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PLUS 08: So wars
Saturday, 11 October 2008 16:41


frankspilkerlax.jpg Es gibt sie noch, die Festivals, bei denen alles genau passt: Die richtige Größe, die richtige Location, ein Line-Up, bei dem sich jemand Gedanken gemacht hat, zu einem realistischen Eintrittspreis. Im Raum München heißt die erste Adresse für diese selten gewordene Art von Veranstaltung Prima Leben und Stereo am Vöttinger Weiher bei Freising. In diesem Jahr feierte das PLUS sein 15. Jubiläum und wir waren mit dabei.

 

 

"Heute kracht’s gewaltig" schleudert einem die TZ schon am Morgen des 1. August prophetisch von der Titelseite entgegen, neben dem Titel Hände prall gefüllt mit Hagelkörnern. Dass sich davon so mancher abschrecken ließ, offenbart sich nachmittags auf dem Festivalgelände. Die ersten Auftritte von Starter, Mio Myo und Phil Vetter gehen noch vor recht spärlich belegter Wiese über die Bühne. Jonas Goldbaum gelingt es dann am frühen Abend die nach und nach unter unruhiger Wolkendecke eintrudelten Leute an die Bühne zu ziehen und die mit eigens gebrautem PLUS-Pils warm getrunkenen Festivalbesucher schließlich aus der Liegeposition in die Vertikale zu hieven. Mit ihrem geschliffenen Indie-Pop, der auch mal die große Rockpose und jede Menge Gitarrenvirtuosität ebenso wie introspektive, kluge deutsche Texte erlaubt, kommen die Wiener ehrlich gesagt schon mal verdammt gut an. "Sind Österreicher so beliebt in Bayern?", fragt Sänger Arne. Blickt man ins Publikum, sieht‘s ganz danach aus.

 

Auf dieses sorgfältige Warm-Up folgt der erste kleine Booking-Kunstgriff des diesjährigen Festivals: WinterKids aus England sorgen für internationale Abwechslung im Programm. In breitem Akzent und weißen Pullundern über den bis zum obersten Knopf zugeknöpften Hemden spielt das Quintett einen ultrapräzisen New-Wave-Indie-Rock, der mit unkonventionellen, Melodie-unerschrockenen Keyboardeinwürfen unmittelbar Euphorie unter einem sich verdunkelndem Himmel entfacht. Tapete, das Label von PLUS-Headliner Anajo, hat sich die jungen Briten für eine deutsche Veröffentlichung lizenziert, was wohl erklärt, wie es WinterKids an diesem Abend in die bayerische Provinz verschlug. Während Sänger James im letzten Song, Tape It, seinem Unmut über das ewige Nur-Freunde-Sein herausschreit, rücken die Ersten unter den Regenschirmen zusammen.

 

In 15 Jahren hätte jede Band nur einmal auf dem PLUS gespielt, so erklären die Festivalorganisatoren einen ihrer Grundsätze. Wie schön, das für Anajo eine Ausnahme gemacht wurde. Die Augsburger dürfen tatsächlich noch einmal ran. Mit einer dermaßen prall gefüllten Setlist aus deutschsprachigen Indiepop-Schätzen – und tatsächlich auch schon Klassikern – machen Anajo schließlich jedes Festival zumindest für einige Minuten zum Mittelpunkt der deutschen Musikwelt. Und das auch in strömenden Regen: Leider wird ein recht zäher Soundcheck zur Ouvertüre für einen unerträglich ausdauernden Schauer, der das ganze Konzert über anhält. Da wird sogar Honigmelone zu Wassermelone. Erst nach der letzten Zugabe stoppt der Regen wie auf Knopfdruck unisono mit der Musik. Leider wird einem nach all den wärmenden Klängen von Hotelboy, Wenn du nur wüsstest und Monika Tanzband mit einem Schlag bewusst, wie durchnässt man eigentlich ist. Da es jetzt eh schon egal ist, springt der ein oder andere noch kurz in den Vöttinger Weiher.

