Home icon Home»Laut»Rezensionen»Zox: Line in the Sand
Zox: Line in the Sand
Tuesday, 10 June 2008 22:51
Ausgeschlafenes Songwriting: Zox mit Line in the Sand

Mit einer Geige ließ sich im Indie-Rock nie groß Eindruck schinden. Und das zu Recht. Man erinnert sich vielleicht noch an das kurzlebige E-Violinen-Gegniegel von Yellowcard. Dass es zum Glück auch anders geht, demonstrieren Zox ziemlich beeindruckend auf Line In The Sand.

 

Nach Take Me Home und The Wait veröffentlichen Eli Miller, Spencer Swain, Dan Edinberg und John Zox nun ihr drittes Album. Die Jungs aus Providence, Rhode Island, USA, haben damit ein musikalisch und vor allem instrumental komplexes, detailliert durch arrangiertes und wuchtig klingendes Werk zusammengestrickt. In den Songs auf Line in the Sand spinnt sich ein zackiges Staccato-Netz aus kratzigen Gitarren und Geigenversatzstücken, die oft gar nicht als solche zu erkennen sind. Man muss schon zweimal ins Booklet spicken, um sicher zu gehen, dass auf diesem Album wirklich keine Synthesizer und Sampler zum Einsatz kamen, so ungewöhnlich und abwechslungsreich sind die Klänge, die auf diesem Album vor allem der Geige entlockt werden. Melodisch ziemlich komplexe aber immer solide nach vorne schiebende Muster entstehen da in Songs wie dem Opener Line In The Sand. Unzählige Geigen und Gitarren, von klaren Funkeinwürfen bis dröhenden Fuzz-Linien, treten gegeneinander an und spiegeln so perfekt das Thema der Schizophrenie im Text.

 

Äußerst ausgeschlafenem Songwriting ist es zu verdanken, dass jede Nummer aus dem ganzen Instrumentalgefrickel heraus zuverlässig in einer eingängigen Gesangshook gipfelt. Oft stampft es im schweren Moll so dahin und erinnert angenehm an 80er-Bands wie Depeche Mode, etwa in When The Rain Comes Down Again. Das alles kommt mit dem nötigen Pfund Bombast, einem passenden Schuss Pathos und Dramatik. Goodnight, die ersten Singleauskopplung, gibt zur Abwechslung den eingängigen konventionellen Akustiksong, der die durchgängigen Themen des Albums schön vereint: Selbstentfremdung, Orientierungslosigkeit, Paranoia, Liebeskummer, Weltschmerz, Trostlosigkeit und darin immer der Funken Hoffnung, wobei man sich dafür eine etwas weniger platte Weisheit als „you have to leave the ground to learn to fly" wünschen darf. Textlich ungewöhnlicher wird's da schon bei 7th Avenue Prophet, einer tragischen Hommage an einen rhetorisch begabten obdachlosen Vietnamveteranen.

 

Mit Towards Los Angeles wird dann klar, warum Zox ihre Musik selbst gern als Reggae-Rock beschreiben. Plötzlich klingt's wunderbar leicht und treibend nach The Police. In Kombination mit den großen Indie-Akkordwänden im Refrain und einem astreinen Geigensolo entstehen hier minütlich überraschende musikalische Brückenschläge. In anderen Songs wechselt der Stil unvermittelt von straightem Pop-Punk zu experimentellem Heavy-Funk oder lauschigen Streicher-Zwischenspielen, dann folgt plötzlich wieder kalter, abgehackter 80er-Sound wie in Another Attack. Von einer Band, die bereits Supports für so verschiedene Acts wie Black Eyed Peas, Good Charlotte und Virginia Jetzt absolvierte, kann man auch fast nichts anderes erwarten.

 

Zox haben sich mit Line in the Sand wirklich darum verdient gemacht, ein wunderbar vielseitiges Instrument im zeitgenössichen Indierock zu rehabilitieren. Die Geige funktioniert hier nicht in der üblichen Rolle als harmonischer Weichmacher, sondern spielt Rhythmusparts, übernimmt Leadstimmen und versorgt die Songs ansonsten effektbeladen mit tausenden verschiedenen Details und Farben, von verstörenden, schiefen Synthiegeräuschen, klangmalerischen Effekten bis hin zu pseudoelektronischen Ambientsounds. Das sind insgesamt fantastische Aussichten für die oft verschmähte E-Violine. Denn was spricht schon gegen eine Geige im Indie-Rock? Solange sie verzerrt ist. (Christian Schober)


VÖ 06.06.08




Kommentar schreiben
Name:
Email:
 
Titel:

3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved."

 

Kommentare