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Dieter Meier: Hermes Baby
Thursday, 27 November 2008 13:45

Das neue Hermes Baby von Yello-Menschen Dieter MeierEigentlich sollte jede Tastatur, jeder PC und jedes Notebook einen persönlichen Namen haben. Mit Taufe, Stammbuch und allem Pipapo. Soviel Zeit, wie der Mensch damit verbringt, soviel Höhenflüge und Abstürze er erlebt, während er damit Dinge zu Papier bzw. auf den Bildschirm bringt! Hermes Baby wäre so ein Name. So heißt nämlich die Schreibmaschine von Dieter Meier, und auch sein aktuelles Hörbuch. Und wer ist dieser Herr?

 

Es soll noch Dinosaurier unter den Musikfans geben, die ihn prompt als die bessere Hälfte des Pop-Duos Yello ausmachen, jenen Elektropop-Pionieren der frühen 1980er Jahre, die mit verschrobenen Klangeskapaden und wirklich experimentellen Videos Weltruhm erlangten. Auf Dieter Meiers Konto geht zum Beispiel der Track Oh yeah, der durch seine Verwendung in Hollywood-Komödien wie Das Geheimnis meines Erfolges oder Ferris macht blau in aller Ohren war. In Deutschlands Top Ten schaffte es außerdem The Race, das als Titelmelodie der damals progressiven Musiksendung Formel Eins jeden Samstagnachmittag zwischen 1983 und 1990 im Ersten erklang.

 

Dieser Dieter Meier, trotz Allerweltsnamen gefeierter Performance-Künstler mit gemäßigter Salvadore Dali-Optik, hat sich außer dem Musikmachen und Kunstfilme machen auch dem Schreiben - na ja: verschrieben. Seit etlichen Jahren erscheinen die Essays des spleenigen Schweizers beispielsweise in der Neuen Zürcher Zeitung und in Der Zeit. Zeit wird's dann auch, dass ein Best-of dieser geistigen Höhenflüge auf den Markt kommt. Und weil der moderne Mensch ein Homo Synchronus ist, der gerne mehrere Dinge gleichzeitig erledigt, gibt es dieses Best-of als Hörbuch, zum nebenbei Bügeln, Kochen oder Möbel aufbauen.

 

Womit wir wieder bei Hermes Baby wären, jener Schreibmaschine im „Kleid aus grünen Eisen", die namensgebend für Meiers Essaysammlung und Hörbuch ist. Es ist nämlich kein Zufall, dass ausgerechnet Meiers Schreibmaschine diese prominente Rolle übernommen hat. Denn in dem meisten, was Meier da auf zwei CDs vorträgt, reflektiert er auf die ein oder andere Weise seine Rolle als Autor. Von einem der ersten Stücke Manhattan 1980 bis zum Finale Kuss und Schluss steht des Dichters Last oftmals im Vordergrund des Erzählten.

 

Das führt dazu, dass das Vorgetragene einen bemerkenswert bohemienhaften Unterton erhält. Schaut her, so ein Autor hat es auch nicht leicht. Auch er weiß manchmal nicht, was er mit dem Tag Gescheites anfangen soll, davon singt zum Bespiel das Trauerstück Die Rasur ein Liedchen. Einerseits ist der Hörer angesichts solch koketter Larmoyanz leicht erbost, andererseits freut er sich auch über die Dreistigkeit, mit der dieses lyrische Ich Melancholie und Schwermut im Überfluss zelebriert.

 

Und Meier ist witzig! Paradestück seiner pointierten Künstler-Alltags-Beobachtungen ist Knokke, das hoffentlich autobiographische Stück über Meiers Teilnahme an einem belgischen Filmfestival. Die wilden siebziger Jahre leben darin noch einmal auf: Nackt tanzende Regisseure, eine Filmcrew mit Namen Kombinat Rote Pumpe und Yoko Ono, die in einen Designer-Sack eingenäht verbissen versucht, mit dem Zeitgeist mit zu halten, sind das herrlich amüsante Personal dieser Begebenheit. Und nicht zu vergessen eine junge Dame namens Monique, an die Meier anno 1974 anscheinend sein Herz verlor. Kommentar Meier: „Wir freuten uns wie die Maikäfer."

 

Meier ist, wie bereits erwähnt, Schweizer. Er hat allen Klischees entsprechend eine sehr nüchterne und korrekte Art, seine Essays vorzutragen. Sein Erzählstil ist monoton, abgehackt, holprig. Spannend ist daher nicht, wie er liest, sondern was er liest. Der Hörer kann sich die vielen (selbst-)ironischen Wortkaskaden nur schwerlich merken, obwohl er es ums Verrecken gerne täte, um sie an gegebener Stelle zum Staunen seiner Zuhörer zu wiederholen. Werden hier doch Medienschaffende und andere Künstler ebenso wie Intellektuelle im Allgemeinen so geistreich auf die Schippe genommen, dass es eine wahre Pracht ist. Somit hat Meiers Schreibmaschine nicht umsonst den Gott der Redekunst als Namenspatron.

 

Hermes Baby ist ein Hörbuch, das nicht unbedingt als eingängig bezeichnet werden kann, aber bei genauem Hinhören viele erfreuliche Bon Mots ans Tageslicht befördert. Schönes Gimmick des Pakets ist übrigens die DVD mit den bekanntesten Videos von Yello - eine Lektion für alle, die Lützenkirchens „Drei Tag wach" für eine visuell-akustische Revolution halten... Petra Schönhöfer

 

VÖ: 12.09.08




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