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Millencolin: "Skandinavier sind gute Songwriter"
Saturday, 21 July 2007 19:45
MillencolinMillencolin aus Schweden sind mal wieder in Deutschland auf Tour. Sänger Nicola Sarcevic liegt mit Erkältung in Bett. Das Konzert sei aber nicht in Gefahr, heißt es. Mathias Färm, Gitarrist der Band, springt als Interviewpartner in der Münchener Tonhalle ein. Er erzählt unter anderem von seinem Vorhaben, jeden Monat eine Beatles-Platte zu kaufen.

 

Kingwood ist der neuste kreative Erguss von Millencolin. Inwiefern unterscheidet es sich von euren bisherigen Platten?

Mathias Färm. Ich denke das neue Album ist nicht sonderlich anders als die anderen Sachen von Millencolin. Es ist eher ein Mix aus den älteren Millencolin und den neuen. Das passierte alles auf natürlichem Wege. Ich meine, es ist das erste Album, für das wir mehr als 20 Songs geschrieben haben. Für gewöhnlich haben wir 14 Songs aufgenommen und dann auch eben diese 14 Songs auf das Album gepackt. Das waren nicht sonderlich viele. Diesmal aber konnten wir aussuchen, welche Songs wir nehmen.

Liegt der Unterschied nur in der Musik oder auch in den Texten?

Mathias Färm. Eigentlich habe ich nur einen Text geschrieben, die meisten schreibt Nikola. Aber ich vermute, dieses Album unterscheidet sich ein bisschen von den anderen, denn dieses Mal schreibt er aus einer anderen Perspektive. Für gewöhnlich schreibt er nur über sich selbst, jetzt schreibt er über andere Leute. Das ist der größte Unterschied zwischen unserem alten und neuen Zeug.

Zu einem Song auf dem Album, nämlich 'Novo' schrieb Nikola Sarcevic den Text nicht. Erkennt man, dass der Text nicht von ihm ist?

Mathias Färm. Nikola und ich schreiben alle Songs gemeinsam. Wir machen das immer auf die selber Weise. Erst schreiben wir den Song. Wenn er fertig ist, also die Melodie steht, dann erst schreiben wir den Text. Dieser ist das letzte, was wir bei einem Song machen. Meistens hören wir das Lied, wie es fertig klingt, haben aber noch keinen Text. Nikola mischt dann normalerweise irgendwelche Wörter durcheinander und singt sie, später machen wir den Text draus. ‚Novo’ stellt eine Ausnahme dar, der Song handelt eigentlich von meinem Leben. Lies den Text, dazu gibt es sonst nicht viel zu sagen.

Stellen die Texte eine Art Ventil dar, um den Stress in der Band und durch die Band zu verarbeiten?

Mathias Färm. Nein, eigentlich nicht. Für uns ist es in erster Linie wichtig, interessante Songs zu schreiben, die eine tolle Melodie aufgreifen. Texte sind klasse und ich denke, wir haben auch gute Texte. Ich schreibe aber kaum Texte und somit ist es etwas schwer für mich, darüber zu sprechen.

Auf dem Cover von 'Kingwood' sind Erik, Fredrik und du als Jäger dargestellt, Nikola dagegen hat ein Geweih auf dem Kopf, auf der Innenseite des Booklets sieht er gar aus wie eine Jagdtrophäe. Die Grafik soll doch wohl nicht auf die derzeitige Bandsituation schließen?

Mathias Färm. Wir schützen ihn! Vor Interviews und solchem Zeug. Nein, eigentlich ist es nur ein komischer Spaß, denn in Schweden nennen wir den Elch den „König der Wälder“. Also ist Nikola der König der Wälder. Es ist ziemlich lustig, denn eigentlich hat das Ganze verschiedene Bedeutungen. In Spanien – ich glaube zumindest, dass es Spanien war – oder in Italien sind Hörner bei einem Mann sinnbildlich dafür, dass er von seiner Frau betrogen wird. Also schützen wir ihn vielleicht vor seiner Frau. Du weißt nie, ob es nicht womöglich wirklich so ist.

Warum gibt es denn überhaupt Millencolin? Was war der Auslöser?

Mathias Färm. Ich glaube, wir wollten einfach nur eine Band haben. Zu dieser Zeit waren Nikola und ich bereits sechs Jahre zusammen in der Schule. Wir waren Skateboarder, und alle Skateboarder hatten eine Band, nur Nikola und ich nicht. Also gründeten wir eine. Wir standen auf die Musik aus den Skateboardfilmen - und deshalb beschlossen wir, unsere eigene Musik zu machen, die auch so klingt.

Millencolin waren dieses Jahr auch auf einigen Festivals in Deutschland mit dabei, unter anderem beim Southside Festival. Es ist ja nicht das erste Mal für die Band - macht es euch Spaß, auf dem Southside zu spielen?

Mathias Färm. Ja! In erster Linie ist ein Festival eben doch anders, als seine eigene Show zu machen. Ich mag es, unsere Songs vor Leuten zu spielen und aufzutreten, die uns noch nie zuvor gehört haben. Das ist eine coole Sache. Auf einer Clubtour hast du eben nur Leute, die deine Musik sowieso hören.

Was macht mehr Spaß: Festivalauftritte oder die eigene Tour?

Mathias Färm. Ich mag beides. Wenn du eine gute Tour hast, ist das wirklich toll. Es kann natürlich auch absoluter Mist werden, das weiß man nicht. Aber ich mag beides sehr, eben weil es so unterschiedlich ist. Beim Festival gehst du einfach hin, spielst eine Stunde, hängst dann rum und schaust dir die anderen Bands an.

