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Joanna Newsom: Have One On Me
Tuesday, 02 March 2010 01:00

Joanna NewsomManchmal scheinen Worte nicht auszureichen um ein Album zu beschreiben. Man scheint sich einfach nicht dem Kern, dem Gefühl, der Idee nähern zu können. Oder wie es Zadie Smith passend formulierte: "Writing about music is like dancing about architecture". Joanna Newsoms neue Triple-CD Have One On Me ruft genau dieses Gefühl hervor alles sagen zu wollen, weil es soviel zu sagen gäbe, und doch nicht zu wissen, wo anfangen.

Beginnen wir mit etwas Einfachem, mit einem Schwank durch das künstlerische Dasein Newsoms. Im frühkindlichen Alter lernte sie Klavier spielen, wechselte jedoch schnell zur Harfe, die bis heute ihr Hauptinstrument ist. Nach einem Studium der Musik und des kreativen Schreibens veröffentlichte sie 2004, mit Anfang 20, ihr erstes Album The Milk-Eyed Mender. Ys folgte zwei Jahre später. In den vier Jahren bis Have One On Me spielte sie nicht nur die gefühllose Mum im MGMT Video zu Kids, sondern tourte viel und modelte.

18 Titel, verteilt auf drei CDs, umfasst das neue Werk. Von den fast schon abnorm langen Songs auf dem Vorgänger (bis zu 17 Minuten sind die fünf Titel lang) verabschiedet sie sich nun. Zehn Minuten Länge sind aber auch hier keine Besonderheit. Wie sollte auch sonst das ganze Schreibgenie und der Ideenreichtum der aus Nevada stammenden Sängerin gefasst werden. Kreativität braucht eben Raum. Wie schon auf Ys erinnern ihre Lieder schon allein auf Grund ihrer Länge und Wortanzahl eher an Kurzgeschichten oder Märchen in die man sich gerne vertieft. Durch gekonnte musikalische Inszenierung einzelner Sätze bleibt man immer wieder an bestimmten Stellen hängen, etwa wenn bei Go Long die Musik plötzlich zurückfährt und man Newsom hauchen hört: In the sinking sand, where we've come to rest, have i ever had a hand in your loneliness? Es bleibt dem Hören kaum eine Möglichkeit sich den Worten zu entziehen. Es ist fast als würde man wie Alice ins Wunderland gezogen in dem man vieles nicht versteht, aber dennoch fasziniert von dessen Schönheit und Seltsamkeit ist.

Musikalisch wendet sich Joanna Newsom stärker dem Klavier zu, auch wenn die Harfe, ihr Markenzeichen, noch immer an erster Stelle steht. Dass sie das Klavier aber beinahe ebenso virtuos beherrscht wird schnell klar. Außerdem ergeben sich dadurch interessante Vergleichsmöglichkeiten mit einer der größten Pianofrauen überhaupt: Kate Bush. So findet man bei Titeln wie Soft as Chalk unweigerlich Stellen, die einen musikalisch wie auch stimmlich an die Britin erinnern. Andere Vergleichsmöglichkeiten bieten sich allerdings nicht, denn Joanna Newsom vertritt nach wie vor eine Einzelstellung in der Musikwelt.

Bemerkenswert ist, neben dem Songwriting, die stimmliche Entwicklung der Künstlerin, so ist die quietschige und von vielen als nervtötend empfundene Stimme der Anfangsphase passé. Unverkennbar ist sie zwar immer noch, aber deutlich gereifter, weicher und von größerem Umfang.

Die 18 Titel sind so abwechlungsreich und so dicht und voll an musikalischen Möglichkeiten und Ideen, dass es schwer fällt, Favoriten auszuwählen. Zwischen schlichten und gleichzeitig wunderschönen Harfenballaden wie On a Good Day findet man penibelst arrangierte, orchestrale Meisterwerke, die teilweise überraschen und gleichzeitig mutig zwischen verschiedenen Musikgenren umherspringen. So endet ein ruhiges Stück plötzlich mit chinesischen Klängen, ein anderes wechselt unvermittelt zu barocken Tönen à la Corelli. Und genau die macht die Musik Joanna Newsoms aus, so weiß man nie was kommt, wird im Minutentakt überrascht und durch kühne Ideen und stimmliche Ausschweifungen regelrecht geschockt und so zum Zuhören regelrecht gezwungen. Selten findet man Musik die im Gesamtpaket so bewegt, so fasziniert, so überrascht wie es bei Have One On Me der Fall ist und genau deshalb nimmt es eine absolute Sonderstellung in der heutigen Musikwelt ein. Rebekka Schwarz

(VÖ: 01.03.2010)




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