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Bonaparte: Den Hasen waschen wir immer wieder
Monday, 24 August 2009 23:01

Bonaparte: Musikerkollektiv mit verstopfter Nase"Anti Anti". An diesem Schlachtruf kam in diesem Jahr keiner vorbei. Kein Wunder, dass das durchgeknallte Berliner Künstlerkollektiv Bonaparte momentan auf fast keinem Festival fehlt.  Beim Prima leben und stereo 2009 in Freising konnte sich die Zirkustruppe um den Schweizer Tobias Jundt sogar den Headliner-Platz sichern.

 

Da die Band erst kurz vor dem Auftritt auf dem Gelände angekommen ist, findet unser Interview schließlich nach dem Konzert statt. Um zwei Uhr morgens sitze ich nun im Backstage-Bereich dem inzwischen halb abgeschminkten Tobias Jundt gegenüber. Ob seine aufgemalten oder meine echten Augenringe schwärzer sind, lässt sich nicht mehr sicher bestimmen. Trotz der späten Stunde zeigt sich Tobias jedoch sehr interessiert und beantwortet alle meine Fragen geduldig und ausführlich. Entstanden ist dabei ein sehr ehrliches und aufschlussreiches Gespräch über Tabus auf der Bühne, stinkende Kostüme und die Macht der Musik.

 

Schön, dass du dir jetzt noch Zeit nimmst für ein Interview!

Tobias: Schön, dass du noch da bist!

Tja, also ich bin schon ziemlich müde, wie geht's dir denn?

Tobias: Wir schweben alle noch. Nach dem Spielen ist man nicht müde.

Aber ihr wart heute doch ziemlich lang unterwegs, oder?

Tobias:
Ja, acht Stunden oder so. Aber das ist noch so schlimm. Der Tag hat immer 24 Stunden, egal, ob man jetzt von A nach B fährt oder in A sitzen bleibt. Von dem her ist es egal. Wir sind diesen Sommer so viel unterwegs, man gewöhnt sich dran. Das ist nicht so schlimm.

Wie war das Konzert für euch?

Tobias: Es war gut. Hmmm, ich kann das gar nicht so sagen für mich. Ich hab' meine kleinen Sachen im Konzert, die mir Spaß machen, die für mich irgendwie cool sind. Dann gibt es Dinge, die für mich nicht cool sind, aber ich weiß, dass es für die Leute vorne nicht so ist. Wenn ich zum Beispiel mich nicht höre oder das Schlagzeug nicht höre oder so etwas. Aber das ist eigentlich egal, denn die Leute vorne hören eben alles, und für die geht's ab. Was ich heute total toll fand: Lulu und Claire standen auf einmal mit Mais auf der Bühne, das fand ich total cool, das war so ein bisschen wie beim Afrikafeldzug, eine Art Buscheroberung. Ich wusste nicht, was sie machen, aber ich wusste, dass sie irgendwas vorhaben. Und dann habe ich nach hinten geschaut, und da waren sie mit dem Mais, und überall war Mais auf der Bühne. In meiner Muttersprache gibt es da einen Ausdruck: Wenn Unordnung ist, sagen wir, da ist Mais. Gibt's wahrscheinlich nicht im Deutschen, oder?

Nein.

Tobias:
Eine Unordnung ist Mais, und ich fand's schön, dass auf der Bühne Mais war.

Du sagtest gerade, du wusstest gar nicht, was die anderen vorhaben. Wie viel Konzept habt ihr denn, wenn ihr auf die Bühne geht?

Tobias: Mais gehört nicht zum Konzept. Die Songs natürlich. Wäre ja auch blöd, wenn wir was anderes spielen würden, denn die Leute wollen ja auch die Songs hören. Ansonsten gibt es innerhalb der Songs eigentlich nicht so viele Strukturen in der Performance. Ich weiß, dass Lulu sich immer ein paar Songs Zeit lässt, bis er mal kommt, und er macht eine Metamorphose durch. Er hat seine verschiedenen Charaktere, er macht aber auch nicht immer das Gleiche. Es gibt Leute wie Mad Kate, die machen nie das Gleiche. Ich hab' meine Kostüme, in denen ich mich gut fühle, meine Kraftausrüstung, mit der ich in die Schlacht ziehe. Wir haben einen roten Faden, an den man sich halten kann. Je nach Stimmung wechsle ich dann vielleicht die Reihenfolge der Songs oder es passiert irgendwas anderes. Es ist aber auch so: Ich springe zum Beispiel total gern auf Drums drauf, aber das kann ich eigentlich nur an zwei Stellen
machen, weil ich sonst immer vorne sein muss, singen muss. Dann mach ich's halt doch meistens an den zwei Stellen und dann nervt's mich, weil ich schon wieder in dem Song da rauf springe. Aber ich kann halt nicht bei einem anderen, weil ich da immer singen muss. Man ist ein bisschen gebunden an die Struktur der Songs. Aber wir probieren immer, irgendwelchen Mist zu machen, den wir noch nie gemacht haben und etwas Frisches reinzubringen. Heute
haben da zum Beispiel irgendwelche Leute aus dem Publikum auf der Bühne getanzt, und niemand hat es gemerkt. Das fand ich irgendwie total lustig. Und alle standen da und haben sich gefragt, ob die zwei zur Show gehören. Sowieso sind ständig Leute hinten durch den Wald auf die Bühne und in den Backstage-Bereich gekommen. Aber hier ist es ja auch so ein bisschen familiär, da darf das auch so sein. Das find ich OK, es ist ja nicht das Melt! hier, sondern Prima leben und stereo. Ich habe übigens rausgefunden, wenn Francoise Cactus und Brezel Göring Stereo Total sind, dann sind wir Surround Minimal.

