| Last Days in der Filmkritik |
| Monday, 20 August 2007 20:37 | |||
Blake geht es nicht gut. Rastlos stolpert er durch Gestrüpp und Bäume, die hagere Gestalt in Fetzen gehüllt. Permanent murmelt er unverständliches, wirres Zeug. Blake war mal Rockstar, so, wie es aussieht.
Last Days heißt der Film von Gus Van Sant (My private Idaho, Good Will Hunting), der dieses traurige Ende als Inspiration für seine Geschichte über das Sterben verwendet hat. Doch Warnung an alle, die nun eine wahrheitsgetreue Rock'n'Roll-Biografie erwarten, Warnung vor allem an alle Nirvana-Fans. Denn ob das ein kleiner Scherz ist oder eine rechtliche Absicherung, Gus Van Sant weist in seinem Abspann ausdrücklich daraufhin, dass Handlung und Figuren von Last Days rein fiktional sind. Natürlich gleicht Blake dem prominenten Vorbild trotzdem bis in die kinnlangen blonden Haarspitzen und diese Verwischung der Grenze von Authentizität zu Fiktion ist bereits der erste Reiz des Films.
Der nächste liegt darin, dass Last Days wahrscheinlich der stillste Musikfilm aller Zeiten ist. Oft gibt es minutenlang nichts zu hören als Naturgeräusche oder Blakes verstörtes Flüstern. Minutenlange Einstellungen ohne Dialoge und vor allem: ohne Musik, auch nicht oder schon gar nicht die von Nirvana. Nur selten greift mal einer zu einem Instrument oder legt eine Platte auf. Stattdessen stumme Zustandsschilderungen oder Momentaufnahmen: Blake spielt selbst versunken auf der Gitarre und wird von der Kamera dabei durch ein Fenster der Villa beobachtet. Blake bereitet sich mit schlafwandlerischen Handgriffen ungenießbare Mahlzeiten zu. Es scheinen nur noch einige, mehr oder weniger sinnvolle Dinge zu geben, die ihn interessieren und denen er sich mit der angesichts seines nahenden Endes geradezu absurden Konzentration eines Zen-Meisters widmet. Teilweise unchronologisch in Zeitschleifen und Perspektivenwechsel erzählt, ist das nicht unbedingt für ungeduldige Gemüter geeignet.
Andererseits entwickelt der Film gerade durch diese Stilmittel eine ungeheure Wucht. Keine bunten Farben und kein schriller Soundtrack lenken vom eigentlichen Thema Tod ab. Wie seine Hauptfigur scheint der ganze Film über den Dingen zu schweben, von weltlichen Pflichten seltsam entbunden. Gus Van Sant sucht keine Antwort auf das „Wieso?" und gibt auch keine Erklärungen, keine kausale Verkettung der Umstände. Gerade noch schmust Blake mit den Babykatzen im Haus, bald darauf hat er sich umgebracht. Wer kann schon sagen, wie der Entschluss dazu zustande kam? Last Days schildert mit geradezu verstörend sanften Bildern einige Tage voller Einsamkeit und Isolation, die für einen jungen Mann wissentlich oder unwissentlich die letzten sein werden. Der tatsächliche Tod Blakes/Kurts, so viel sei verraten, wird fern ab von allen kursierenden Gerüchten und mit einem kleinen Anflug von Metaphysik inszeniert.
Michael Pitt spielt übrigens den sichtlich erschöpften und ausgebrannten Musiker, der das Bad im Wildbach dem in der Menge vorzieht, und wer ihn noch aus Teenie-Serien wie Dawson's Creek als ungeschickten Jungen mit abenteuerlicher Prinz-Eisenherz-Frisur kennt, wird ihn in dieser intensiven Rolle kaum wieder erkennen. Wie sein blasser, drahtiger Körper im schwarzen Damenunterkleid langsam vor dem Fernseher in die Knie sackt, während auf dem Bildschirm ein hochglänzendes Musikvideo der R'n'B-Band Boys II Men läuft, ist eine Schlüsselszene des Films und könnte die Kluft zwischen artifizieller Medienwelt und menschlicher Realität ergreifender nicht darstellen. (Petra Schönhöfer)
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