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The Wall in der Filmkritik
Friday, 14 September 2007 14:29
Pink FloydEin endlos langer Hotelflur, hinter irgendeiner Tür spielt eine alte Platte. Der Song, der zu hören ist, erzählt von einem kleinen Jungen, den der Weihnachtsmann vergessen hat. Er ist jetzt groß geworden, sitzt rauchend in einem dunklen Zimmer und wirkt immer noch sehr verloren. Geschütze knattern in seinen finsteren Tagträumen, Soldaten sterben.


Oft sind es ja Bücher, die zu Filmen werden, im Fall von Wall (1982) ist es das epische Konzeptalbum von Pink Floyd, das von Regisseur Alan Parker auf die Leinwand gebracht wurde. Zunächst erzählt es vom Wahnsinn Krieg, von einer väterlosen Nachfolgegeneration. Sehr schnell wendet es sich jedoch dem Innenleben seines Protagonisten zu, des jungen Mannes im Dunklen. Der vaterlos aufgewachsene Rockstar Pink - von niemand Geringerem verkörpert als dem damals noch recht frischen Bob Geldorf - vergräbt sich immer weiter in seine düsteren Gedanken und errichtet um sich herum jene Mauer, die für Film und Platte titelgebend war.

 

In alptraumhaften Sequenzen zeigt Parker, wie Pink immer mehr den Kontakt zur Außenwelt verliert. Das macht er nicht stringent, sondern in durch Musik strukturierten Episoden, die einer Dramaturgie des Irrsinns folgen. Von der sadistischen Lernfabrik, die Pinks Schule war, über das Desaster seiner Ehe bis zum totalen Nervenzusammenbruch und der Wiederauferstehung als faschistischer Diktator zeigt der Film einen nicht enden wollenden Psychotrip, der bisweilen ganz ohne Dialoge auskommt und nur die Musik von Pink Floyd sprechen lässt. Songs wie Another Brick in the Wall oder Mother haben in den grausamen Weltuntergangsszenarien ihre visuelle Entsprechung gefunden, die berühmten verstörenden Cartoons von Geralde Scarfe tun ihr Übriges zur allgemeinen Verunsicherung.

 

Es ist kein Geheimnis, dass die Geschichte von Pink auf den Pink-Floyd-Sänger Roger Waters zurückgeht, der als Produzent am Film mitwirkte. Auch er verlor seinen Vater durch den Zweiten Weltkrieg, auch er wurde mit dem göttergleichen Status eines Rockstars nicht fertig. Zusätzlich zur eigenen Biografie zog er das von Drogen und Depressionen bestimmte Leben des ehemaligen Frontmanns Syd Barret als Inspirationsquelle.

 

Der Regisseur Alan Parker, der auch andere Musikfilme wie Fame, Die Commitments oder Evita drehte, nannte The Wall den „teuersten Studentenfilm aller Zeiten". Dieser Sarkasmus liegt zwar vor allem an den ewigen Streitereien mit Roger Waters, aber seien wir ehrlich: The Wall ist auch kein Kuschelsocken-und-Kakao-Film. Er holpert, stolpert, beißt und kratzt. Die verschachtelten Rock-Arien sind vor allem etwas für wirkliche Pink-Floyd-Fans. Krude, bisweilen freudianische Symbolsprache und ein gruseliges Frauenbild, das sich aus den Extremen der über fürsorglichen Mutter, der untreuen Ehefrau und des promiskuitiven Groupies zusammensetzt, machen aus der Rockoper schwere Kost. Wer will, kann darin ein Stück unbequeme Kunst sehen.

 

Oder ein Stück Zeitgeist, denn 25 Jahre später erscheinen uns Roger Waters düstere Visionen und sein Zukunftspessimismus irgendwie naiv. Aber so war das Jahr 1982: Höhepunkt der Friedensbewegung, Beginn des Falklandkriegs, Amtsantritt von Helmut Kohl. Deutschland verliert die WM gegen Italien, dafür gewinnt Nicole gewinnt mit „Ein bisschen Frieden" den Grand Prix d'Eurovision. ABBA trennt sich, die Toten Hosen und Die Ärzte gründen sich. The Wall entstammt einer Nachkriegszeit, in der man noch an der postmodernen Fragmentierung litt, die für uns heute selbstverständlich ist. Aus einer Zeit, als Pink noch ein impotenter Antiheld war und keine rockende Powerfrau. (Petra Schönhöfer)




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