Kennt ihr euch eigentlich?


Tobias: Nee. Heute Nachmittag haben wir an diesem Tisch hier gegessen und Stereo Total am Nebentisch, und da habe ich ihnen eine Vinyl von uns geschenkt und wir haben ein bisschen gequatscht über Frankreich und Musik und so weiter. Das war total nett. Ich kannte ihre Musik natürlich und finde Stereo Total super, aber wir haben uns heute erst kennengelernt.

Morgen sind ja auch noch Kissogram hier. Alles, was in Berlin Rang und Namen hat, scheint dieses Wochenende in Freising versammelt zu sein.

Tobias:
Ich habe gerade auch einen Remix gemacht für Kissogram, von The Deserter, aber ich weiß nicht, wann der rauskommt oder wo es den gibt. Ich finde, Jonas (Poppe, Sänger und Gitarrist von Kissogram - Anm. d. Red.) ist einer der besten Songwriter. Klar, Musik kann sehr verschieden sein, aber er ist ein unglaublich talentierter Songwriter. Kissogram hätten eindeutig verdient, berühmter zu sein, als sie sind. Wir haben eben erst vor ein paar Wochen mit ihnen zusammen gespielt. Eine super Band! Und Mediengruppe Telekommander spielt ja auch morgen. Die sind beim gleichen Booker wie wir, das heißt, wir spielen immer auf den gleichen Festivals. Morgen haben wir zwei Festivals, das wird ein bisschen eng. Eins spielen wir vor Coco Rosie, und die möchte ich eigentlich gerne hören, aber dann müssen wir gleich wieder losdüsen. Zwei an einem Tag ist immer hart. Aber wir wollen ja irgendwann mal jeden Tag drei Shows spielen: zum Frühstück, am Mittag und am Abend. Jeden Tag, immer drei Shows.

So wie Celine Dion in Las Vegas...

Tobias: Echt, hat die das gemacht? Und dann wohnen wir hinter der Bühne in einem Wohnwagen.

Das würde die Logistik wahrscheinlich vereinfachen, oder?

Tobias: Ja.

Habt ihr denn mehr Koffer mit Instrumenten oder mit Klamotten dabei?

Tobias: Jeder hat ja zwei Sortimente Koffer: einmal die privaten Outfits, und einmal die Bühnenoutfits. Diese zweimal neun Koffer versus die Instrumentenkisten, das hält sich die Waage. Es ist schon viel, der Bus ist gestopft, wie wir nur können.

Könnt ihr das Zeug zwischendurch eigentlich auch mal waschen, oder tragt ihr jeden Abend wieder dieselben Klamotten?

Tobias: Du kannst jetzt total froh sein, dass ich mich schon umgezogen habe, denn ich stinke so unglaublich! Das ist schon nicht mehr Gestank, das hat die Energie einer Atomspaltung! Ich glaube, wenn ich nicht der Bandleader wäre, würde das niemand akzeptieren. Meine Jacke haben wir schon so oft gewaschen, aber die stinkt unglaublich. Sogar das Holz meiner Gitarre stinkt schon. Aber was willst du machen, wenn du jeden Tag so schwitzt? Das kriegst du ja nicht mehr raus! Mich stört das nicht, weil es irgendwie dazu gehört. Es kommt mir auch keiner nahe auf der Bühne. Das ist ein bisschen meine Schutzwaffe, mein Schutzwall. Aber es ist ein einsames Leben, wenn man so stinkt wie ich.

Deswegen hast du also eine Horde Musiker um dich geschart.


Tobias: Ja, die haben alle eine verstopfte Nase. Nee, also mit den Kostümen ist das schon krass. Den Hasen waschen wir immer mal wieder, oder da gibt's auch mal ein neues Kostüm. Mir wird auch immer wieder was geklaut. Mir werden immer wieder meine Haare und Mützen geklaut, dann mache ich mir neue, und die stinken dann auch nicht. Aber meine Jacke, die ist unglaublich.