Welche Musik läuft bei Millencolin derzeit im Tourbus?

Mathias Färm. Ich höre im Moment Stereophonics. Außerdem habe ich mir ein Beatles-Album gekauft und mir vorgenommen, jeden Monat eine Platte von denen zu kaufen. Ich bin ziemlich gespannt auf die neuen Alben der Foo Fighters und von Weezer.

Ist es nicht komisch, wenn man Idole, die man früher hatte und an denen man sich orientiert hat, persönlich trifft und kennenlernt? Geht da nicht der ganze Flair verloren, der solche Personen sonst umgeben hat? Ist es nicht ernüchternd festzustellen, dass der Kerl, der früher das große Vorbild war, in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so toll ist, wie man erwartet hat?

Mathias Färm. Da fällt mir spontan Mr. Brett von Bad Religion ein. Er ist wirklich ein cooler Kerl. Er war wie ein Idol und wir trafen ihn, um unser Album zu produzieren. Er hat uns bei seinem Label unter Vertrag genommen. Allgemein würde ich sagen: ich habe noch nie einen Kerl getroffen, zu dem ich aufsehe, der ein Arschloch ist. Das sind immer nette Leute, die sind wie du selbst. Manchmal vielleicht, wenn sie zu sehr wie du selbst sind, bist du eventuell etwas enttäuscht. Sie umgibt ansonsten eben eine Art Magie.

Muss man sich denn verstellen, um richtig cool zu sein?

Mathias Färm. Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! (lacht) Nicht wirklich. Diese Kerle, von denen ich denke, dass sie wirklich cool sind, wie zum Beispiel die Gallagher-Brüder Liam und Noel von Oasis, sind nur deswegen cool, weil sie nicht die nettesten Typen auf der Welt sind. Sie machen, was sie wollen. Das ist Punk-Rock. Das macht sie cool. Allerdings weiß ich nicht, ob ich sie jemals treffen will. Sie sollen nicht gerade so nett sein, dass man sie unbedingt treffen muss.

Wenn man sich Gedanken über die Musik von Millencolin macht, stößt man oft auf den Vergleich mit Bad Religion. War die Band eine Art Quelle der Inspiration?

Mathias Färm. Natürlich weiß ich, dass sie eine Menge guter Songs gemacht haben. Ich weiß inzwischen aber auch, dass meine Hauptinspiration, wenn es um Musik geht, nicht von Bad Religion kommt. Es gibt so vieles anderes, das ich höre, von dem ich dann beeinflusst werde. Aber Bad Religion machen wirklich einfache Songs mit richtig einfachen Melodien, so wie die Beatles, und ich finde sie sind großartig.

Und trotzdem gelten sie ja durchaus als eure Vorbilder. Wie wäre es denn damit, nach der Musikerkarriere ein Studium zu beginnen, um sich weiterzubilden? Brett Gurewitz hat ja auch seine akademische Laufbahn begonnen.

Mathias Färm. Nein, ich mag die Idee zu studieren überhaupt nicht. Das einzige, was ich mir vorstellen könnte zu studieren, ist Tontechnik. Ich habe ein Aufnahmestudio, produziere und nehme seit etwa 10 Jahren auf. Ich würde gerne die Grundlagen lernen, wie man von einem Sound zum nächsten kommt. Ich weiß zwar, wie man einen recht guten Sound hinkriegt, aber nicht genau, wie und warum das überhaupt so funktioniert. Der eigentliche Hintergrund würde mich interessieren.

Skandinavische Bands wie Mando Diao, The Hives oder eben Millencolin erfreuen sich hierzulande immer größerer Beliebtheit und werden populärer. Gibt es da einen Grund?

Mathias Färm. Das ist großartig. In Schweden leben weniger als neun Millionen Menschen und trotzdem kommen verdammt viele Musiker von dort. Da bin ich wirklich stolz drauf. Wenn die Deutschen das mögen, ist es doch super.

Woran liegt es, dass die Skandinavier in Deutschland so erfolgreich sind?

Mathias Färm. Nur weil wir so unglaublich gute Songwriter sind! Das ist die Antwort auf alles.

Gibt es Momente, in denen die Musikkariere zu anstrengend ist und man sich vielleicht wünscht, einen Job als Bäcker auf Lanzarote zu haben.

Mathias Färm. Nein, ich würde gar nichts gegen das hier tauschen. Wir haben die Schule verlassen und diese Band gegründet. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie gearbeitet. Wir hatten eine Menge Glück und ich glaube, dass wir einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Aber so gefällt es mir.

Ist es einfach oder überhaupt möglich, Familie mit der Karriere unter einen Hut zu kriegen, wenn man die ganze Zeit unterwegs ist?

Mathias Färm. Wir haben einen Riesenspaß, und ich habe nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, wie massig wir durchgehend auf Tour sind. Wenn ich alles noch einmal von vorne machen müsste und, sagen wir mal, zehn Jahre älter wäre, würde ich es nicht mehr tun. Na, wahrscheinlich würde ich doch, denn es ist großartig. Heutzutage haben wir ja auch die Kontrolle und entscheiden darüber, wo und wann wir spielen und wie lange wir unterwegs sind. Das macht das Ganze um einiges einfacher.

Bei so viel Liebe und Hingabe zur Musik, wie sehen die Wünsche für die Zukunft von Millencolin aus?

Mathias Färm. Hoffentlich können wir damit weiter machen, gute Musik zu machen. Wir werden auch bis Februar nächsten Jahres auf Tour sein.

Bei Mathias Färm von Millencolin bedanken sich für das Interview: Nina-Carissima Schönrock und Dominik Hoferer

(2005)




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