 

Während sich ein Großteil des Publikums schon im Zelt, Shuttlebus oder S-Bahn aufwärmt, präsentieren die PLUS-Macher die mutigste Booking-Entscheidung des Festivals: Das Elektro-Volksmusik-Rap-Duo Attwenger bricht den Indie-Rock-Rahmen auf und schafft eine unwirkliche After-Hours-Atmosphäre mit ihren minimalistischen und gleichzeitig vielschichtigen globalistischen Klanglandschaften. Es sind genau diese Acts, die das PLUS von all den anderen deutschen Festivals, in deren Line-Ups sich die immer gleichen Bands vereinen, abheben und eine regionale Identität verleihen.

 

Das vom verregneten Vorabend in ziemlich verschlammtes Terrain verwandelte Festivalgelände lässt die Herzen modebewusster Frauen am Samstag insgeheim höher schlagen. Buntbemusterte Gummistiefel, wie sie vor einigen Jahren aus jedem Schwabinger Boutiquefenster leuchteten, haben endlich Ausgang; so perfekte Gelegenheiten sie zu tragen gibt’s nur selten. Auf der Wiese vor der Hauptbühne ist zum Glück jedoch alles wieder schön trocken und so liegen unter beinahe wolkenfreiem Himmel heute einige Festivalbesucher mehr im Rasen. Während der frühen Auftritte von Missent to Denmark, Anna Zoitke, My New Zoo und Monostars macht sich die harmonischste, entspannteste Festivalidylle breit: Weitgehend ohne stumpf Besoffene, trotzdem schon mit ordentlich Dampf vor der Bühne, wie eine Rock’n’Roll-Version eines Seurat-Gemäldes. Schön, dass man jetzt in Freising und nicht in Wacken ist.

 

Musikalisch passt die Frank Spilker Gruppe mit ihrem schrammelig-souligen Pop, der gleichzeitig zugänglich und komplex ist, perfekt in dieses Bild. Auch typische Sommerproblemchen können dem Trio nichts anhaben: Bassist Max hat sich einen Bremsenstich am Zeigefinger verpassen lassen und spielt mit Pflaster - aber trotzdem ziemlich gut.

 

Zeit für den Headliner, diesmal unter komplett trockenen Bedingungen. Mit Madsen ging man dabei auf Nummer sicher. Die Jungs aus dem Wendland sind die kommerziell größte Nummer im diesjährigen PLUS-Programm und lieferten den gemessen an der Publikumsresonanz erfolgreichsten Auftritt des Wochenendes. „Madsen hat eindeutig am besten gespielt“, bekräftigt auch bööa im Forum von FS-Location. Mit ihrem energetischen, leicht überspannten Rock haben sich die Fünf den Pokal auch redlich verdient. Nachdem die Band mittlerweile Festivals der Rock-am-Ring-Kategorie spielt, scheint sie den kleinen Gig, den sie nur zugesagt hätte, "weil der Name des Festivals so gut klang", richtig zu genießen. Schön findet man auch, dass der Vöttinger Weiher die Zugabe Nachtbaden so schön ergänzt. Kaum endet der Song, springen abgerockte Fans in die Fluten, denen die mittlerweile illuminierten Fontänen, die in hohem Bogen über den Weiher strahlen, einen beschaulich-surrealen Touch verleihen.

 

Ebenso wie am Freitag steigt der musikalische Anspruch nun noch einmal begleitend zur abnehmendem Zuschauerzahl. Polarkreis 18 lassen die PLUS-Bühne mit ihrem sphärischen und trotzdem druckvoll treibenden Pop fast abheben. Komplett in weiß gekleidet und ausschließlich blau ausgeleuchtet spielen sich die Dresdner in rauschhafte Songwirbel bestehend aus etlichen Lagen Synthies und Pianos, die erneut eine entrückte Mitternachtsatmosphäre enstehen lassen und so der halb verregneten PLUS-Jubiläumsauflage einen versöhnlichen Ausklang sichern. Christian Schober


(01.-02.08.2008)




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