Entwerft ihr die Kostüme eigentlich selbst?


Tobias: Ich entwerfe selbst sehr viel und mache in letzter Zeit auch viel mit Anne Schmuhl in Berlin, einer super Designerin, mit der ich auch viele Merch-Sachen entwickle. Sachen mit Ohren dran und Tiermützen machen wir alle selber. Ein paar davon gibt's ja auch beim Merch zu kaufen. Solche Sachen entwerfe ich, und dann macht es jemand anderes, denn ich bin mit der Nähmaschine ein bisschen aus der Übung. Dann gibt es Sachen, die lassen wir machen, und ich reise auch oft und finde dann irgendwelche Sachen. Ich habe gerade tolle Dinge in Istanbul gefunden. Da gibt es ganz viele Keller, wo obskure Männer mit ganz vielen Klamottenkisten versteckt sind, das ist ganz super. Zwischendurch schicken uns Leute auch was oder bringen was vorbei, das ist total süß. Vor ein paar Tagen waren wir in Berlin, da hat mir jemand eine riesige Büste von Bonaparte gebracht. Ich finde es immer lustig, wenn die Leute irgendwas Blödes machen.

Gibt es für euch auch Grenzen, also etwas, das ihr auf der Bühne nie machen würdet?

Tobias: Ja, ich würde nie etwas machen, was ich nicht machen will. Aber ich könnte dir jetzt echt nicht sagen, was das wäre. Man lässt sich so von dem Moment leiten. Was sich richtig anfühlt, das macht man, und was nicht, das nicht. Das hängt so vom Publikum und vom Ort ab. Ob Lulu sich jetzt total nackt auszieht oder nicht, das hat total viel mit der Stimmung zu tun. Das ist halt immer verschieden, mal so, mal so. Mal spielt er die Rolle, mal macht er jenes. Ich kann das nicht sagen. Ich bin jetzt nicht der, der auf der Bühne öffentlich Dinge tut, die eher für den privaten Rahmen geeignet sind. Aber ich hab' auch schon auf der Bühne geküsst. Aber ich glaube, erst einmal. Ich überlasse das eher den anderen. Ich finde es immer faszinierend, wenn ich nach dem Konzert Bilder sehe. Ich seh' ja zum Teil gar nicht, was da passiert, denn ich bin vorne und muss singen. Und dann küsst Ginger irgendwelche Mädchen. Bei Lulus ersten Konzerten wusste ich auch nie, dass er sich nackt auszieht, und irgendwann habe ich Aufnahmen gesehen und dachte mir: "Wer ist denn da hinten splitternackt?!" Das habe ich am Anfang gar nicht gemerkt. Aber das ist ja auch die Idee, die hinter Bonaparte steht: Jeder macht, was er will. Ob das jetzt total introvertiert und ruhig ist oder extrovertiert und wild. Meistens sind die Leute eher wild, aber wir hatten auch schon Leute in der Band, die haben das ganze Konzert nur hinten auf dem Stuhl gesessen und nichts gemacht, nur geguckt. Die Charaktere machen, was sie wollen. Die Musiker müssen schon was bringen! Aber die Idee ist, dass jeder machen kann, was er will.

Was war denn bisher der beeindruckendste Moment in eurer Karriere?


Tobias: Ach, da gibt es immer wieder was. Es gibt Momente, die einfach magisch sind. Wo man nicht weiß, was Musik ist, aber man weiß, es ist etwas Wichtiges, das die Menschen und die Menschheit und sogar das Wetter bewegt, etwas Epochales. Es gibt Momente, da hat Musik einfach so eine Kraft, aber ich wüsste jetzt gar nicht mehr, wann, wie, wo, was. Es ist so ein Gesamtding. Ich glaube, Musik ist eine gute Beschäftigung. Ja, liebe Eltern, Musik kann ich Ihren Kindern nur empfehlen.


Bei Tobias Jundt von Bonaparte bedankt sich für das Interview: Bettina Koch

 

(2009)




Never too much!
Timo, der auch beim PLUS war 2009-08-25 13:15:49

you know tolstoi, I know playboy, you know politics, I know party
chicks!!!!!!!!!!! :-))
Hammer
C.Do 2009-08-26 13:20:22

Also ich habe bonaparte auch auf dem plus gesehn und fand die voll der hammer
Wenn er das sagt...
Minna 2009-08-26 20:40:14

Na dann werde ich mich jetzt mal bei meinen Eltern darüber beschweren, dass sie
mich nie haben ein Instrument spielen lernen lassen! :-) Grundschul-Blockflöte
gilt einfach nicht.
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