen groovt schon der Opener If It Wasn't For Hate We Would Be Dead By Now bitterböse und macht von Anfang an kompromisslos klar, dass es sich hier trotz der passenden Klamotten ganz sicher nicht um die richtige Platte für eine Teenie-Emo-Party handelt. Destroyer, Destroyer lässt Erinnerungen an Rage Against The Machine zu deren Hoch-Zeiten wach werden, und bei Next Stop Atro City wird mit zügelloser Energie gekreischt und auf die Instrumente eingedroschen, bis man meint, die Platte müsse angesichts dieser Gefühlsexplosion gleich aus dem Player springen. Als Ausgleich zu all der Wut und dem unbändigen Zorn haben Lostprophets jedoch auch dieses Mal wieder gnadenlose Hooklines im Gepäck. Vor allem die zweite Single Where We Belong und das hymnische For He's A Jolly Good Felon verfügen über Melodien, die ansteckender sind als die Schweinegrippe im überfüllten Wartezimmer. Hier haben Lostprophets das Erfolgsrezept von Hits wie Rooftop oder Last Train Home wieder aufgegriffen, zu denen selbst musikalisch völlig Desinteressierte die Füße nicht still halten konnten. Dirty Little Heart ist mit seinem sofort mitsingbaren Refrain sogar fast schon radiotauglich, ohne dabei jedoch in die Belanglosigkeit abzudriften. Kurzum: Der Perfektionismus der Band und das Warten der Fans haben sich zweifelsfrei gelohnt. Mit The Betrayed haben Lostprophets einfach alles richtig gemacht und ein Album eingespielt, das schlichtweg keinen einzigen Durchhänger hat. Ob sie damit drei Jahre nach dem Hype in ihrer Heimat noch an den Mega-Erfolg von Liberation Transmission anknüpfen können werden, ist freilich fraglich. Zumindest in Deutschland werden sie mit The Betrayed aber sicher ein paar neue Fans gewinnen. Bettina Koch
VÖ: 29.01.10
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