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Ex Drummer in der Filmkritik
Monday, 03 May 2010 16:29

Ex Drummer: Die Welt steht Kopf„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder...“ Schön wär’s, wenn der Volksmund nur Recht hätte. Aber die drei abgefuckten Typen, die es in Ex Drummer vor die Wohnung des ebenso provokanten wie erfolgreichen, belgischen Underground-Schrifstellers Dries (Dries Vanhegen) verschlägt, zieht es mit ihrer Musik auch noch in die Öffentlichkeit, raus auf die Bühne eines Bandcontests. Nur die Schlagzeugposition gilt es noch zu besetzen, warum also nicht mit einem der (ehemals) Besten, der Dries sich rühmen kann zu sein?


Aus Langeweile stellt er sich also den Treffen von The Feminists (!) im runtergekommenen Proberaum in Oostende/Belgien und den abnormen Charakteren der drei Unglücksgestalten aus der Unterschicht: Sänger Koen (Norman Baert) kompensiert seinen Sprachfehler durch gewaltätige Übergriffe auf Frauen. Bassist Jan (Gunter Lamoot) ist schwul und wurde in seiner Jugend von der Mutter beim Onanieren erwischt – seit diesem Trauma kann er den rechten Arm nicht mehr bewegen. Der beinahe taube und drogenabhängige Gitarrist Ivan (Sam Louwyck) scheint noch am umgänglichsten, bis auf sein zugemülltes Zuhause, in dem Frau und Kind mehr sterben als leben. Inoffizielles fünftes Bandmitglied ist Jans Mutter, die ihrerseits die Folgen des Anblicks ihres wichsenden Sohnes zu tragen hat: die Haare fiehlen ihr vor Schreck aus, nun fesselt sie ihren Mann in einer Zwangsjacke ans Bett und lässt den brutalen Koen zwischen ihre Beine.

Die Frage drängt sich vor, während und natürlich nach dem zweifelhaftem Filmgenuss auf: Wer möchte sich wirklich diesem Bastard-Punk im dreckigen, belgischen Abseits stellen? Nicht grundlos erschien der Film innerhalb der DVD-Edition „Kino kontrovers“. Und gerade diese kontroverse Debatte kann die 101 Minuten vielleicht noch auffangen, so dass das Fazit nicht „vergeudete Lebenszeit“ lauten muss.

Die Dekonstruktion von schönen Mythen ist oft ein nützlicher Ansatz bei hässlichen Filmen. In diesem Fall geht es um die radikale Zerstörung des Mythos um den glamourösen Künstler, der trotz Drogenkonsums, Selbstzerstörung, Egoismus und frühem Tod (oder gerade aus diesen Gründen) unter all dem Desaströsen etwas Heiliges und oft auch Reines mit sich trägt, das er seiner Umwelt durch die Kunst hinterlässt. Nicht so im düsteren Kosmos von Ex Drummer. Hier ist weder etwas heilig noch die Musik eine Kunst. Hier ist die Musik Aggression und Destruktion, in keiner Sekunde „Tarantinomäßig“ cool, sondern bis zur letzten Minute schmuddelig und abstoßend. Ein bisschen vielleicht, als wäre man mitten in einem Neo-Nazi-Musikevent aufgewacht. Die Musik ist ein Medium für schlimmste Abgründe, auch „künstlerischer“ Ausdruck von brutalsten Fantasien solcher, denen wir gern aus dem Weg gehen. Und das obwohl sich Regisseur Koen Mortier mit allen Mitteln der Filmkunst, vor allem einer losgelösten Kamera, sogar recht erfolgreich um eine ausgefeilte und abwechslungsreiche Ästhetik bemüht.

Das Ganze basiert auf einem Roman des umstrittenen, belgischen Hardcore-Schriftstellers Herman Brusselman, dessen breites literarisches Oevre seit den 1980ern aufgrund seiner Extreme als unverfilmbar galt. Daher wohl auch die nicht weniger kontroverse Position des Schriftsteller, der sich angetrieben von Zynismus und Selbstherrlichkeit als Gott gleicher Übermensch gefällt und seine unterbelichteten und unkontrollierbaren Bandkollegen durch geschickte Psychotricks erst richtig in den gewalttätigen Wahnsinn treibt. Weder die Charaktere noch ihre Taten und Motive werden innerhalb der filmischen Erzählung verurteilt. Die Rolle des richtenden Normativen übernimmt der abgestoßene, in die Ecke gedrängte, irritierte Zuschauer allein, der sich zu nehmend von einer Welt bedrängt fühlt, in der in keine Identifikationsfigur an die Hand nimmt und zum Happy End führt. Selbst der hartgesottene Konsument wird sich einer gewissen Scham im Angesicht des nackten Trashs nicht entziehen können – und das allein ist sicher eine Leistung.

Das aktuelle belgische Kino zieht es zum Realismus, mit solchen Ergebnissen mit einem Härtegrad bis an die Schmerzgrenze, der zwischen den Polen „überflüssig“ und debattierwürdiges Grenzexperiment pendelt. Ex Drummer – ist er zu stark, bist du zu ...? Ratlos. Mirjam Miethe




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